TV-Duell zwischen Royal und Sarkozy Harte Schläge, kein K.o.
Es ist eine Handvoll Gäste, die ein Pariser Werbeunternehmer für die Fernsehdebatte Royal-Sarkozy in seiner Wohnung versammelt hat - Anwälte, ein Kaufmann, ein Diplomat. Gewiss kein demographisch repräsentativer Querschnitt, politisch vielleicht eher links, so wie die Gegend zwischen dem Bahnhof St. Lazare und dem Vergnügungsviertel Montmartre. Die Erwartungen sind hoch: "Royal muss mit den Inhalten überzeugen", so die einhellige Meinung, "Sarkozy mit seiner Persönlichkeit."
Damit ist die Latte ziemlich hoch gelegt: Denn UMP-Chef Sarkozy gilt als beckmessernder, manchmal gar unbeherrschter oder aggressiver Politiker, während der Sozialistin in den vergangenen Monaten immer wieder mangelnde Kompetenz vorgeworfen wurde.
21.00 Uhr: Gong zu Runde Eins. Sarkozy beginnt mit höflichem Geplänkel. Der UMP-Mann spricht als Aktivist: "Ich will ein Präsident der Verantwortung sein", und gelobt mehr Macht für das Parlament. Madame Royal geht schon jetzt auf Konfrontation, blickt auf die Regierungszeit der Ära Chirac zurück und listet die Versäumnisse auf: Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Teuerungen und eine riesige Staatsverschuldung.
"Bin ich verantwortlich für die Regierung? Ja", sagt Sarkozy und redet über seine Bilanz als Innenminister - im Vergleich mit der Amtszeit der Sozialisten gibt er sich dabei gute Noten. Nicht ungeschickt - wo es um die Schulden geht, appelliert er an den "gesunden Menschenverstand", die Schulden müssen runter, die Zahl der Beamten verringert werden.
Madame Royal antwortet, so wie sie es während der gesamten folgenden zwei Stunden tun wird: Mit einem Beispiel aus dem Leben - ihre Stärke ist ihre Art der Argumentation. Sie spricht von einer vergewaltigten Polizistin in einem Pariser Vorort, spricht von Stellenkürzungen bei Krankenschwestern und Lehrern. "Ich werde keine Beamtenstellen kürzen", so die PS-Frau und muss sich dann vorhalten lassen, die Sozialisten hätten im Parlament gegen die Erhöhungen des Sicherheitsetats gestimmt.
Vorteil Royal
Dann wird Sarkozy technisch-detailliert, rattert Statistiken zu Rückfalltätern herunter, ja, und gekürzt werden soll bei den Zöllnern, weil die mittlerweile überflüssig geworden sind. Und Schuld an der allgemeinen Misere ist, hier trumpft er das erste Mal auf, aus Sicht Sarkozys die 35-Stunden-Woche - ein Herzstück der sozialistischen Reformen. Royal pariert: "Warum haben Sie nicht die Reform durchgezogen für die Rückfalltäter, Sie waren fünf Jahre lang der Innenminister?" Die erste Runde. Vorteil Royal.
Vier Tage vor dem Wahlgang für den Einzug in den Élysée-Palast steht für beide die politische und persönliche Zukunft auf dem Spiel - auch wenn Sarkozy, seit Januar in den Umfragen stets vor der Konkurrentin, als Favorit am quadratischen Tisch in den Fernsehstudios von Boulogne-Billancourt Platz genommen hat.
"Wenn Sie alle Themen zugleich ansprechen, wird die Debatte oberflächlich", höhnt er jetzt. Dann wird es ein Handgemenge - es geht um die Neuverteilung von Posten und Funktionen in der öffentlichen Hand. Sarkozy spricht von Budgetfragen, Royal fordert rundweg die Umverteilung von nationalen und regionalen Kompetenzen. Und dann ist sie schon beim Lieblingsthema "Arbeit für die Jugend" - 500.000 Jobs für Berufsanfänger und "das funktioniert", triumphiert die Kandidatin unter Berufung auf die Erfahrung ihrer Region.
Sarkozy gleicht aus
Nichts blieb bei dieser Debatte dem Zufall überlassen: Das futuristische Dekor einer runden Arena, die Einstellungen der zwölf verdeckten Kameras, die Position der beiden Moderatoren - Arlette Chabot vom öffentlich-rechtlichen Kanal "France 2" und Patrick Poivre d'Avor vom dem Privatsender "TF1". Zwei Meter massive Holzplatte trennen die beiden Kandidaten, Meilenweit ist der Abstand der zwei verschiedenen politischen Projekte und der zwei Visionen von Frankreichs Zukunft.
21:44 Uhr. Die Vollbeschäftigung. Niemand auf der Welt teilt die Arbeit wie einen Kuchen, so Sarkozy und schlägt eine "andere Strategie" vor, so "wie Ihr Freund Tony Blair". Und holt aus zu seinem Spezialthema - der Verbindung von Arbeitsbeschaffung und Sozialhilfe. "Wenn Sie gegen die 35-Stunden-Woche waren, warum haben Sie diese Reform nicht abgeschafft?", fragt Royal und legt nach, sie fordert eine Lockerung der Arbeitszeit, je nach Branche und Unternehmen. "Ich stelle fest, dass Sie diese soziale Errungenschaft nicht in Frage stellen."
Überraschung: Bei einem Thema sind sich die Kandidaten einig
Im Visier sind jetzt die Wechselwähler. Denn nach der ersten Vorauswahl kann Sarkozy mehrheitlich auf die Anhänger des rechtsextremen "Front National" zählen, Royal vereint die meisten Stimmen der Linken, Grünen und Globalisierungsgegner - beide Kandidaten umwerben daher vor allem die rund 20 Prozent unentschlossenen Wähler der politischen Mitte und wollen sich gleichzeitig, jenseits aller Argumente, als Figur von präsidialem Format darstellen.
Eine Überraschung - bei den Mindestlöhnen und der Kaufkraft sind sich die Kandidaten einig.
Royal, in blauem Kostüm und weißer Bluse, schlägt dann eine Steuer auf die Börsenprofite vor, Sarkozy bohrt nach: "Wie hoch soll sie denn sein diese Steuer? Haben Sie keine Zahl?" Royal, mit giftigem Blick, verteidigt sich mit dem Hinweis auf die unbekannte Größe des Wachstums. "Unterbrechen Sie mich nicht", so Royal, als Sarkozy, die ersten Schweißperlen am Kragen des blauen Einreihers, noch mal nachfragt, aber die Antwort auf die Frage bleibt sie dem ehemaligen Wirtschaftsminister schuldig. Die Runde geht an Sarkozy.
Straßenfeger TV-Duell
Es wird spannend in dem TV-Spektakel mit einer "Zuschauerzahl wie beim Endspiel der Fußballweltmeisterschaft", so der "Parisien Liberé". Nicht einmal das zur selben Sendezeit ausgestrahlte Spiel der Championsleague, AC-Mailand gegen Manchester United, lockt die Franzosen zum Zappen - die sportliche Konfrontation bleibt hinter der Quote für den politischen Entscheidungskampf zurück.
Ja, die fünfte Debatte in der Geschichte der V. Republik darf sich, inhaltlich wie rhetorisch, mit den großen Auseinandersetzungen der Vergangenheit messen. Unvergessen - und derzeit auf einem Pariser Theater nachgespielt -, die intellektuellen Gefechte des konservativen Giscard d'Estaing gegen Francois Mitterrand, bei dem Giscard 1974 dem Sozialisten vorwarf er habe "keinen Alleinvertretungsanspruch auf die Herzen"; unübertroffen die Retourkutsche von 1981 als Mitterrand, von Giscard beschuldigt als Politiker "passé" zu sein, seinem Kontrahenten entgegenhielt als Politiker "passiv" zu sein.
Und konkurrenzlos der Zweikampf Mitterrand gegen Jacques Chirac von 1988, als der linke Präsident gegen den rechten Regierungschef antritt und ihn stets als "Monsieur Premierminister" apostrophiert, bis Chirac konstatiert: "Heute Abend sind wir beide ebenbürtige Kandidaten" - und Mitterrand herablassend kontert: "Da haben Sie vollkommen Recht, Monsieur Premierminister." Aber - an "giftigen Pfeilen" mangelt es auch diesmal nicht.
"Madame holt die Boxhandschuhe"
Die Debatte wird hart, als es um Erziehung geht, die Royal zum "Herz" ihrer Präsidentschaft machen will. Ja, Sarkozy spricht sogar davon, dass Madame "die Boxhandschuhe rausholt". Den Auftakt macht Sarkozy mit einem Hinweis auf die Unterstützung behinderter Kinder und öffnete damit, unabsichtlich, eine Flanke für einen Tiefschlag der Kandidatin: "Nein, ich bin entsetzt über das was ich höre. Ich habe als Erziehungsministerin durchgesetzt, dass 7000 Betreuer für behinderte Kinder eingesetzt werden. Und Sie fordern hier mit einer Träne im Auge, dass die Eltern vor Gericht ziehen sollen, um ihre Rechte einzuklagen - nein, dass ist nicht hinnehmbar", erregt sich Royal, moralisch und argumentativ im Oberwasser, während Sarkozy, nun wirklich aus der Ruhe gebracht, sich auf die Opferrolle verlegt. Eine Rolle in der er nicht überzeugt.
"Beruhigen Sie sich", so der UMP-Mann. "Nein, es gibt eine Wut, die gerechtfertig ist", so Royal. Und: "Ich bin nicht wütend, ich bin empört", donnert sie. Sarkozy versucht es sarkastisch: Ihre Präsidentschaft, "das kann ja heiter werden."
Und dann werden, hopphopp, noch ein paar Reformprojekte heruntergespult
Es ist schon fünf Minuten nach den verabredeten zwei Stunden Debattenzeit, als Royal zur Einwanderung befragt wird, Sie spricht von einem Plan für Afrika, damit die Immigration schon an der Basis gestoppt wird. Nein, eine generelle Anerkennung von Flüchtlingen will Sarkozy nicht, der als Innenminister dafür verantwortlich war, dass der Großvater eines illegalen Schülers vor dessen Schule festgenommen wird. "Spielen Sie nicht mit der Misere der Menschen", erregt sich Royal.
Minuten für die Reformen
Nun werden die Moderatoren nervös, die Zeit läuft davon und nun sollen in Minutenschnelle die Reformen der V. Republik ins Lot gebracht werden. Kein Wunder, dass es holprig wird. Sarkozy spult sein Reformprojekt herunter, Royal appelliert an die politische Mitte und fordert eine neue, "Sechste Republik" mit eindeutigen Rechten für das Parlament, für effektive Arbeit, für mehr Mitsprache für die Opposition: "Der Staat darf nicht länger nur einer Partei gehören."
An dieser Stelle verzichtet Sarkozy auf ein Guthaben von drei Minuten Redezeit.
Ganz der Mann
23:32 Uhr. Die Ringrichter Chabot und Poivre d'Avor fordern die Kontrahenten auf, übereinander zu urteilen: Sarkozy ganz Gentleman nutzt die Chance und lobt die Kandidatin als "Frau von Qualitäten". Royal bleibt kühl: "Ich erlaube mir kein persönliches Urteil, sondern ich hoffe, dass die Franzosen auf Grund der Projekte urteilen." Und nun - Auftakt zur letzten Runde. "Ich setzte auf Aktion, ich will agieren, Frankreich hat mir alles gegeben, ich will alles zurückgeben. Ich werde alles halten, was ich versprochen habe, ich werde die Franzosen nicht enttäuschen", hämmert Sarkozy in sein Schlusswort, ganz der Mann, der Macher, vielleicht auch Macho.
Royal profiliert sich feminin, wie auch sonst, wendet sich an die "Unentschlossenen: Es ist eine Wahl, die Wagemut erfordert, eine Frau an der Spitze des Staates, das hat es anderswo auf der Welt gegeben, denken Sie nur an Angela Merkel", sagt sie und qualifiziert sich als "Mutter von vier Kindern", die versöhnen will, Familie, Arbeit und Nation: "Ich werde die Franzosen nicht gegeneinander stellen, ich will die Energien des Landes zusammenfassen." Ihr Frankreich ist das einer harmonischen Zukunft.
Es geht auf Mitternacht, bei dem Werbefachmann am Place Clichy wird Champagner gereicht. "Nicht schlecht", sagen die Gäste zum Niveau der langen, mehr als zweistündigen Debatte. Hier hat Royal in der Wertung die Nase vorn, "sie war offensiv und sympathisch", sagt die einzige Frau in der Runde, "Royal hat sich beim 'großen Mündlichen' gut geschlagen."
In den Kneipen an der Pigalle gehen die Meinungen derweil auseinander. Die Sarko-Fans heben den Daumen für ihren Kandidaten, der "gesagt hat, was Sache ist". Die Angehörigen des "ältesten Gewerbes", das verwundert nicht, sehen die Kandidatin der Sozialistin in Führung, "weil Ségo es dem UMP-Kerl doch mal richtig gezeigt hat".
Unentschieden auf hohem Niveau
Kein Fotofinish also, kein technischer K.o., sondern eher ein Unentschieden auf hohem Niveau. Oder war die ganze Aufregung umsonst? Eine Debatte für das Fernsehen, ein Medienspektakel ohne Folgen?
"Die Debatten zwischen den beiden Wahlgängen haben nie über den Ausgang der Präsidentschaft entschieden", schreibt der "Figaro" unter Berufung auf die Expertisen von Politologen, weil die TV-Diskussionen nie mehr als 300.000 Wähler umgestimmt haben. Allerdings, so gesteht das konservative Blatt, ist die Zahl der unentschiedenen Franzosen von Wahl zu Wahl ständig gestiegen.
Der Schlussgong erklingt am Sonntag.