TV-Sprechstunde mit Russlands Premier Putins One-Man-Show offenbart Schwächen

Viereinhalb Stunden Sendezeit und 2,6 Millionen Bürgerfragen: Wladimir Putin brach bei seiner diesjährigen TV-Fragestunde alle früheren Rekorde. Russlands starker Mann rechnete mit seinen Gegnern ab und sprach Widersacher Chodorkowski schuldig. Doch ganz perfekt war die Inszenierung nicht.

Premier Putin (nach TV-Show): 2,6 Millionen Bürgerfragen, viereinhalb Stunden Sendezeit
dpa

Premier Putin (nach TV-Show): 2,6 Millionen Bürgerfragen, viereinhalb Stunden Sendezeit

Von , Moskau


Sergej Michailowitsch Sotnikow, graumeliertes Haar und buschige Augenbrauen, ist ein Held nach russischem Geschmack. Jahrelang hielt er eine Landebahn in der Republik Komi in Russlands hohem Norden instand, obwohl sein Arbeitgeber das Rollfeld aufgegeben und die Mitarbeiter nach Hause geschickt hatte. Mit seiner Beharrlichkeit rettete Sotnikow aber im September 80 Russen das Leben: Als die Technik eines Tupolew-Jets versagte, suchte die Crew verzweifelt nach einem Landeplatz in der dünn besiedelten Provinz - und fand Sotnikows Flugfeld.

Nun sitzt der ältere Herr in einem Moskauer Fernsehstudio, in dem der jährliche TV-Talk mit Wladimir Putin gedreht wird. "Darf ich fragen, warum Sie das Flugfeld in Betrieb gehalten haben?", fragt Putin. Sotnikow lächelt und sagt: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Einmal im Jahr strahlt Russlands Staatsfernsehen das "Gespräch mit Wladimir Putin" aus, meist in epischer Breite. Im vergangenen Jahr blieb Putin rekordverdächtige 241 Minuten am Stück auf Sendung und beantwortete rund 80 Fragen besorgter Bürger: Russland steckte in der schwersten Krise seit einem Jahrzehnt, die Wirtschaft schrumpfte um acht Prozent.

Nun wächst Russland wieder um fast vier Prozent - und Putin nutzt die Sendung, um eine Bilanz des vergangenen Jahres zu ziehen. Es ist ein Rückblick auch auf die Höhen und Tiefen von 2010, und manchmal erinnert er ein bisschen an Günther Jauchs Sendung "Menschen, Bilder, Emotionen", in der Stars und Privatpersonen von den bewegenden Momenten des Jahres berichten.

Der Kanal "Rossija 1" hat die Helden von 2010 in Moskau versammelt, neben Rollbahn-Wärter Sotnikow Feuerwehrleute, die im Sommer die verheerenden Waldbrände bekämpften. Auch Frauen sind gekommen, die im September bei einem Grubenunglück ihre Männer verloren. 78 Menschen starben damals bei zwei Explosionen im Schacht "Raspadskaja", 15 gelten offiziell noch immer als vermisst. "Bergmann", sagt Putin, "ist ein heldenhafter Beruf."

Unterdessen laufen bei "Rossija 1" die Drähte heiß: Hunderttausende Bürger wollen Putin per Mail, SMS oder über insgesamt 150 Telefonisten eine Frage stellen. Bis zu 120 Anrufe verzeichnet das System pro Sekunde.

Auf manche Fragen mag Putin nicht antworten

"Wann hören die Ärzte im Land endlich auf, Bestechungsgelder zu nehmen?", fragt da einer. Doch Putin kann nicht auf alle Fragen reagieren, die von der Regie auf Laufbändern eingeblendet werden. Auf manche mag er auch nicht antworten. Warum Putin im Verein mit Präsident Dmitrij Medwedew den im Volk beliebten bisherigen Bürgermeister von Moskau demontiert habe? "Vielleicht, weil er sich unsportlich verhalten hat", sagt Putin und lächelt.

Stattdessen rechnet er mit seinen politischen Widersachern ab. Die liberale Opposition trage eine Mitschuld an den ethnischen Unruhen der vergangenen Tage in Moskau, sie sei gierig nach "Geld und Macht". Seine Gegner müssten verstehen, dass der Staat auf wenige Oppositionelle keine Rücksicht nehmen könne, sondern "die Interessen der Mehrheit gewährleisten" müsse.

Nacheinander werden dann die Orte zugeschaltet, die Putin in diesem Jahr besuchte und mit Wohltaten bedachte: Ein verfallendes Dorf in Sibirien, dessen Dorfschule dank der Hilfe des Premiers inzwischen über einen mit Apple-Rechnern ausgerüsteten Informatik-Raum verfügt. Eine stahlverarbeitende Vorzeigefabrik. Ein von den Waldbränden zerstörtes Dorf, für dessen Bewohner die Regierung 68 neue Reihenhäuschen gebaut hat. Der Fernsehmann, der vor Ort im Außeneinsatz ist, jubelt: "Jetzt gibt's hier sogar Internet."

Nicht überall funktioniert die Inszenierung so reibungslos. In Astrachan am Kaspischen Meer schwenkt die Kamera einen Moment lang weg von den Auserwählten, die Putin befragen dürfen und enthüllt so, dass hinter ihnen Polizisten das Gelände abgesperrt haben und Wache schieben. Kein Passant oder gar Querulant soll sich zwischen die adrett aufgereihten Fragesteller mischen. In Krasnojarsk vermasseln Kinder ihren Jubel-Einsatz, die Regie reagiert mit einem vernehmbar ärgerlichen "nein, nicht jetzt".

Aufgebracht erkundigt sich eine Anruferin nach dem Schicksal des inhaftierten Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski, auch wenn sie wisse, dass Putin lieber Fragen "über irgendwelche zufriedenen Rentnerinnen" hören wolle, wie die Dame sagt. Am Mittwoch erst hat ein Moskauer Gericht die für diese Woche angesetzte Verkündung des Richtspruchs vertagt, ohne Angabe von Gründen. Putin aber fällt sein Urteil vor einem Millionenpublikum: "Der Dieb soll im Gefängnis sitzen", sagt er.

Ein mutiger Arzt meldet sich aus der Provinz

Aus Iwanowo ruft ein Arzt an. Im November hat Putin in der Stadt ein Krankenhaus besucht. Die Mediziner zeigten damals stolz modernste Geräte und berichteten von ihren Erfolgen. So sei es gelungen, die Zahl der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen um ein Drittel zu senken. Eine größere Show-Einlage als bei Putins "Arbeitsbesuch" habe seine Heimatstadt noch nie erlebt, wettert nun der Anrufer. Die Ausstattung sei von der Krankenhausleitung lediglich für die Zeit der Visite aus allen Abteilungen zusammengerafft worden, in den Krankenzimmern hätten "statt der Patienten verkleidete Verwaltungsangestellte" gelegen. Es gibt Applaus im Studio. Putin lächelt dünn. "Ich verstehe nicht ganz", sagt der Premierminister, "was Sie da beklatschen: Die Kunstfertigkeit der örtlichen Administration - oder den Mut diese Arztes?"

Die Bilanz des Senders fällt jedenfalls positiv aus: 2,6 Millionen Fragen gingen bei "Rossija 1" ein, Putin blieb 265 Minuten auf Sendung - und überzog damit die geplante Sendezeit um 85 Minuten.

Die wichtigste Frage aber ließ der Premier unbeantwortet: Beabsichtigt Putin, nach den Präsidentschaftswahlen 2012 in den Kreml zurückzukehren? Zu seinem Verhältnis zu Staatschef Medwedew sagte Putin lediglich scherzhaft, er wechsle sich mit ihm "beim Schlafen ab", damit einer stets die Geschicke des Landes lenken könne. Anstalten, die große politische Bühne zu verlassen, machte Putin jedoch nicht. "Unsere Pläne gehen bis 2035", sagte der Premier fröhlich.

Dann wäre er 83 Jahre alt.

insgesamt 22 Beiträge
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Lobesamen 16.12.2010
1. Michail, der Dieb
Zitat von sysopViereinhalb Stunden Sendezeit und 2,6 Millionen Bürgerfragen: Wladimir Putin brach bei seiner diesjährigen TV-Fragestunde seinen eigenen Rekord. Russlands starker Mann rechnete mit seinen Gegnern ab und sprach Widersacher Chodorkowski schuldig. Doch ganz perfekt war die Inszenierung nicht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,735158,00.html
Nicht gerade die feine Art eines Präsidenten während eines laufenden Gerichtsverfahrens über den Angeklagten herzuziehen und ihn vorzuverurteilen. Niemand sollte aber meinen, dass Chodorkowski mit lauteren Mitteln in den neunziger Jahren zu seinen Milliarden gekommen ist. Alle (!) seine Oligarchen-Kollegen haben Dreck am Stecken und Blut an ihren Händen. Sie waren nur geschickt genug, sich frühzeitig ins Ausland abzusetzen. Michail, der Dieb: das ist ja fast noch nett von Putin formuliert.
KLONK! 16.12.2010
2. der König ist tot, es lebe der König...
Zitat von LobesamenNicht gerade die feine Art eines Präsidenten während eines laufenden Gerichtsverfahrens über den Angeklagten herzuziehen und ihn vorzuverurteilen. Niemand sollte aber meinen, dass Chodorkowski mit lauteren Mitteln in den neunziger Jahren zu seinen Milliarden gekommen ist. Alle (!) seine Oligarchen-Kollegen haben Dreck am Stecken und Blut an ihren Händen. Sie waren nur geschickt genug, sich frühzeitig ins Ausland abzusetzen. Michail, der Dieb: das ist ja fast noch nett von Putin formuliert.
Heimlicher Puppemspieler würde eher zutreffen, schließlich ist er es momentan nicht, der Präsident. Das die Russen eine Diktatur und keine Demokratie sind dürfte auch dem letzten Dorftrottel bewußt sein. Also was schert da ein Bauernopfer. *Ironieoff* Irgendwann liebe Herscher und Herschenden, irgendwann wird es einen lauten Knall geben ... man blicke nur zurück was das Ergebniss der franz. Revolution war ... und die Geschichte wiederholt sich. Zwangsläufig, auf kurz oder lang.
wolf-wolf 16.12.2010
3. Ich hätte mir gewünscht dass unsere Kanzler ......
Zitat von KLONK!Heimlicher Puppemspieler würde eher zutreffen, schließlich ist er es momentan nicht, der Präsident. Das die Russen eine Diktatur und keine Demokratie sind dürfte auch dem letzten Dorftrottel bewußt sein. Also was schert da ein Bauernopfer. *Ironieoff* Irgendwann liebe Herscher und Herschenden, irgendwann wird es einen lauten Knall geben ... man blicke nur zurück was das Ergebniss der franz. Revolution war ... und die Geschichte wiederholt sich. Zwangsläufig, auf kurz oder lang.
Ich hätte mir gewünscht dass unsere Kanzler oder Präsident sowie alle Politiker so bedacht sind um wohl eigenes Landes und Volk wie Premier Wladimir Putin und Präsident Medwedew oder Außenminister Lawrow. Wladimir Putin war doch derjenige der Russland vor verschleudern am ausländische Konzerne durch den Söffer Jelzin gerettet hat und dass Land nach vorne gebracht hat (Amtsantritt- 85% lebte unter Lebensminimumgrenze nach 8 Jahren waren es 15% , das ist was!!) und abgesehen davon dass der Chodorkowski ist der Steuerhinterziehung schuldig, man ist doch nicht nur in Russland gleichgültig wen einer in solche Position und "Geldmacht""arbeitet" gegen Interessen des Landes. Und übrigens ein Puppenspieler ist leider unsere außenministerlein guido w.
vHayekFan 16.12.2010
4. wohl wahr
Zitat von LobesamenNicht gerade die feine Art eines Präsidenten während eines laufenden Gerichtsverfahrens über den Angeklagten herzuziehen und ihn vorzuverurteilen. Niemand sollte aber meinen, dass Chodorkowski mit lauteren Mitteln in den neunziger Jahren zu seinen Milliarden gekommen ist. Alle (!) seine Oligarchen-Kollegen haben Dreck am Stecken und Blut an ihren Händen. Sie waren nur geschickt genug, sich frühzeitig ins Ausland abzusetzen. Michail, der Dieb: das ist ja fast noch nett von Putin formuliert.
Der Präsident hat sich das ja auch verkniffen. Der setzt noch darauf, im Westen zu punkten, wird aber auch noch lernen, dass dies ohne Landesverrat nicht möglich ist. Was nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass in Russland mit harten Bandagen gekämpft wird. Würde ich in Russland, wie es jetzt regiert wird, leben wollen? nein Unter Chodorkowski oder Jelzin? noch weniger nochmal ganz klar zu Chodorkowski: Der Mann wollte den USA den Zugriff auf die russischen Bodenschätze verkaufen. Hätte irgend jemand in den USA versucht, dort strategische Firmen (z.B. Halliburton) an die Russen oder gar die Chinesen zu verkaufen und dazu noch ein so kompliziertes Geflecht aus Briefkastenfirmen in allen möglichen Ländern aufgebaut, dass es unmöglich ist, zu wissen, wem was gehört, wäre es ihm nicht anders gegangen - und in der Bundesrepublik auch nicht.
marvinw 16.12.2010
5. Schon wieder schlechte Nachrichten von Herrn Bidder
---Zitat--- Putins One-Man-Show offenbart Schwächen ---Zitatende--- Sehr geehrter Herr Bidder, ihre ständig schlechte Nachrichten aus Rußland kennen wir mittlerweile zu gut. Yukos war eine Firma die wie alle Großkonzerne in Rußland kriminell gehandelt hat und Herr Chodorovsky war kein armer enteigneter Unternehmer sondern ein ehemaliger kommunistischer Aktionär der sich einen Haufen Staatseigentum für ein Paar Rubel geschnappt hat, und dem es nicht gereicht hat ein Millionär zu sein, er wollte auch das ganze Land aneignen. Größenwahn halt. Herr Bidder, dass wir hier in Deutschland sitzen bedeutet nicht dass wir dumm sind.
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