Tyrannen in Rente Gin Tonic für die Schlächter

Idi Amin, Mengistu - und nun auch Liberias Charles Taylor: Prominente Ex-Tyrannen verleben oftmals einen geruhsamen Ruhestand, weil sich die Welt für ihre Verbrechen nicht lange interessiert. Neuerdings können afrikanische Diktatoren sogar Gastprofessoren an der Universität Boston werden.

Von Erich Wiedemann


Liberias Diktator Charles Taylor: Ungeschoren ins Exil
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Liberias Diktator Charles Taylor: Ungeschoren ins Exil

Diktatoren kommen bekanntlich nicht in den Himmel. Doch wenn ihr Amtsende nicht mit ihrem Lebensende zusammenfällt, müssen sie irgendwo bleiben, bevor sie endgültig zur Hölle fahren. Wohin also mit ihnen?

Die Frage ist wieder hoch aktuell, seit der Diktator von Liberia, Charles Taylor, sich ins Exil begeben hat. Und zwar aus Liebe zu den Menschen. Auf einer Kundgebung sagte er mit dumpfer Stimme: "Ich habe beschlossen, das Opferlamm zu sein, damit ihr Leben könnt." Taylor ist der Einladung des nigerianischen Staatspräsidenten Olusegun Obasanjo gefolgt. Nigeria liefert ausländische Straftäter nämlich nicht aus. Kein afrikanischer Staat hat jemals einen ausgemusterten Tyrannen an seinen Heimatstaat ausgeliefert.

Renteninsel für ausgemusterte Despoten

Vielleicht wäre Charles Taylor eigentlich lieber nach ""Despotamia" ausgewandert. Das ist ein fiktives Land, das der der britische "Economist" im Frühjahr erfand, als Washington Saddam Hussein freies Geleit in ein Land seiner Wahl anbot, um einen Krieg im Irak in letzter Minute abzuwenden.

Despotamia ist eine gedachte "Insel, vielleicht tropisch, aber keine Wüste", in die sich "einige derjenigen, die ihre Völker drangsalierten, davonmachen würden, wenn ihnen Straffreiheit und lebenslang Gin-Tonic garantiert würden." Zweiflern gibt der "Economist" zu bedenken, dass in Despotamia durchaus nicht die reine Glückseligkeit auf die erlauchten Schurken warte. Denn: "Die andauernde Gesellschaft von Leuten ihres eigenen Genres würde eine Bestrafung für diejenigen darstellen, die heute Kuba, den Irak, Nordkorea und Simbabwe tyrannisieren."

Vor der Hinrichtung das eigenen Ohr essen

Charles Taylor war in jüngster Zeit der (vermutlich) schlimmste Gewaltherrscher des schwarzen Kontinents. Sein Wirken hat eine breite Blutspur durch die Geschichte Liberias und seiner Nachbarländer gezogen. Er hatte sich 1980 gemeinsam mit seinem alten Kameraden Sam Doe in Monrovia an die Macht geputscht. Doe wurde zehn Jahre später gestürzt und musste vor laufender Video-Kamera seine eigenen Ohren aufessen, bevor sie ihn liquidierten. Sein Kompagnon kam davon. Er machte in den folgenden Jahren aus Afrikas ältester Republik einen Gangsterstaat.

Die Kinderbanden in Liberia und Sierra Leone, die Taylor im Tausch gegen Blutdiamanten mit Waffen und Drogen versorgte, waren für ihre Grausamkeiten berüchtigt, vor allem für ihre Gewohnheit, Feinden mit Macheten die Hände und Füße abzuhacken. Die Massenschlächterei, in der er die Rolle des Impresarios spielte, kostete 200.000 Menschen das Leben.

Wegen Beteiligung an den Massakern hat das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Sierra Leone gegen Charles Taylor einen Haftbefehl erlassen. Das war aber eher ein symbolischer Akt. Auf der Friedenskonferenz in der ghanaischen Hauptstadt Accra jedenfalls wurde er letzten Monat nicht belästigt. Und nichts spricht dafür, dass sich daran etwas ändert.

Gewaltherrscher Idi Amin (1975): Der heute 75-Jährige bereitet in Saudi-Arabien seine Rückkehr nach Uganda vor
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Gewaltherrscher Idi Amin (1975): Der heute 75-Jährige bereitet in Saudi-Arabien seine Rückkehr nach Uganda vor

Afrikas prominente Ex-Diktatoren leben im Ruhestand ganz kommod. Ihr Doyen, Generalfeldmarschall Idi Amin Dada von Uganda, hat gerade in Saudi Arabien seinen 75. Geburtstag gefeiert. Seine saudischen Gastgeber haben ihn immer gut behandelt. Logis frei, dazu eine ordentliche Apanage und stets den neuesten Amischlitten.

Big Daddy, wie er früher genannt wurde war der prominenteste und blutrünstigste Despot der neueren afrikanischen Geschichte. In seinen acht Regierungsjahren hat er schätzungsweise 300 000 Menschen umbringen lassen. Das sind mindestens zehnmal so viele wie der entthronte Balkanfürst Slobodan Milosevic, der sich derzeit in Den Haag wegen Völkermordes verantworten muss.

Der brutalste aller Tyrannen

Amin musste Uganda im April 1979 vor anrückenden Invasionstruppen aus Tansania überstürzt verlassen. Er logierte ein paar Monate in Libyen und wurde dann von den Saudis aufgenommen. Ein Comebackversuch 1989 misslang.

Niemand hat Amin je wegen seiner Vergangenheit zur Rechenschaft gezogen. Im öffentlichen Bewusstsein galt er eher als antiimperialistischer Faxenmacher denn als Massenmörder. Jetzt denkt Amin sogar an Heimkehr. Sein Sohn Hadschi Ali hat das im Krieg zerstörte Elternhaus in Uganda wieder aufgebaut. Amin erwägt nun, dort seine alten Tage zu verbringen. Die Regierung in Kampala hat ihm Straffreiheit zugesichert - und, als ehemaligem Staatspräsidenten, eine Pension.

Leichen der Gegner im Kühlfach

Kannibalenkaiser Jean-Bedel Bokassa (1977): sechs Jahre Haft für Massenmord
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Kannibalenkaiser Jean-Bedel Bokassa (1977): sechs Jahre Haft für Massenmord

Normalerweise wäre ein rundes Dutzend afrikanischer Exdiktatoren reif fürs Kriegsverbrechertribunal. Aber nur einer ist bisher strafrechtlich belangt worden: Kannibalenkaiser Jean-Bedel Bokassa aus der Zentralafrikanischen Republik.

Bokassa rühmte sich der Freundschaft des französischen Staatspräsidenten Valery Giscard d' Estaing, der ihm seine Krönung bezahlt hatte. Nach seinem Sturz erfuhr die Welt, dass Majestät die ausgeweideten Leichen von ermordeten Gegnern im Kühlschrank aufbewahrt hatte. Er wurde 1987 erst zum Tode verurteilt, kurz danach zu lebenslänglich Gefängnis begnadigt, doch bereits nach sechs Jahren Vorzugshaft entlassen. Er starb 1996.

Weitgehend unbehelligt blieb bis heute auch der ehemalige äthiopische Juntachef Mengistu Haile Mariam, der den Tod von mindestens 100.000 Landsleuten auf dem Gewissen hat. Der Marxist war der Erfinder des "Roten Terrors", wie der Vernichtungsfeldzug gegen Kaisertreue und Demokraten revolutionsamtlich hieß. Im Prozess sagte ein Zeuge aus, sein Vater sei als Feudalist geköpft worden, weil er einen eigenen Acker besaß. Mengistus Gouverneur habe anschließend den abgeschlagenen Kopf auf dem Marktplatz zum Kauf angeboten. Die Leichen der Opfer wurden meist für "Patronengeld" an die Angehörigen verkauft.

Nach seiner Absetzung 1991 flog Mengistu mit einem amerikanischen Learjet in die simbabwischen Hauptstadt Harare, nachdem sich US-Unterstaatssekretär Hank Cohen für sein Asyl verwendet hatte. Heute lebt er in einer weißen Villa an der Cowie Road 2. Simbabwes Staatschef Robert Mugabe hat alle Auslieferungsanträge beharrlich abgewiesen. Er hält seinem Gast die Treue, obwohl der die simbabwische Staatskasse mit niederschmetternd hohen Telefonrechnungen belastet und gelegentlich ungute Schlagzeilen provoziert, zum Beispiel wenn er im Suff seine Diener verprügelt.

Der einzige unter den gestrauchelten afrikanischen Diktatoren, der ernste Unannehmlichkeiten hat, ist der ehemalige Staatschef der Wüstenrepublik Tschad, Hissein Habré. In den Kellern seiner Geheimpolizei sollen Tausende Regimegegner verhungert und zu Tode gefoltert worden sein.

Nach seinem Sturz hatte Habré 1990 im Senegal Asyl erhalten. Zehn Jahre lang lebte er unangefochten in einem Nobelvorort von Dakar. Dann wurde er auf Initiative europäischer Menschenrechtsgruppen wegen Massenmordes angeklagt. Doch der Oberste Gerichtshof erklärte sich sofort für nicht zuständig. Jetzt ist ein Verfahren in Brüssel anhängig. Der senegalesische Staatschef Abdoulaye Wade erwägt, Habré an Belgien auszuliefern.

Sambias Ex-Diktator Kenneth Kaunda (1991): Vorlesungen in Boston
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Sambias Ex-Diktator Kenneth Kaunda (1991): Vorlesungen in Boston

Die meisten Tyrannen a.D. lassen es sich gut gehen im Exil. Doch wie beschäftigt man Ex-Diktatoren? Die Boston University hat - ganz ohne sarkastischen Hintergedanken - Ende vergangenen Jahres ein apartes Alternativprogramm gegen die Tyrannei aufgelegt. Ehemalige afrikanische Staatschefs dürfen neuerdings im Rahmen der "Lloyd G. Balfour African Presidents in Residence Fellowship" in den Vereinigten Staaten Vorlesungen über internationale Beziehungen und verwandte Disziplinen halten.

Uni-Vorlesung vom Diktator

Der erste Gastprofessor aus Afrika hat seinen Dienst Anfang des Jahres angetreten: Kenneth Kaunda, der langjährige Alleinherrscher von Sambia, der 27 Jahre regierte, dann seinem Volk demokratische Wahlen genehmigte und sie prompt verlor.

Charles Stith, der Gründer des Programms, ist bemüht, Kandidaten zu finden, die "demokratisch gewählt sind oder die sich bemühen, sich in dieser Richtung zu entwickeln". Weil jedoch die Auswahl durch diese Bedingung sehr eingeschränkt wird, darf es auch zweite Wahl sein. Unter den Kandidaten sind auch Kenias Daniel Arap Moi und der vom Putschisten zum Spätdemokraten geläuterte Jerry Rawlings aus Ghana.

ABC News will erfahren haben, dass man gern den Diktatoren Fidel Castro und Nordkoreas Kim Jong-Il einen Lehrauftrag geben würde, obwohl diese geographisch aus dem Rahmen fallen. Auch mit der Veränderung des politischen Bewusstseins in Richtung Demokratie ist es noch nicht so weit her. Doch Direktor Sith lenkt ein: Man müsse Kompromisse schließen.

Idi Amin allerdings hätte, wenn er sich bewerben würde, keine Chance auf ein Lehramt in Boston. Erstens weil noch nicht vergessen ist, dass er politische Gegner an Krokodile verfüttern oder ihnen mit Schmiedehämmern die Schädel einschlagen ließ, und zweitens weil er fast Analphabet ist. Nicht einmal Diktatoren können Professor werden, wenn sie nicht ordentlich lesen und schreiben können.



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