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U-Bahn-Anschläge in Moskau Im Tunnel der Angst

Russland ist schockiert: wegen der Anschläge mit mindestens 38 Toten, der grausamen TV-Bilder - und der eigenen Machtlosigkeit. Der Kreml droht Terroristen mit Vergeltung, doch er hat kein Konzept zur Befriedung seiner Unruheprovinzen. Die Bevölkerung muss weitere Attacken fürchten.

Viele Passagiere in Moskau weinen, als sie ihre U-Bahn verlassen und von den Polizisten durch die Metrostation Park Kultury eskortiert werden. Sie haben Glück gehabt, sie waren ins Stadtzentrum unterwegs. Der Tod traf die Pendler auf der anderen Seite des Bahnsteigs.

Dort stehen nun die Waggons, die Türen weit offen, die Fenster zerborsten. Es war noch keine Zeit, um die Gesichter der Leichen abzudecken oder die Körper wegzuschaffen.

Die Passagiere wenden sich ab, verdecken die Augen oder blicken zu Boden. Da ist noch die Blutspur von den Verletzten zu sehen, die eben von Rettungskräften zum Ausgang der unterirdisch gelegenen Station gebracht wurden.

Das war am Morgen. Zwei Bomben, offenbar gezündet von Selbstmordattentäterinnen, rissen in der Moskauer Metro mindestens 38 Menschen in den Tod, an den Stationen Park Kultury im Süden und an der Lubjanka . Wer die Haltestelle in der Stadtmitte verlässt, steht vor einem schweren Gebäudekomplex, einst Hauptquartier des sowjetischen Geheimdienstes KGB, heute Dienstsitz des Nachfolgers FSB. Es ist ein Symbol für die Macht der Geheimen und jetzt auch für ihre Ohnmacht.

"Natürlich kann man den Sicherheitskräften immer eine Mitschuld geben", sagt Nikolai Petrow, Kaukasus- und Terrorexperte des Moskauer Carnegie-Zentrums zu SPIEGEL ONLINE, "aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht." Am Abend verkehren die Züge der Moskauer Metro wieder. Auch die Stationen Lubjanka und Park Kultury werden wieder angefahren. Der Schock aber bleibt.

Im August 2004 hatte sich zuletzt eine Selbstmordattentäterin in Moskau in die Luft gesprengt, sie zündete ihre Bombe am Eingang der Metrostation Ryschskaja. Danach gab es immer wieder schwere Anschläge: In den Unruheprovinzen Inguschien, Tschetschenien und Dagestan, doch im Zentrum Russlands fühlten sich die Menschen relativ sicher - nicht zuletzt, weil der damalige Präsident Wladimir Putin den Sieg über Separatismus und Terrorismus verkündet hatte. Im vergangenen Jahr wurde sogar offiziell die "Anti-Terror-Operation" in Tschetschenien für beendet erklärt, Zeichen einer vermeintlichen Normalisierung.

Zu Beginn der Karwoche hat sich der Terror blutig zurückgemeldet.

"Gefangennehmen und vernichten"

Die Welt trauert mit Russland: US-Präsident Barack Obama verurteilte die Attacke als "abscheulich" und sprach dem russischen Volk sein Beileid aus. Großbritanniens Premier Gordon Brown zeigte sich "erschüttert", und sogar der alte Rivale Nato versicherte, man werde alles tun, um im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zusammenzuarbeiten.

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Metro in Moskau: Anschläge in der Rushhour

Foto: Dmitry Lovetsky/ AP

Der Kreml sucht jetzt nach Schuldigen. "Ohne zu schwanken", sagte Staatschef Dmitrij Medwedew in einer eilig zusammengerufenen Sitzung der Leiter der Sicherheitsorgane, "führen wir die Operation gegen die Terroristen fort, bis zum Ende." Man werde sie "gefangen nehmen und vernichten", sekundierte Putin als Regierungschef.

Doch in Russland wachsen die Zweifel, ob der Krieg gegen den Terror im Inland so zu gewinnen ist. In den vergangenen Wochen und Monaten hatten russische Behörden den Druck auf die Separatisten, die im russischen Nordkaukasus für einen islamischen Gottesstaat und die Loslösung von Moskau kämpfen, zwar deutlich erhöht. Mehrere Terrorführer wurden von Einheiten des Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes getötet.

Bereits vor einem Jahr prahlte Ramsan Kadyrow, Moskaus Statthalter in Tschetschenien, der zu Arbeitstreffen mit Putin schon mal im Schlabberlook und mit babyblauer Trainingsjacke erschien, er wisse, dass sich in seiner Republik nur noch wenige Kämpfer aufhielten. "50 bis 70 Mann. Und ich bin fest davon überzeugt, dass sie in der nächsten Zeit vernichtet werden."

Doch die Bedrohung aus dem Nordkaukasus blieb real - trotz der beiden Kriege, die Russland in der Teilrepublik Tschetschenien ausgefochten hat, trotz der erheblichen finanziellen Mittel, die der Kreml in den vergangenen Jahren seinen Statthaltern in den Unruheprovinzen zugeteilt hat.

Probleme gehen auf die Zarenzeit zurück

Aber schon im November kündigte sich eine neue Welle der Gewalt an - damals vergruben Terroristen einen Sprengsatz unter den Schienen der Bahnstrecke Moskau-St. Petersburg und ließen so den Schnellzug "Newskij Express" entgleisen. Mitten in der Nacht, mitten in Russland. 26 Menschen starben.

"Um fair zu bleiben, muss man sagen, dass viele Probleme mit dem Nordkaukasus weder aus der Zeit Putins noch der Boris Jelzins rühren", sagt Carnegie-Experte Petrow. "Sie wurzeln tiefer, zum Beispiel in der Art, wie der Kaukasus einst von den Zaren unterworfen wurde." Auf der anderen Seite habe der Kreml es seit Jahren vermieden, an einer grundlegenden Lösung für die Konfliktregion zu arbeiten, es gebe keine Strategie. "Putin war es vor allem wichtig, am Ende seiner ersten Amtszeit einen kurzfristigen Erfolg im Nordkaukasus vorzuweisen", sagt Petrow. "Deshalb ließ er sich mit dem Kadyrow-Clan ein."

Ramsan Kadyrow übernahm die Macht nach einem tödlichen Attentat auf seinen Vater Achmed - und verfolgte seine Widersacher brutal. Heute steht er selbst in dem Ruch, einer größeren Eigenständigkeit nicht abgeneigt zu sein. Zuletzt regte er an, Moskau solle auf die Entsendung von Polizeikräften aus anderen Regionen des Reiches nach Tschetschenien verzichten, der Kosten wegen.

Kadyrow, von der gemäßigten Opposition und den Islamisten gleichermaßen gehasst und von Menschenrechtlern gefürchtet, stehe inzwischen selbst einer weiteren Stabilisierung und Befriedung der Region im Wege, glaubt Petrow. Der Nordkaukasus sei fragil wie eh und je. "Es gibt dort viele Unzufriedene, zu viele Waffen und viele Leute, die mit Sprengstoff umgehen können. Man kann hoffen, dass solche Anschläge wie auf die Moskauer Metro nicht mehr passieren", sagt Petrow. "Das aber wäre naiv."