U-Boot-Katastrophe Die Russen sind von Putin enttäuscht

Für Wladimir Putin ist die Schonzeit offenbar vorbei. Das Drama um die 118 Seeleute, die seit Samstag in der "Kursk" eingeschlossen sind, hat dem urlaubenden Präsidenten Russlands erstmals in der Heimat scharfe Kritik beschert.


In der Kritik: Wladimir Putin
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In der Kritik: Wladimir Putin

Moskau - Putin schwieg tagelang zu der Tragödie im Nordmeer, er zögerte, westliche Hilfe anzunehmen, und setzte seinen Urlaub am Schwarzen Meer fort, während in der eisigen Barentssee um das Leben der eingeschlossenen Seeleute gekämpft wurde - das alles quittierte die russische Presse mit zum Teil zynischen Kommentaren, wie es sie nicht gegeben hat, seit Putin Ende Dezember in den Kreml einzog.

"Was richtige Staatschefs eigentlich tun", überschrieb die Zeitung "Kommersant", die dem Putin-Opponenten Boris Beresowski gehört, in dicken Lettern einen Artikel. So habe etwa Bundeskanzler Gerhard Schröder seinen Urlaub unterbrochen, um einen Gedenkgottesdienst für die deutschen Opfer des Concorde-Absturzes zu besuchen; US-Präsident Bill Clinton sei aus den Ferien zurückgeeilt, um sich mit Feuerwehrleuten zu treffen, die die Waldbrände in den USA löschen.

Drei Monate nach seiner Vereidigung habe Putin noch nicht gelernt, Präsident zu sein, schrieb die Internet-Zeitung "gazeta.ru". "Was kann er (Putin) denn schon sagen?", zitierte sie einen Mitarbeiter der Präsidentenadministration. Und die Zeitung gab darauf ihre eigene Antwort: "Der Präsident muss ein Mensch sein und nicht einfach eine Instanz."

Bislang war Putins Karriere ohne Knick verlaufen. Als vergangene Woche eine Bombe in einer Moskauer Fußgänger-Unterführung hochging und zwölf Menschen starben, kam Putin einen Tag später sichtlich bestürzt zu der Unglücksstelle und legte Blumen für die Opfer nieder.

Auch das Militär steht in der Kritik

Durch die starke Zentralisierung, die Putin in Russland eingeleitet hat, durch die Machtkonzentration in seinen Händen, wird auch jeder Erfolg und Misserfolg unweigerlich mit seinem Namen verbunden. "Der Präsident ist für alles verantwortlich", hatte Putin im Wahlkampf gesagt. Der neue russische Staatschef hat zwar ohne Zögern den Machtkampf mit den einflussreichen Provinzgouverneuren und der korrupten Wirtschaftselite aufgenommen und für sich entschieden, aber der Katastrophe im Nordmeer mochte er anscheinend nicht direkt ins Auge schauen.

Zu der Tragödie der "Kursk", die schon am Samstag gesunken war, äußerte sich Putin erstmals am Mittwoch am Rande einer Sitzung mit Wissenschaftlern in seinem Urlaubsort Sotschi. War der Präsident schlecht informiert über das tatsächliche Ausmaß der Tragödie? Bislang ist es immer noch ein Rätsel, warum die Öffentlichkeit erst am Montag vom Untergang der "Kursk" erfuhr.

Noch am Mittwoch hatte Putin zunächst behauptet, die russischen Spezialisten hätten ausreichend eigene Mittel zur Rettung der in 100 Meter Tiefe eingeschlossenen Soldaten. Erst wenige Stunden später wies Putin nach einem Telefonat mit US-Präsident Bill Clinton den Flottenstab an, alle erdenkliche Hilfe aus dem Ausland anzunehmen. Doch vielleicht kommt diese Hilfe nun zu spät.

Auch die russischen Admiräle mussten Kritik einstecken. "Sie haben mehr Angst als alle anderen", schrieb "Iswestija". "Sie fürchten, die Wahrheit über das Schicksal der auf dem Meeresgrund Gefangenen zu sagen. Sie fürchten, ihren Rang zu verlieren. Sie fürchten, den Westen sofort um Hilfe zu bitten und ihre Ohnmächtigkeit zu offenbaren."

Der "starke Staat", die starke Armee, die Putin schaffen will, haben durch den Untergang der "Kursk" einen Schlag erhalten. "Zusammen mit dem U-Boot ist auch die Staatsmacht auf Grund gesunken", schrieb die "Iswestija".

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