Nordirlandkonflikt Wer oder was ist eigentlich die "IRA"?

"IRA" nennen sich viele Organisationen. Kein Wunder, die historische IRA hat sich viele Male gespalten. Von OIRA, PIRA, CIRA, RIRA bis NIRA: SPIEGEL ONLINE zeigt, was hinter den Kürzeln steht.

Kinder mit Waffen: In 30 Jahren Bürgerkrieg wuchs man quasi zum Paramilitär heran
AP

Kinder mit Waffen: In 30 Jahren Bürgerkrieg wuchs man quasi zum Paramilitär heran

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Auch nach dem Friedensschluss von 1998 hat Nordirland nie zu echter Ruhe gefunden. Immer wieder machten paramilitärische Organisationen mit Morden und Bomben Schlagzeilen. Die Anschläge aus dem republikanischen Lager werden in den deutschen Medien meist der "IRA" zugeschrieben.

Das aber ist ein untauglicher, weil völlig unpräziser Begriff. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab es immer mehrere Gruppen, die sich so nannten - und sich mitunter konkurrierend, mitunter aber auch verfeindet gegenüberstanden. Die Unterscheidung von PIRA, CIRA, RIRA oder NIRA ist wichtig, weil all diese Gruppen unterschiedliche Ziele verfolgen.

Wie es dazu kam, hat SPIEGEL ONLINE in einem zeitgeschichtlichen Überblick bei einestages dokumentiert. Wer wofür steht und in welcher Tradition, lässt sich am besten visuell aufschlüsseln. Das folgende Schaubild dokumentiert die Entwicklung des "republikanischen Mainstreams", heute repräsentiert durch die Provisional IRA (PIRA) und - von der IRA der Revolutionszeit ausgehend - die wichtigsten Verzweigungen und Abspaltungen. Zu erkennen sind dabei drei Hauptstränge, die auch ideologisch für unterschiedliche Orientierungen stehen.

Klicks auf die Namen der verschiedenen Organisationen rufen kurze Erklärungen auf.

Der Stammbaum der IRA

Für weitere Informationen auf die Bezeichnungen klicken

1910

1913

Irish Volunteers

imago/ United Archives International

IRISH VOLUNTEERS

Gälisch "Óglaigh na hÉireann" (Krieger/Soldaten Irlands). Als Reaktion auf die Gründung der protestantischen Miliz "Ulster Volunteers" gegründet. Nannte sich ab dem gescheiterten Osteraufstand 1916 Irish Republican Army (IRA). Im Bild: Die ersten bewaffneten Volunteers 1914 im Hafen von Howth. Die 1500 Gewehre wurden aus Hamburg eingeschmuggelt.

1914

Cumann na MBann

Dublin City Library & Archive

Cumann na mBan

Der "Rat der Frauen" wird als eigenständige Organisation gegründet. Er trägt die Politik und Kampagnen der Irish Volunteers und später der Official IRA mit. 1969 wechselt er ins Lager der Provisional IRA (PIRA). Im Bild: Freiwillige 1914, ganz rechts Mitbegründerin Constance Markievicz.

1922

Irische

Armee

Getty Images

Irische Armee

Die IRA zerfällt in die Irish oder National Army (offizielle Armee des Staates Irland) und die Official IRA (OIRA) genannte Truppe, die die Abspaltung Nordirlands nicht akzeptieren will. Der Dissens eskaliert zum Bürgerkrieg, der bis 1923 tobt. Er endet mit einem Sieg der staatlichen Truppen, die den Friedensvertrag unterstützen, auch wenn er die Spaltung Irlands bedeutet. Im Bild: Der Politiker und Freiheitskämpfer Michael Collins akzeptierte die Abspaltung Nordirlands. Für seine ehemaligen Kameraden in der Untergrund-IRA war er damit ein Verräter - Collins wurde ermordet.

1922

OIRA

OIRA

Die Niederlage im Bürgerkrieg zwingt die Official IRA in den Untergrund. Zu ihrem Hauptziel wird die "Befreiung" Nordirlands und die Einsetzung einer die gesamte Insel umfassenden Republik. Im Verlauf der Fünfziger- und Sechzigerjahre rückte die OIRA immer weiter nach links: Sie galt bald als marxistische Organisation, die für ein kommunistisches Irland kämpfte. Das bleibt prägend für alle IRA-Ableger: Ziel war nie eine "Wiedervereinigung", sondern ein anderes und dann einiges Irland - ein Systemwechsel beiderseits der Grenze.

1920

1969

PIRA

Getty Images

PIRA

Die Provisional IRA (PIRA oder "Provos") spaltet sich ab, Cumann na mBan stößt hinzu. Anders als die OIRA, die sich als Verteidigungstruppe der katholischen Bevölkerung stilisiert, führt die PIRA einen offensiven Feldzug: Sie will einen britischen Rückzug und die Gründung eines irischen Föderalstaats mit vier Bundesländern herbeibomben ("Éire Nua", Neu-Irland). Im Bild: Der "Battle of the Bogside", Derry, 12.8.1969.

1970

1974

INLA

picture-alliance / dpa/ epa

INLA

Eine der ältesten und lange gefährlichsten OIRA-Abspaltungen ist die 1974 gegründete Irish National Liberation Army (INLA). Sie wird zur größten und schlagkräftigsten Abspaltung der OIRA, gilt bald als radikalste aller paramilitärischen Organisationen. Obwohl politisch noch einmal deutlich links der PIRA positioniert, kooperiert die INLA häufig mit den "Provos".

1972

OIRA

Waffenstillstand

ullstein bild/ mirrorpix

OIRA - Waffenstillstand

Nach zwei katastrophal schiefgelaufenen Attentaten verkündet die OIRA einen Waffenstillstand. Sie besteht noch bis Ende der Siebziger fort, verliert aber kontinuierlich an Bedeutung. Radikale Kräfte innerhalb der OIRA ignorieren den Waffenstillstand und bilden bald eigene Truppen. Der "Bloody Sunday" von Derry, bei dem britische Fallschirmjäger das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffnen und 13 Menschen töten, lässt den Konflikt zum Bürgerkrieg eskalieren. Im Bild: Die Bilder des späteren Bischofs Edward Daly, der Leichen und Verletzte von der Straße birgt, gehen um die Welt.

1980

1984

IPLO

IPLO

Radikale aus der INLA gründen die kleine, aber äußerst brutale Irish People's Liberation Organisation (IPLO). Die ist im Krieg mit jedermann: Ihre Anschläge treffen Briten und Iren, Protestanten und Katholiken, und dort auch die INLA und PIRA. Die macht dem Albtraum 1992 ein Ende, indem sie die Anführer ermordet und die Überlebenden zurück "auf Linie" zwingt.

1986

CIRA

REUTERS

CIRA

Radikale aus der PIRA gründen die Continuity IRA (CIRA). Cumann na mBan schließt sich ihnen an. Beide Organisationen verfolgen weiter das Ziel des "Éira Nua", von dem sich die PIRA 1979 verabschiedete. Politisch sehen sie sich als Sozialisten - so wie nun auch die PIRA und ihr zunehmend erstarkender politischer Flügel Sinn Féin.

1990

1994

Waffenstillstand

Getty Images/ Independent News And Media

Waffenstillstand

Die PIRA verkündet einseitig ihren Waffenstillstand. Seit Beginn der 80er war der Einfluss des politischen Flügels Sinn Féin kontinuierlich gewachsen, der die größeren Chancen, politische Ziele durchzusetzen, im politischen Prozess sah. Mitte des Jahrzehnts ebnete das Führungsduo Gerry Adams (Sinn Féin, hier rechts) und Martin McGuiness (IRA) mit der Aussetzung des "bewaffneten Kampfes" den Weg zum nordirischen Friedensprozess (im Bild hier: auf dem richtungsweisenden, "Ard Fheis" genannten Sinn-Féin-Parteitag 1985.

1997

RIRA

RIRA

Radikale aus der PIRA gründen im Protest gegen diesen Friedenskurs die Real IRA (RIRA). Die Organisation wird zu einem Sammelbecken für IRA-Mitglieder, die dem Friedensprozess grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen.

1998

Friedensabkommen

AP/ Paul McErlane

Friedensschluss

Sinn Féin und die PIRA tragen den Vertrag mit, auch die INLA verkündet einen Waffenstillstand. Die sogenannten Dissidents (RIRA, CIRA, Cumann na mBan u.a.) intensivieren ihren Bombenkrieg und Anschläge. Am 15. August 1998 tötet eine RIRA-Bombe in Omagh 29 Menschen und verletzt mehr als 300 weitere -der blutigste Anschlag im gesamten Nordirlandkonflikt.

2002

Entwaffnung

REUTERS

Entwaffnung

Internationale Kommission stellt weitgehende Entwaffnung der PIRA fest

2000

2006

RDA

DPA

RDA

Radikale aus der PIRA gründen die Republican Defence Army (RDA, aktiv bis 2011/2012). PIRA-nahe Aktivisten aus Derry gründen Republican Action Against Drugs (RAAD). Im Bild: An einer Mauer in Belfast prangt Graffiti, das gegen die IRA-Entwaffnung protestiert

2006

RAAD

DPA

RAAD

Radikale aus der PIRA gründen die Republican Defence Army (RDA, aktiv bis 2011/2012). PIRA-nahe Aktivisten aus Derry gründen Republican Action Against Drugs (RAAD). Im Bild: An einer Mauer in Belfast prangt Graffiti, die gegen die IRA-Entwaffnung protestiert

2009

Óglaigh na

hÉireann

Óglaigh na hÉireann

Radikale aus der RIRA gründen eine Truppe, die sich ebenfalls Óglaigh na hÉireann nennt. 2018 verkündet sie einseitig einen Waffenstillstand und verschwindet.

2009

Entwaffnung

Entwaffnung

Entwaffnung der INLA. Die Organisation besteht fort und wird weiter als potenziell gefährlich beobachtet. Sie gilt heute als primär kriminelle Struktur.

2012 NIRA

Getty Images

NIRA

Aus RIRA und RAAD entsteht die New IRA (NIRA). Bis Frühjahr 2019 verschickt sie neun Briefbomben, verübt mindestens 15 Mordversuche, ermordet mindestens sieben Personen und begeht mindestens 16 Bombenattentate, unter anderem die Bombenattacke am 19. Januar 2019 in Derry (hier im Bild).

2010

2013

Saoirse na

hÉireann

Saoirse na hÉireann

Eine Gruppe, die sich wieder einmal Saoirse na hÉireann nennt, geht aus der RIRA hervor. Sie gibt ihre Aktivität 2014 wieder auf. 2017: Radikale aus der NIRA gründen Arm na Poblachta. Der Gruppe wird bisher ein Bombenattentat zugeschrieben, sie gilt als weiterhin aktiv.

2018

Waffenstillstand

Waffenstillstand 2018

Als die aus der RIRA hervorgegangene Óglaigh na hÉireann einen Waffenstillstand verkündet und ihre Tätigkeiten einstellt, gründen Radikale aus der Gruppe das Irish Republican Movement (IRM). Die Gruppe droht mit "Todesurteilen" gegen britische Soldaten und die nordirische Polizei sowie mit der Erschießung von Dealern und Kriminellen aus der katholischen Gemeinde.

2017

Arm na

Poblachta

Arm na Poblachta

Radikale aus der NIRA gründen Arm na Poblachta. Der Gruppe wird bisher ein Bombenattentat zugeschrieben, sie gilt als weiterhin aktiv.

2018

IRM

IRM

Als die aus der RIRA hervorgegangene Óglaigh na hÉireann einen Waffenstillstand verkündet und ihre Tätigkeiten einstellt, gründen Radikale aus der Gruppe das Irish Republican Movement (IRM). Die Gruppe droht mit "Todesurteilen" gegen britische Soldaten und die nordirische Polizei sowie mit der Erschießung von Dealern und Kriminellen aus der katholischen Gemeinde.

2000

2005

Saoirse na

hÉireann

Saoirse na hÉireann

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2005

IRLA

IRLA

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2005

Óglaigh na

hÉireann

Óglaigh na hÉireann

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2010

2010 - 2012

Real CIRA

2010 - 2012

Bis zu vier autonom agierende Truppen spalten sich von der CIRA ab, alle nennen sich Real Continuity IRA. Ob und welche davon noch aktiv sind, ist unbekannt.

Der Stammbaum der IRA

Für weitere Informationen auf die Bezeichnungen klicken

1910

1913

Irish Volunteers

imago/ United Archives International

IRISH VOLUNTEERS

Gälisch "Óglaigh na hÉireann" (Krieger/Soldaten Irlands). Als Reaktion auf die Gründung der protestantischen Miliz "Ulster Volunteers" gegründet. Nannte sich ab dem gescheiterten Osteraufstand 1916 Irish Republican Army (IRA). Im Bild: Die ersten bewaffneten Volunteers 1914 im Hafen von Howth. Die 1500 Gewehre wurden aus Hamburg eingeschmuggelt.

1914

Cumann na mBan

Dublin City Library & Archive

Cumann na mBan

Der "Rat der Frauen" wird als eigenständige Organisation gegründet. Er trägt die Politik und Kampagnen der Irish Volunteers und später der Official IRA mit. 1969 wechselt er ins Lager der Provisional IRA (PIRA). Im Bild: Freiwillige 1914, ganz rechts Mitbegründerin Constance Markievicz.

1922

Irische Armee

Getty Images

Irische Armee

Die IRA zerfällt in die Irish oder National Army (offizielle Armee des Staates Irland) und die Official IRA (OIRA) genannte Truppe, die die Abspaltung Nordirlands nicht akzeptieren will. Der Dissens eskaliert zum Bürgerkrieg, der bis 1923 tobt. Er endet mit einem Sieg der staatlichen Truppen, die den Friedensvertrag unterstützen, auch wenn er die Spaltung Irlands bedeutet. Im Bild: Der Politiker und Freiheitskämpfer Michael Collins akzeptierte die Abspaltung Nordirlands. Für seine ehemaligen Kameraden in der Untergrund-IRA war er damit ein Verräter - Collins wurde ermordet.

1922

OIRA

OIRA

Die Niederlage im Bürgerkrieg zwingt die Official IRA in den Untergrund. Zu ihrem Hauptziel wird die "Befreiung" Nordirlands und die Einsetzung einer die gesamte Insel umfassenden Republik. Im Verlauf der Fünfziger- und Sechzigerjahre rückte die OIRA immer weiter nach links: Sie galt bald als marxistische Organisation, die für ein kommunistisches Irland kämpfte. Das bleibt prägend für alle IRA-Ableger: Ziel war nie eine "Wiedervereinigung", sondern ein anderes und dann einiges Irland - ein Systemwechsel beiderseits der Grenze.

1920

1969

PIRA

Getty Images

PIRA

Die Provisional IRA (PIRA oder "Provos") spaltet sich ab, Cumann na mBan stößt hinzu. Anders als die OIRA, die sich als Verteidigungstruppe der katholischen Bevölkerung stilisiert, führt die PIRA einen offensiven Feldzug: Sie will einen britischen Rückzug und die Gründung eines irischen Föderalstaats mit vier Bundesländern herbeibomben ("Éire Nua", Neu-Irland). Im Bild: Der "Battle of the Bogside", Derry, 12.8.1969.

1970

1974

INLA

picture-alliance / dpa/ epa

INLA

Eine der ältesten und lange gefährlichsten OIRA-Abspaltungen ist die 1974 gegründete Irish National Liberation Army (INLA). Sie wird zur größten und schlagkräftigsten Abspaltung der OIRA, gilt bald als radikalste aller paramilitärischen Organisationen. Obwohl politisch noch einmal deutlich links der PIRA positioniert, kooperiert die INLA häufig mit den "Provos".

1972

OIRA

Waffenstillstand

ullstein bild/ mirrorpix

OIRA - Waffenstillstand

Nach zwei katastrophal schiefgelaufenen Attentaten verkündet die OIRA einen Waffenstillstand. Sie besteht noch bis Ende der Siebziger fort, verliert aber kontinuierlich an Bedeutung. Radikale Kräfte innerhalb der OIRA ignorieren den Waffenstillstand und bilden bald eigene Truppen. Der "Bloody Sunday" von Derry, bei dem britische Fallschirmjäger das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffnen und 13 Menschen töten, lässt den Konflikt zum Bürgerkrieg eskalieren. Im Bild: Die Bilder des späteren Bischofs Edward Daly, der Leichen und Verletzte von der Straße birgt, gehen um die Welt.

1980

1984

IPLO

IPLO

Radikale aus der INLA gründen die kleine, aber äußerst brutale Irish People's Liberation Organisation (IPLO). Die ist im Krieg mit jedermann: Ihre Anschläge treffen Briten und Iren, Protestanten und Katholiken, und dort auch die INLA und PIRA. Die macht dem Albtraum 1992 ein Ende, indem sie die Anführer ermordet und die Überlebenden zurück "auf Linie" zwingt.

1986

CIRA

REUTERS

CIRA

Radikale aus der PIRA gründen die Continuity IRA (CIRA). Cumann na mBan schließt sich ihnen an. Beide Organisationen verfolgen weiter das Ziel des "Éira Nua", von dem sich die PIRA 1979 verabschiedete. Politisch sehen sie sich als Sozialisten - so wie nun auch die PIRA und ihr zunehmend erstarkender politischer Flügel Sinn Féin.

1990

1994

Waffenstillstand

Getty Images/ Independent News And Media

Waffenstillstand

Die PIRA verkündet einseitig ihren Waffenstillstand. Seit Beginn der Achtziger war der Einfluss des politischen Flügels Sinn Féin kontinuierlich gewachsen, der die größeren Chancen, politische Ziele durchzusetzen, im politischen Prozess sah. Mitte des Jahrzehnts ebnete das Führungsduo Gerry Adams (Sinn Féin, hier rechts) und Martin McGuiness (IRA) mit der Aussetzung des "bewaffneten Kampfes" den Weg zum nordirischen Friedensprozess (im Bild hier: auf dem richtungsweisenden, "Ard Fheis" genannten Sinn-Féin-Parteitag 1985.

1997

RIRA

RIRA

Radikale aus der PIRA gründen im Protest gegen diesen Friedenskurs die Real IRA (RIRA). Die Organisation wird zu einem Sammelbecken für IRA-Mitglieder, die dem Friedensprozess grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen.

1998

Friedensabkommen

AP/ Paul McErlane

Friedensschluss

Sinn Féin und die PIRA tragen den Vertrag mit, auch die INLA verkündet einen Waffenstillstand. Die sogenannten Dissidents (RIRA, CIRA, Cumann na mBan und andere) intensivieren ihren Bombenkrieg und Anschläge. Am 15. August 1998 tötet eine RIRA-Bombe in Omagh 29 Menschen und verletzt mehr als 300 weitere - der blutigste Anschlag im gesamten Nordirlandkonflikt.

2002

Entwaffnung

REUTERS

Entwaffnung

Internationale Kommission stellt weitgehende Entwaffnung der PIRA fest

2000

2005

Saoirse na

hÉireann

Saoirse na hÉireann

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2005

IRLA

IRLA

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2006

RDA

DPA

RDA

Radikale aus der PIRA gründen die Republican Defence Army (RDA, aktiv bis 2011/2012). PIRA-nahe Aktivisten aus Derry gründen Republican Action Against Drugs (RAAD). Im Bild: An einer Mauer in Belfast prangt Graffiti, die gegen die IRA-Entwaffnung protestiert

2006

RAAD

DPA

RAAD

Radikale aus der PIRA gründen die Republican Defence Army (RDA, aktiv bis 2011/2012). PIRA-nahe Aktivisten aus Derry gründen Republican Action Against Drugs (RAAD). Im Bild: An einer Mauer in Belfast prangt Graffiti, das gegen die IRA-Entwaffnung protestiert.

2005

Óglaigh na

hÉireann

Óglaigh na hÉireann

Drei radikale Splittergruppen lösen sich von der CIRA: Die Irish Liberation Army (IRLA), Óglaigh na hÉireann (aktiv bis 2009) und Saoirse na hÉireann (aktiv bis 2009).

2009

Óglaigh na

hÉireann

Óglaigh na hÉireann

Radikale aus der RIRA gründen eine Truppe, die sich ebenfalls Óglaigh na hÉireann nennt. 2018 verkündet sie einseitig einen Waffenstillstand und verschwindet.

2009

Entwaffnung

Entwaffnung

Entwaffnung der INLA. Die Organisation besteht fort und wird weiter als potenziell gefährlich beobachtet. Sie gilt heute als primär kriminelle Struktur.

2012 NIRA

Getty Images

NIRA

Aus RIRA und RAAD entsteht die New IRA (NIRA). Bis Frühjahr 2019 verschickt sie neun Briefbomben, verübt mindestens 15 Mordversuche, ermordet mindestens sieben Personen und begeht mindestens 16 Bombenattentate, unter anderem die Bombenattacke am 19. Januar 2019 in Derry (hier im Bild).

2010

2013

Saoirse na

hÉireann

Saoirse na hÉireann

Eine Gruppe, die sich wieder einmal Saoirse na hÉireann nennt, geht aus der RIRA hervor. Sie gibt ihre Aktivität 2014 wieder auf. 2017: Radikale aus der NIRA gründen Arm na Poblachta. Der Gruppe wird bisher ein Bombenattentat zugeschrieben, sie gilt als weiterhin aktiv.

2010 - 2012

Real CIRA

2010 - 2012

Bis zu vier autonom agierende Truppen spalten sich von der CIRA ab, alle nennen sich Real Continuity IRA. Ob und welche davon noch aktiv sind, ist unbekannt.

2018

Waffenstillstand

Waffenstillstand 2018

Als die aus der RIRA hervorgegangene Óglaigh na hÉireann einen Waffenstillstand verkündet und ihre Tätigkeiten einstellt, gründen Radikale aus der Gruppe das Irish Republican Movement (IRM). Die Gruppe droht mit "Todesurteilen" gegen britische Soldaten und die nordirische Polizei sowie mit der Erschießung von Dealern und Kriminellen aus der katholischen Gemeinde.

2017

Arm na Poblachta

Arm na Poblachta

Radikale aus der NIRA gründen Arm na Poblachta. Der Gruppe wird bisher ein Bombenattentat zugeschrieben, sie gilt als weiterhin aktiv.

2018

IRM

IRM

Als die aus der RIRA hervorgegangene Óglaigh na hÉireann einen Waffenstillstand verkündet und ihre Tätigkeiten einstellt, gründen Radikale aus der Gruppe das Irish Republican Movement (IRM). Die Gruppe droht mit "Todesurteilen" gegen britische Soldaten und die nordirische Polizei sowie mit der Erschießung von Dealern und Kriminellen aus der katholischen Gemeinde.

Die drei Hauptstränge des irischen Republikanismus

1. Der Mainstream: Zur Zeit der Revolution standen die Irish Volunteers, die sich ab dem Osteraufmarsch 1916 Irish Republican Army (IRA) nannten, vor allem für ein Ziel - die englische Kolonialherrschaft zu beenden und einen eigenen Staat zu gründen. Óglaigh na hÉireann und Saoirse na hÉireann sind gälische Varianten dieser Bezeichnung, alle drei werden auch von verschiedenen heutigen Paramilitärs in Nordirland geführt.

Nach dem Bürgerkrieg war die Official IRA (OIRA) ein Produkt der ersten Spaltung der ursprünglichen Revolutionsarmee. Bis Ende der Sechzigerjahre stand sie für den Mainstream des Republikanismus, der weiter mit Gewalt gegen die Existenz Nordirlands und die Präsenz Großbritanniens in Irland vorging. Mit dem Aufbrechen des sogenannten Nordirlandkonflikts ab etwa 1966 schwand ihre Bedeutung, die jüngere, radikalere Provisional IRA (PIRA) übernahm die Rolle bis heute. In ihren Anfängen stärker nationalistisch geprägt, entwickelten die PIRA und die ihr nahestehende Partei Sinn Féin ab Anfang der Achtzigerjahre eine sozialistisch geprägte Ideologie. Ihr Ziel ist nicht die Wiedervereinigung, sondern die Schaffung eines neuen, "links" geprägten Irlands.

Und zwar mit Waffengewalt. Als Sinn Féin/IRA Anfang der Neunzigerjahre diesem Kurs abschworen und mit dem Waffenstillstand von 1994 den Friedensprozess einleiteten, kam es zur Abspaltung der Real IRA (RIRA) - die Hardliner des Mainstreams, die weitermachten. Ideologisch der PIRA durchaus nahe, setzen die RIRA und ihre Nachfolgeorganisationen, von denen die New IRA (NIRA) die wichtigste und gefährlichste ist, weiter auf Bombe und Gewehr. Sowohl der Friedensvertrag und die Sinn-Fein-Beteiligung an der Regierung als auch der sich ankündigende Brexit gaben offenbar Anlass zu weiteren Gründungen terroristischer Organisationen.

Architekten des Kurswechsels: Das Führungsduo Gerry Adams (links, Sinn Féin) und Martin McGuinness (IRA, später Sinn Féin) 1987
AP

Architekten des Kurswechsels: Das Führungsduo Gerry Adams (links, Sinn Féin) und Martin McGuinness (IRA, später Sinn Féin) 1987

2. Die extreme Linke: Die OIRA propagierte anfänglich nur die Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik. Sie verstand ihren Kampf, zu dem zwei ausgedehnte Bombenkampagnen in den Fünfzigerjahren gehörten, als Fortführung des Befreiungskampfes von 1916.

Auch sie durchlief jedoch eine Ideologisierung - und die führte sie ganz weit nach links. Landläufig nannte man die OIRA-Terroristen lange "Greens", ab den Sechzigerjahren aber wurden sie als "Reds" bekannt: Auf stramm marxistischem Kurs bombten sie für die Schaffung eines "Arbeiterstaates Irland".

Mit der Wucht der bunten Bürgerrechtsbewegungen der Endsechziger war das nicht kompatibel - und als die in Nordirland in einen bewaffneten Konflikt mündeten, verlor die OIRA an Unterstützung. Sie wurde zu einer Nischenorganisation, die den "bewaffneten Kampf" offiziell 1972 aufgab und bis spätestens 1979 komplett verschwand.

Nur besonders radikale Kader machten weiter. Als Irish National Liberation Army (INLA) existiert bis heute noch eine Nachfolgeorganisation der OIRA - ultralinks, heute vor allem kriminell und weitgehend unbedeutend.

3. Die Traditionalisten: Am wenigsten links im Spektrum des Republikanismus stehen die Terrortruppen, die sich bis heute an den Zielen der frühen PIRA orientieren. Die hatte zur Zeit ihrer Gründung das Ziel des "Éire Nua", des Neu-Irlands, ausgegeben: eine föderale Republik mit vier teilautonomen Bundesstaaten, die sich an den Grenzen der historischen Provinzen Irlands orientieren sollten, Ulster, Leinster, Munster und Connacht.

Als sich Sinn Féin und die PIRA von diesem Ziel verabschiedeten, kam es zur Abspaltung der "Éire Nua"-Befürworter. Die größte und bekannteste Gruppierung war und ist die Continuity IRA (CIRA), die auch weiterhin aktiv ist. So wie mindestens fünf weitere Abspaltungen von Radikalen, denen der Kurs der CIRA nicht ruppig genug war (im Schaubild oben gelb dargestellt).

Zahlenmäßig insgesamt schwächer aufgestellt als zur Zeit des Bürgerkriegs von 1968 bis 1998, gibt es heute in Nordirland mehr aktive republikanische Terrororganisationen als zu jedem anderem Zeitpunkt seit 1900.

Partner und Einnahmequellen

Traditionell unterhalten die Terrororganisationen und Parteien aus der "IRA-Familie" Kontakte zu linken bis linksextremen Organisationen auch im Ausland. Waffen wurden über Jahrzehnte aus dem Ostblock und seinen Nachfolgestaaten geliefert. Das Gros des Plastiksprengstoffs, der teils bis heute von nordirischen Terroristen eingesetzt wird, stammt aus tschechischen Beständen. Enge Verbindungen unterhielt beispielsweise die PIRA auch zu Gruppen wie der baskischen ETA.

Die große Ausnahme bildete das sich eher nostalgisch-nationalistisch präsentierende NORAID-Netzwerk in den USA: Dahinter verbarg sich ein Fundraising-Netzwerk der PIRA, dass an irischstämmige Amerikaner appellierte, den "Befreiungskampf" finanziell zu unterstützen. Sowohl die PIRA, als auch Sinn Féin und NORAID werden heute in den USA nicht mehr als terrornahe Organisationen gesehen. NORAID wirkt heute als Sinn-Féin-Unterstützungsnetzwerk.

Vor 1994 stand NORAID dagegen selbst unter Beobachtung: Neben Schutzgelderpressungen, Baukorruption und der Kontrolle über das Taxigewerbe in Nordirland war NORAID für die PIRA lange die wichtigste Einnahmequelle.

Viele der nordirischen Paramilitärs finanzieren sich seit dem Friedensschluss zunehmend aus kriminellen Aktionen, manche auch durch Kontrolle des Drogenmarkts. In dieser Frage sind die verschiedenen Organisationen, die sich traditionell auch immer als "Polizei" ihrer Bevölkerungsgruppe verstanden, stark zerstritten. Ein nicht geringer Teil der Morde und "Bestrafungsaktionen", die meist aus Knieschüssen bestehen, sind heute gegen Dealer gerichtet oder Vertreter von Terrortruppen, die um den Drogenmarkt konkurrieren.

Infografik: Omar Sayami



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