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17. Februar 2015, 18:30 Uhr

Ostukraine

Separatisten rücken in Debalzewe ein - heftige Gefechte

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In der Ukraine haben die Separatisten große Teile der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe eingenommen. Wie SPIEGEL-Korrespondent Christian Neef berichtet, wird mit Raketen, Artillerie und Maschinengewehren gefeuert. Die Lage im Überblick.

Was ist passiert? Die OSZE-Kontrolleure wollten am Dienstag eigentlich das Einhalten der Waffenruhe im Osten der Ukraine überprüfen. Doch die Feuerpause gilt nun nicht mehr. Nur zwei Tage nach dem offiziellen Beginn sind prorussische Separatisten am Vormittag in die seit Tagen umstellte Stadt Debalzewe eingedrungen.

Am Nachmittag behaupteten sie, die Stadt größtenteils eingenommen zu haben. Nach eigenen Angaben kontrollieren sie "80 Prozent" der Stadt. Ukrainische Journalisten sprachen von 50 Prozent des Stadtgebiets. SPIEGEL-Korrespondent Christian Neef hält sich in der Nähe von Debalzewe auf; wie er berichtet, wird in der Stadt mit Raketen, Artillerie und Maschinengewehren gefeuert. 40 Verwundete haben die Ukrainer in den vergangenen Stunden aus der Stadt herausgebracht.

Die Regierung in Donezk, die nach eigenen Aussagen bis heute Abend Debalzewe vollständig eingenommen haben wollte, gibt heftige Straßenkämpfe in der Stadt zu. Dabei ist nach ihren Aussagen auch das Oberhaupt der sogenannten Donezker Volksrepublik, Alexander Sachartschenko, verletzt worden - er sei in ein Krankenhaus nach Luhansk gebracht worden. Laut der Mitteilung soll Sachartschenko eine Splitterverletzung am Bein haben.

"Nur ein paar Wohnviertel sind noch übrig, dann haben wir den Ort völlig unter Kontrolle", sagte Separatistensprecher Eduard Bassurin in Donezk. Auch den Bahnhof in der umkämpften Stadt wollen sie beherrschen. Mehr als 300 ukrainische Soldaten seien gefangengenommen worden, es gebe "viele Tote", sagte Bassurin. Er warf Kiew vor, die Waffenruhe gebrochen zu haben. Was die ukrainische Seite betrifft melden die Rebellen "94 getötete Soldaten", zudem sollen heute zwei Panzer und 10 Panzerwagen vernichtet worden sein.

Wie reagiert Kiew? Die ukrainische Regierung bestätigte wenig später den weitgehenden Verlust Debalzewes. "Straßenkämpfe dauern an", erklärte das Verteidigungsministerium in Kiew. Die Separatisten hätten Artillerie und Panzertechnik eingesetzt. Regierungstreue Einheiten versuchten, den Gegner aufzuhalten, hieß es weiter. Kiew wies einen Bruch der Feuerpause zurück, warf den Separatisten vor, diese nicht eingehalten zu haben.

Das Ministerium teilte mit, dass sich eine Gruppe von Soldaten in Gefangenschaft der Separatisten befinde. Berichte über eine größere Anzahl Gefangener wies das Ministerium zurück. Überprüfen lassen sich die Angaben beider Seiten nicht.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko forderte EU und Nato auf, die Separatisten wegen des Bruchs des Waffenstillstands zu verurteilen. In einem Telefonat mit Angela Merkel bezeichnete Poroschenko die Einnahme Debalzewes als "zynische Attacke" auf die in Minsk ausgehandelte Waffenruhe.

Laut einer Mitteilung forderte der Präsident den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen auf, weitere Verletzungen der Verträge sowie "großangelegte Militäroperationen im Herzen Europas" zu unterbinden. Der Sicherheitsrat rief beide Seiten dazu auf, die Kämpfe zu beenden.

Was bedeutet das für die ukrainischen Soldaten? Bereits seit Tagen befürchten Beobachter, dass es ein Massaker geben könnte - wie im August in Ilowaisk, als Hunderte ukrainische Kämpfer bei einem Ausbruchsversuch getötet wurden. Damals hatten Separatisten die Stadt eingekesselt.

Aus Debalzewe gibt es bereits Meldungen, dass angeblich prorussische Kämpfer versuchten, Gruppen ukrainischer Soldaten zu trennen und dann zu umzingeln. Angeblich sind dort seit Tagen Tausende Regierungssoldaten eingekesselt. Bestätigt ist auch dies nicht. Es gibt zudem noch keine Bilder aus Debalzewe selbst.

Die Hilferufe der Ukrainer aus der umkämpften Stadt werden laut SPIEGEL-Korrespondent Christian Neef immer lauter. Ein Offizier der ebenfalls eingekesselten 128. Brigade sprach davon, dass sie kaum noch Granaten hätten und keinerlei Möglichkeit mehr, Verwundete aus der Stadt herauszubringen.

Fotos aus der Umgebung der Stadt zeigen Rauchschwaden und Explosionen. Diese dramatischen Filmaufnahmen zeigen, wie Granaten rund 15 Kilometer außerhalb Debalzewes eine Pipeline treffen. Das Kamerateam entkommt nur knapp, ein Mitarbeiter wird verletzt:

Warum wird um die Kleinstadt Debalzewe gekämpft? Der 25.000-Einwohner-Ort ist strategisch wichtig wegen seiner Verkehrsanbindung: Debalzewe liegt zum einen an der Fernverkehrsstraße zwischen den Hochburgen der Separatisten, Donezk und Luhansk, zum anderen verlaufen von Russland kommende Eisenbahnlinien nach Donezk durch die Stadt.

Für die prorussischen Kämpfer bedeutet die Kontrolle über Debalzewe also eine einfachere und bessere Anbindung an das Nachbarland im Osten. Außerdem ermöglicht die strategisch günstige Lage der Stadt neue Routen zu den Städten Artemiwsk und Slowjansk, die von ukrainischen Regierungstruppen kontrolliert werden.

Wie reagiert Russland? Der russische Präsident Wladimir Putin äußerte sich am Abend bei einem Besuch in Ungarn zu dem Bruch der Waffenruhe. Er sagte, Kämpfe um die Stadt Debalzewe seien zu erwarten gewesen. Er hoffe, die Separatisten würden die ukrainischen Soldaten nicht daran hindern, die Stadt zu verlassen.

Kiew solle seine Soldaten wiederum nicht davon abhalten, die Waffen niederzulegen. Die Verantwortung für ein Ende des Konflikts sah Putin bei der Ukraine: Die Kämpfe würden nicht enden, bis die ukrainische Führung einsehe, dass es nur eine friedliche Lösung geben könne. Kiew müsse Verfassungsreformen einleiten und die Macht dezentralisieren.

Was sagt die OSZE? "Alle Seiten versuchen offenbar, bei Kämpfen neue Tatsachen zu schaffen, aber das widerspricht dem Geist des Minsker Abkommens", beklagte der stellvertretende OSZE-Missionschef Alexander Hug. Die Beobachter seien nicht nach Debalzewe gelangt, weil keine Sicherheitsgarantien gegeben worden seien.

Was bedeuten die Gefechte? Sie sind ein Rückschlag für die Bemühungen um einen Frieden in der Ostukraine. Eigentlich sollte an diesem Dienstag der Abzug der schweren Waffen aus dem Osten der Ukraine aus einer mindestens 50 Kilometer breiten Pufferzone beginnen. So war es bei den zähen Verhandlungen in Minsk vergangene Woche vereinbart worden. In weiteren Schritten sollten Gefangene ausgetauscht und Wahlen in den von Separatisten kontrollierten Gebieten abgehalten werden. Doch auch die zweite Minsker Vereinbarung scheint nun nur noch Makulatur zu sein.

Dabei hatten noch am Dienstagmorgen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande versucht, ein Scheitern zu verhindern. Sie hatten mit den Präsidenten von Russland und der Ukraine telefoniert. Sie baten Kreml-Chef Wladimir Putin, für eine Kontrolle der Waffenruhe in Debalzewe zu sorgen - Zusagen bekamen sie aber nicht.

Mit Material von dpa/Reuters

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