Überfälle vor Somalia Piraten weiten Kampfzone aus

Die Besatzung des vor Somalia entführten US-Frachters hat die Piraten überwältigt und ihr Schiff wieder unter Kontrolle. Doch die neuen Methoden der Seeräuber sind alarmierend: Sie schlagen gezielt in Gewässern zu, in denen keine Kriegsschiffe patrouillieren.

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Mogadischu - Die US-Regierung kann aufatmen: Die Besatzung der "Maersk Alabama" hat kurz nach der Entführung ihres Schiffs am frühen Morgen ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen. Informationen des Pentagons zufolge überwältigte die US-Besatzung die vier Kidnapper und setzte einen Piraten fest. Die Reederei Maersk bestätigte am Abend, das Schiff sei wieder unter Kontrolle der Besatzung. Drei Seeräuber sollen über Bord gesprungen und geflohen sein, meldeten Nachrichtenagenturen am Abend.

Der Kapitän des Containerschiffs sei aber in der Gewalt der Piraten, sagte ein Mitglied der Besatzung dem US-Fernsehsender CNN per Telefon. Er werde auf einem Beiboot festgehalten, nun laufen Verhandlungen über seine Freilassung. "Wir bieten ihnen an, was wir können. Aber es läuft nicht so gut", sagte der Zweite Maat, Ken Quinn, in einem kurzen Interview. Die Besatzung hoffe nun auf Hilfe der US-Marine, inzwischen traf der Zerstörer "USS Bainbridge" am Ort des Geschehens ein.

Die "Maersk Alabama" auf undatiertem Archivbild, noch unter anderem Namen: Die Besatzung hat das Schiff wieder unter Kontrolle
DPA

Die "Maersk Alabama" auf undatiertem Archivbild, noch unter anderem Namen: Die Besatzung hat das Schiff wieder unter Kontrolle

Trotz der ungeklärten Lage des Kapitäns - die robuste Reaktion der Crew hat offenbar eine weitere Geiselnahme eines Frachters durch somalische Piraten vor der Küste des Landes beendet. Zum ersten Mal scheint in diesem Fall die Besatzung so gut organisiert gewesen zu sein, dass sie die bewaffneten Piraten überwältigen konnte.

Die Entführung der "Maersk Alabama" symbolisierte einen Qualitätsunterschied in der Reihe der rasant zunehmenden Fälle von Schiffs-Kidnappings. Erstmals waren 20 US-Seeleute in der Hand von bewaffneten Entführern. Auch wenn die Kriminellen in der Vergangenheit stets gütlich mit den Geiseln umgingen und lediglich an Lösegeld interessiert waren, setzte der neue Fall die Regierung von Barack Obama unter Zugzwang.

Küste vor Somalia: Zentrum der Piraterie
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Küste vor Somalia: Zentrum der Piraterie

Der US-Bevölkerung wäre es kaum zu vermitteln gewesen, wenn die Regierung nichts gegen die Kidnapper unternommen hätte. Washington hat in den vergangenen Jahren eine harte Haltung bei Entführungen von US-Bürgern gezeigt. Lösegeldzahlungen - in Europa durchaus üblich - wurden stets ausgeschlossen. Oft riskierte das Weiße Haus lieber den Tod von Geiseln, als sich erpressen zu lassen. Auch mit gewaltsamen Befreiungsversuchen tun sich die USA deshalb leichter.

Das Weiße Haus hielt sich zu Beginn des Geiseldramas - die größte Verschleppung von US-Bürgern in den vergangenen Jahren - zurück. Man beobachte den Fall und spreche mit der Reederei, hieß es. Diese ist der Regierung bestens bekannt, seit Jahren verschifft die US-Firma Maersk Limited, die zur dänischen Moller-Maersk-Gruppe gehört, für das Pentagon Ausrüstung, Waffen und auch geheime Technik in alle Welt.

Kurz nach der Entführung sorgten sich Experten deshalb, der Frachter könnte Waffen transportieren - was die Lage noch dramatischer gemacht hätte. Der Verdacht bestätigte sich nicht, das Schiff sollte Hilfsgüter nach Mombasa liefern.

Eine gewaltsame Befreiung des Frachters erschien durchaus möglich. Die USA verfügen über mehrere Kriegsschiffe in der Region, die im Rahmen der "Joint Task Force 151" die Handelswege im Golf von Aden sichern sollen. Die "Maersk Alabama" wurde am frühen Mittwochmorgen rund 450 Kilometer südöstlich des somalischen Hafens von Eyl, einem Nest der Piratenbanden, gekidnappt. Das nächste US-Kriegsschiff war nach US-Angaben jedoch 555 Kilometer vom Tatort entfernt.

Über mögliche Operationen schwieg sich das Militär aus. Ein Sprecher der US Navy sagte lediglich, man verfolge die Bewegungen des Frachters "sehr genau". Über Satellitenüberwachung ist es ein Leichtes, die riesigen Frachter zu verfolgen, wenn Piraten das Steuer übernommen haben. Meist steuern diese ihre Beute zu einem der Häfen in Somalia, die sie komplett kontrollieren. Dort geht in der Regel ein Übersetzer an Bord, der dann Lösegeldverhandlungen mit der betroffenen Reederei führt.

Doch auch nach dem glücklichen Ende des Falls besorgt Experten der Trend der vergangenen Tage. Der Ort des Überfalls auf die "Maersk Alabama" steht symbolisch für eine neue Vorgehensweise der Piraten. In den vergangenen Tagen schlugen sie ausschließlich in der Zone des Risiko-Gebiets zu, das weder von der US Navy, der EU-Operation "Atalanta" noch der Nato patrouilliert wird. Die Kontrollfahrten der Kriegsschiffe, so die Einschätzung auch bei der deutschen Marine, zeigten also Wirkung. "Die Piraten haben jedoch leider dazu gelernt", so ein Offizier.

Die neue Strategie der Piraten ist so einfach wie erfolgreich. Statt sich mit ihren länglichen Holz-Skiffs mit den Kriegsschiffen aus den USA und Europa anzulegen, operieren sie nun außerhalb der Kontrollzone - also entweder vor der Küste Kenias oder näher an Somalia, wo die Handelsschiffe laut einer Warnung der Patrouillen eigentlich nicht fahren sollen. An die Warnung hielt sich die "Maersk Alabama" offenbar nicht - möglicherweise, um Sprit zu sparen.

Der jüngste Trend bei den Piraterie-Fällen ist dramatisch: In den vergangenen Tagen haben Seeräuber fast zehn Schiffe, darunter den deutschen Frachter "MV Hansa Stavanger" in ihre Gewalt gebracht. Insgesamt sind fast 20 Schiffe in der Hand von Piraten. Freuten sich die Militärs im Februar und März noch über den offenkundigen Erfolg ihrer Operationen, müssen sie nun tatenlos zusehen, wie die Piraten ihre Kampfzone problemlos ausweiten.

Das Internationale Anti-Piraterie-Büro IMB in Kuala Lumpur, bei dem täglich neue Fälle analysiert werden, warnte vor der neuen Entwicklung und forderte gleichzeitig eine Ausweitung der Kontrollen durch internationale Kriegsschiffe in der Region. "Mit mehr Patrouillen-Schiffen könnten wir die Piraten zurückschlagen, bevor sie durch Lösegeldzahlungen weiter aufrüsten", sagte IMB-Sprecher Noel Chong SPIEGEL ONLINE. Chong forderte die USA aber auch die Nato auf, möglichst rasch neue Kriegsschiffe zu entsenden.

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