Überfall in der Türkei Christenfeinde ermorden Deutschen in Bibelverlag

Erst fesselten sie ihre Opfer an Händen und Füßen, dann schnitten sie ihnen die Kehlen durch: In der türkischen Stadt Malatya haben Attentäter drei Christen kaltblütig ermordet - auch ein Deutscher ist unter den Opfern. Die Bundesregierung verurteilt den Überfall und fordert Aufklärung.

Ankara/Berlin - Noch fehlen nach dem Mord an drei Christen in der Türkei genaue Angaben über die Täter, aber es kursieren bereits erste Gerüchte und Vermutungen: Im Sender CNN-Turk hieß es, die Attentäter könnten aus Kreisen der militanten Islamisten stammen. Möglicherweise stecke die Türkische Hisbollah dahinter, eine kurdische Organisation, die einen islamistischen Staat in der Türkei errichten will, hieß es.

Ihr Überfall auf den christlichen Zirve-Verlag in der Stadt Malatya, bei der ein Deutscher und zwei Türken ums Leben kamen, war vor allem eines: eine Tat mit grausamer Choreografie. Die Täter hatten ihre Opfer zunächst an Händen und Füßen gefesselt, dann schnitten sie ihnen die Kehlen durch.

Ein vierter Mann hatte sich bei dem Überfall nach Behördenangaben durch einen Sprung aus dem Fenster retten können. Er wurde verletzt im Krankenhaus behandelt und hat den Angaben zufolge ein Schädeltrauma erlitten. Ein weiterer Verletzter kam mit Schnittwunden ins Krankenhaus.

Die Polizei vernehme fünf Verdächtige, sagte Gouverneur Ibrahim Dasoz. Die mutmaßlichen Täter sind im Alter von 19 und 20 Jahren.

Berichten zufolge trugen sie einen Brief bei sich, aus dem ihre Motive allerdings nicht deutlich wurden: "Wir sind alle fünf Brüder. Wir gehen in den Tod und werden wohl nicht wiederkommen." Die jungen Männer sollen zusammen in einem Wohnheim gelebt haben, hieß es. Einer von ihnen sei während der Vorbereitung zur Universitätsprüfung nach einem Streit mit der Heimleitung hinausgeworfen worden.

Das Fernsehen zeigte Bilder von Polizisten, die einen Mann zu Boden drückten. Auf anderen Bildern war zu sehen, wie mehrere junge Männer aus dem Gebäude geführt wurden.

Der deutsche Botschafter Eckhart Cuntz erklärte, noch seien die Umstände des blutigen Überfalls nicht geklärt. Er sei betroffen und verurteile das Verbrechen auf das Schärfste. Die deutsche Botschaft stehe in ständigem Kontakt mit den türkischen Behörden.

Bei dem Deutschen handelt es sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE um den 46-jährigen Übersetzer Tilmann G., der seit Jahren in Malatya lebte und dort ein Büro hatte. Der Vater von vier Kindern soll in der Schweiz studiert haben. Die Informationen sind allerdings noch nicht offiziell bestätigt.

Hochburg der Nationalisten

Das Auswärtige Amt in Berlin hatte zunächst keine zusätzlichen Erkenntnisse zu dem Zwischenfall im osttürkischen Malatya. Ein Sprecher bestätigte nur, dass ein Deutscher unter den Opfern sei. Die deutsche Botschaft habe einen Konsularbeamten und einen Dolmetscher entsandt, um die Umstände des Überfalls zu klären. Ersten Angaben zufolge lebte der Deutsche seit einem Jahr in der Türkei.

Malatya gilt als Hochburg der Nationalisten. Aus der Stadt stammte auch Mehmet Ali Agca, der 1981 das Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübte. Mit ihren etwa 400.000 Einwohnern ist die 1838 gegründete Metropole Handelszentrum und Sitz der Inönü-Universität.

Gegen den Zirve-Verlag hatte es schon mehrfach Proteste gegeben. Die Mitarbeiter seien kürzlich bedroht worden, sagte Geschäftsführer Hamza Ozant dem Sender CNN Turk. Der im dritten Stock eines Hauses gelegene Verlag verkauft Bibeln, Kreuze und christliche Literatur.

Für den Istanbuler Sicherheitsexperten Gareth Jenkins schien der Anschlag ein Werk von Islamisten zu sein. Allerdings gebe es noch keine endgültige Gewissheit. Generell würden Christen in der Türkei vielfach bedroht. Besonders betroffen seien türkische Konvertiten. Der bislang letzte schwere Angriff habe sich 1997 ereignet: Damals seien bei einem Bombenanschlag auf einen Verkaufsstand für Bibeln ein Mensch getötet und Dutzende verletzt worden.

Im vergangenen Jahr war eine nationalistische Welle über die offiziell säkulare, aber überwiegend von Muslimen bewohnte Türkei hinweggefegt. Für zusätzliche Spannungen sorgt die Frage, ob Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan für das Präsidentenamt kandidiert. Erdogans Partei ist islamisch geprägt, der Regierungschef hat sich aber ausdrücklich zur Trennung von Religion und Staat bekannt.

Der Fall Hrant Dink

Die Regierung und andere offizielle Vertreter haben wiederholt die Tätigkeit christlicher Missionswerke kritisiert. Die Europäische Union, deren Mitglied die Türkei werden will, hat dagegen mehr Freiheiten für die christliche Minderheit angemahnt. Türkische Nationalisten sehen in christlichen Missionaren Feinde des Landes, die deren politische und religiöse Institutionen untergraben.

Der ebenfalls aus Malatya stammende armenisch-türkische Publizist Hrant Dink war Anfang des Jahres von einem jungen Ultranationalisten ermordet worden. Danach hatte der Staat zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für Schriftsteller und Journalisten getroffen. Vor einem Jahr war auf dem Höhepunkt der Proteste gegen Mohammed-Karikaturen in der Schwarz-Meer-Stadt Trabzon ein Priester erschossen worden. Vor dem historischen Besuch von Papst Benedikt XVI. im vorigen Jahr hatte es ebenfalls Proteste gegeben.

Christen bilden in der Türkei (70 Millionen Einwohner) eine verschwindend geringe Minderheit. Ihre Zahl wird auf gut 100.000 geschätzt - offizielle Angaben fehlen.

Die Bundesregierung und deutsche Politiker verurteilten die Tat. "Ich verurteile diese furchtbare Tat auf das Schärfste", erklärte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Rande seines Besuchs in Panama. Er gehe fest davon aus, dass die türkischen Behörden alles unternähmen, um das Verbrechen restlos aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. "Die Umstände dieser Tat müssen vollständig ans Licht gebracht werden", forderte Steinmeier nach Angaben des Auswärtigen Amtes.

Sollten sich die Berichte über einen "politischen Hintergrund der Tat bestätigen", müsse die türkische Regierung dies sehr ernst nehmen, betonte die stellvertretende europapolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Berichterstatterin für die Türkei, Lale Akgün, in Berlin. "Und sie muss im Interesse des EU-Beitritts ihre Bemühungen, die Religionsfreiheit zu garantieren, weiter verstärken." Der Parlamentarische Geschäftsführer und menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, verurteilte den Anschlag als "erschreckend und von beispielloser Brutalität". Die "islamische Geistlichkeit" sei aufgefordert, "deutlich zu machen, dass Glaubenswechsel und Missionierung, also das Werben für den eigenen Glauben, als Teil der Glaubensfreiheit für alle Glaubensgemeinschaften gleichermaßen unveräußerlicher Teil der Menschenrechte" seien.

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) reagierte bestürzt auf den Überfall. Die Nachricht von der Ermordung der Verlagsmitarbeiter erschüttere ihn, sagte EKD-Chef Wolfgang Huber in Hannover. Anlass des grauenhaften Geschehens sei, dass der Verlag in der Osttürkei Bibeln verteile. Die Bibel bezeuge das Wort des Lebens. Dieses Wort anderen anzubieten dürfe niemals Grund dafür sein, Menschen an Leib und Leben zu bedrohen.

hen/pat/dpa/Reuters/AP/ddp

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