Überlebende berichten von der Geisel-Hölle "Er warf sich auf die Bombe, dann schossen sie ihn ab"

Drei Tage waren die rund 700 Geiseln im Moskauer "Nord-Ost"-Theater gefangen. Olga Chuchrina aus St. Petersburg war eine von ihnen. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus erzählte die 25-jährige Programmistin der russischen Zeitung "Istwestija", wie sie das Drama erlebte.


Blutiges Ende des Dramas: Spezialeinheiten holen die Geiseln aus dem Theater
REUTERS

Blutiges Ende des Dramas: Spezialeinheiten holen die Geiseln aus dem Theater

Moskau - "Am späten Freitagabend wurde die Lage äußerst angespannt. Und um Mitternacht hielten bei einem jungen Mann aus einer der letzten Reihen die Nerven nicht mehr. Er sprang auf, sprang von hinten über die Leute und warf sich auf die Bombe, die in der Mitte des Saales war.

Die Terroristen schossen aus Maschinengewehren auf ihn und verletzten noch zwei Personen. Einen Mann und eine Frau. Der Mann starb später im Krankenhaus, über das Schicksal der Frau weiß ich nichts. Dem jungen Mann, der auf die Bombe gesprungen war, banden sie die Arme auf dem Rücken zusammen und führten ihn in den Korridor ab. Dann dröhnten Schüsse.

Als Gas einströmte, saß ich in einer der vordersten Reihen. Es stieg Rauch auf, und ein strenger Geruch war zu spüren. Die Terroristen liefen auf die Bühne und versuchten krampfhaft, sich Atemschutzgeräte anzulegen. Gott sei dank, dass sie uns nicht in die Luft gesprengt haben.

Es scheint so, dass sie keine Selbstmordattentäter waren. Wenn sie sich nämlich in die Luft hätten sprengen wollen, dann hätten sie es auch gemacht. Sie hätten Zeit gehabt, auf die Knöpfe zu drücken. Ich zum Beispiel habe das Bewusstsein so in 15 bis 20 Sekunden verloren.

Jetzt gucke ich Fernsehen und wundere mich: Alle sprechen vom Stockholmer Syndrom, das es aber in Wirklichkeit im Saal nicht gab. Ich habe nicht bemerkt, dass irgendjemand gegenüber den Kämpfern Sympathie entwickelt hat. Im Gegenteil, wir Geiseln haben versucht, uns gegenseitig zu unterstützen.

Der Produzent von Nord-Ost, Wassilijew, der neben mir saß, hat überhaupt die ganze Zeit Späße gemacht. Von Anfang an hat er Witze erzählt. Dann sagten irgendwelche Mädchen zu ihm, dass sie das Musical zum ersten Mal gesehen hätten und dass sie es trotz alledem zu Ende sehen wollten. Darauf versprach er dann allen Ernstes, dass alle Geiseln nun jeden Tag in die Vorstellung gelassen werden, natürlich nur, wenn sie denn wirklich selbst wollten."

Übersetzung von www.russland.ru



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