Überraschender Fund Gaddafi hatte geeignetes Material zum Bau von Atomwaffen

Die Internationale Atomenergiebehörde hat in Libyen eine überraschende Entdeckung gemacht. Bei der Untersuchung von Nuklearanlagen fand die Uno-Behörde Spuren von hoch angereichertem Uran, das zum Bau einer Atombombe geeignet gewesen wäre.

Wien – Die Reste des waffentauglichen Stoffs fand die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) an Zentrifugen, die vermutlich aus Pakistan stammten. Zentrifugen können dazu benutzt werden, hoch angereichertes und damit waffentaugliches Uran herzustellen. Ähnliche Zentrifugen zur Urananreicherung hatten IAEO-Inspekteure bei Untersuchungen Anfang dieses Jahres in Iran entdeckt. Das hatte den Verdacht der USA bestärkt, das Land arbeite trotz gegenteiliger Zusagen an einem Atomwaffenprogramm.

Der Fund geht aus einem vertraulichen Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) hervor, der am Freitag den 35 Mitgliedern des Gouverneursrats der IAEO übergeben wurde, der am 14. Juni in Wien zusammenkommt.

In dem Papier heißt es außerdem, an der Universität in der libyschen Hauptstadt Tripolis haben die Inspektoren ein "Forschungslabor und die dazu gehörige Ausrüstung gefunden, die für die Erforschung und Entwicklung von Atomwaffen von Nutzen gewesen sein könnten". Die IAEA habe jedoch keine Belege dafür gefunden, dass Libyen mit dem Bau eines atomaren Sprengkopfes bereits begonnen habe.

Technik und Know How für das Atomwaffenprogramm habe der nordafrikanische Staat von mehreren Staaten und Privatfirmen erhalten. Die Lieferanten kämen von drei verschiedenen Kontinenten, heißt es in dem Bericht weiter. Einzelne Staaten werden aber nicht genannt. Mit der Untersuchung vertraute Diplomaten gehen aber davon aus, es handle sich dabei um die ehemalige Sowjetunion, Südafrika, Pakistan, Dubai und Malaysia.

Verbindungen zum "Vater der islamischen Atombombe"

Es gibt Hinweise darauf, der pakistanische Atomwissenschaftler Abdul Kadeer Chan habe bei der Beschaffung der Zentrifugen auf dem Schwarzmarkt geholfen. Abdul Kadeer Chan gilt als "Vater der islamischen Atombombe". Der Fund scheint iranische Angaben zu unterstützen, die auf den Zentrifugen des Landes gefundenen Uranspuren stammten von den vorherigen Besitzern der Geräte in Pakistan. Iran hat die Vorwürfe, Atomwaffen herstellen zu wollen immer zurückgewiesen und betont, das Atomprogramm des Landes diene ausschließlich zur friedlichen Stromerzeugung.

In dem von IAEO-Generaldirektor Mohammed el Baradei in Auftrag gegebenen Papier lobt die Wiener Behörde ausdrücklich die Kooperationsbereitschaft der libyschen Regierung, die erst am 10. März das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hatte. Dennoch seien einige Fragen im Zusammenhang mit dem vor über 20 Jahren begonnenen heimlichen Atomprogramm Libyens offen geblieben, heißt es. So sei nach wie vor "die Herkunft radioaktiver Substanzen ungeklärt", die Tripolis in den Jahren 2000 und 2001 erwarb. Weiter habe man noch kein vollständiges Bild von den libyschen Aktivitäten zur Urananreicherung mit Gaszentrifugen.

Die IAEO wird voraussichtlich Anfang kommender Woche einen ähnlichen Bericht über das Ergebnis ihrer Inspektionen in Iran an den Gouverneursrat übermitteln. Beide Staaten haben sich seit Dezember 2003 zur Offenlegung ihrer jeweiligen Atomprogramme verpflichtet. Die USA beschuldigen Teheran jedoch nach wie vor, ein heimliches Programm zum Bau von Atombomben zu betreiben. Teheran hat der IAEO inzwischen einen rund 1000 Seiten umfassenden Rechenschaftsbericht über sein Atomprogramm übermittelt.

Seit der libysche Staatschef Muammar Gaddafi im Dezember den vollständigen Verzicht auf Massenvernichtungswaffen erklärte, sind IAEA-Inspektoren bereits mehrfach zu Kontrollen in das Land gereist. Sie seien dabei von de Libyern voll unterstützt worden, hieß es in Wien.