Detroit - Vom einstigen Reichtum der Stadt künden nur noch die alten Ruinen. Nichts, so scheint es, konnte den Niedergang bislang aufhalten. Detroit, auf dem Höhepunkt des Auto-Booms knapp zwei Millionen Einwohner stark, verdient heute kaum noch den Namen Metropole. Rund 700.000 Menschen leben noch hier, so viele wie 1910. Leere Fabriken, zugenagelte Läden, verlassene Häuser - die Bagger kommen mit dem Abriss gar nicht nach.
Bisher war es den Stadtvätern gelungen, sich noch einigermaßen durchzulavieren. Doch es ist absehbar, dass das nicht mehr lange gutgeht. Insgesamt schuldet Detroit seinen Gläubigern 14 Milliarden Dollar. Und im aktuellen Haushalt fehlen bereits jetzt 100 Millionen, unvorhergesehene Ereignisse sind da nicht eingerechnet.
Misstrauensvotum gegen die Stadtväter
Michigans Gouverneur Rick Snyder zog deshalb am Freitag die Reißleine. Er rief den finanziellen Notstand aus und ebnete damit den Weg für eine Zwangsverwaltung. "Viele gute Leute haben bereits Programme entwickelt, doch keines davon hat funktioniert," erklärte Snyder vor einer ausgewählten Gruppe von Honoratioren der Stadt. "Es wird höchste Zeit, dass wir den Abwärtstrend stoppen".
Die Ansage kam einem Misstrauensvotum gegenüber den Stadtoberen gleich: Zu dem kleinen Kreis war weder Bürgermeister Dave Bing geladen, noch ein anderes Mitglied der Stadtregierung. "Wir nehmen euch jetzt die Zügel aus der Hand", lautete das Signal.
Ein Manager mit umfassenden Vollmachten soll jetzt Einblick in die Bücher nehmen und eine radikale Sanierung einleiten. Dafür wird er aktuelle und geplante Projekte auf den Prüfstein stellen, zurechtstutzen und gegebenenfalls streichen, Vermögenswerte versilbern und Mitarbeiter der Verwaltung entlassen. Firmen, die im Auftrag der öffentlichen Hand arbeiten, müssen sich auf Nachverhandlungen einstellen.
Bankrott nicht ausgeschlossen
Beobachter halten es aber für möglich, dass auch ein Fachmann keine Lösung findet - und Detroit seinen Bankrott erklären muss. Es wäre die größte Pleite einer Kommune in der Geschichte der USA. Kein Wunder ist es deshalb, dass der Vorgang überall in den USA mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wird. Denn überall leiden die Kommunen an den Folgen der Finanzkrise und der daraus entstandenen Rezession. Der externe Verwalter wird Motown nun immerhin erst einmal eine Galgenfrist von 18 Monaten verschaffen. So lange soll die Ausarbeitung des Sanierungsplans dauern.
Die Stadtväter wollen ihre Quasi-Entmachtung jedoch nicht so einfach hinnehmen. Sie kündigten an, Snyders Entscheidung anzufechten. Vor der Wayne-State-University skandierten einige Demonstranten "Snyder go home". Karen Lewis, Manager eines Lebensmittelgeschäfts empfindet die Maßnahme als Diktat der Republikaner, das nur dazu diene, die betroffenen Bürger auszubeuten: "Sie wollen unser Geld, unser Land. Niemand kümmert sich um uns".
Die Grenzen des Widerstands sind Bing jedoch durchaus bewusst. Er machte deutlich, mit dem Aufseher so gut wie möglich zusammenarbeiten zu wollen. Zehn Tage hat die Stadtregierung jetzt Zeit, ihre Argumente gegen die Fremdverwaltung zu sortieren, die Anhörung ist für den 12. März geplant. Anschließend wird Snyder die endgültige Entscheidung verkünden. Kaum ein Beobachter glaubt allerdings, dass er sie noch ändert.
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Wohnhaus mit der Zentrale des Autobauers General Motors im Hintergund: Die Stadt konnte den wirtschaftlichen Niedergang bislang nicht aufhalten.
Verlassene Häuser: In der einstigen Zwei-Millionen-Metropole leben inzwischen weniger als 700.000 Menschen.
Obdachlosenbehausung: Obwohl unzählige Häuser unbewohnt sind, leben viele Menschen auf der Straße.
Bettler in der Innenstadt: Der Stadt fehlen die Mittel zur Versorgung der Ärmsten. Experten befürchten, dass die Situation nach Wirksamwerden des Spardiktats noch schlimmer wird.
Leerstehendes Bürogebäude: Das Geld für den Abriss der überflüssigen Häuser fehlt.
Ehemaliger Belle Isle Safari Zoo: Einrichtungen wie ein Tierpark sind für die Stadt schon lange der pure Luxus.
Ehemaliger Hauptbahnhof: Erinnerung an den einstigen Reichtum und Mahnmal für den unaufhaltsamen Niedergang.
Detroit Downtown: Für knapp 700.000 Menschen ist die Stadt inzwischen viel zu groß. Nur wenige Straßenzüge sind noch von lebendigem Treiben geprägt.
Detroit-Skyline: Einzige Hoffnung für die Stadt sind Künstler und Schriftsteller, die hier günstigen Wohnraum finden.
Ehemaliger Hauptbahnhof: Erinnerung an den einstigen Reichtum und Mahnmal für den unaufhaltsamen Niedergang.
Foto: SPENCER PLATT/ AFPMelden Sie sich an und diskutieren Sie mit
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