Debatte über EM-Land Ukraine "Herr Lahm ist nicht mein Chef"

Seit Wochen wird über die Lage im EM-Gastgeberland Ukraine debattiert. Jetzt schaltet sich Uefa-Chef Michel Platini in die Debatte ein. Er weist Kritik an der unpolitischen Haltung seines Verbands zurück. Besonders empört sich der Funktionär über den deutschen Mannschaftskapitän Philipp Lahm.

Michel Platini: "Ich mache keine Politik, ich mache Fußball"
DPA

Michel Platini: "Ich mache keine Politik, ich mache Fußball"


Nyon - Uefa-Präsident Michel Platini hat die unpolitische Linie seines Verbandes in der Diskussion um die Menschenrechte in der Ukraine verteidigt. Der Chef der Europäischen Fußball-Union wies die Forderung von DFB-Kapitän Philipp Lahm nach einer Positionierung und einem Eingreifen der Uefa mit scharfen Worten zurück. "Er kann sagen, was er will. Das ist mir egal. Herr Lahm ist nicht mein Chef. Er hat von mir nichts zu fordern. Er ist Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, nicht Kapitän der Uefa", sagte Platini der Nachrichtenagentur dpa.

Auch künftig will der Franzose politische Erwägungen bei den Bewerbungen ausschließen. Einen Mindeststandard in Menschenrechtsfragen als Bedingung lehnt er ab. "Die Mitglieder des Exekutivkomitees müssen nach ihrem besten Wissen und Gewissen wählen", sagte Platini und betonte: "Am Anfang waren alle zufrieden mit der Wahl Polens und der Ukraine. Und was machen wir, wenn eine Regierung wechselt? Nehmen wir dann das Turnier aus politischen Gründen wieder weg? Schwierig, schwierig."

Lahm hatte zuletzt im SPIEGEL die politische Führung der Ukraine wegen des Umgangs mit der inhaftierten Oppositionsführerin Julija Timoschenko kritisiert. Der Münchner hatte von der Uefa gefordert, sich deutlich zur Frage der Menschenrechte in der früheren Sowjetrepublik zu äußern. In Richtung Platini sagte er: "Ich glaube, dass er Position beziehen sollte. Und ich bin gespannt, was er zu sagen hat."

"Kümmern Sie sich um ihren eigenen Kram"

Lange hatte der 56 Jahre alte frühere Weltklasse-Profi öffentlich geschwiegen - was ihm nicht nur Lahm vorwarf. "Jeder hat sein Aufgabengebiet auszufüllen. Ich mache keine Politik, ich mache Fußball. Wenn ich Politik machen wollte, würde ich in die Politik gehen", sagte Platini nun.

Die Uefa werde sich auch in Zukunft nicht in politische oder religiöse Belange einmischen. Er habe die Regierung in der Ukraine auf die Sorgen in Bezug auf den Umgang mit Timoschenko hingewiesen. "Aber die Reaktion ist klar: 'Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram. Das ist nicht Ihr Zuständigkeitsgebiet, das ist ein Problem der ukrainischen Justiz.'", sagte Platini.

Einigen Politikern warf der Europameister von 1984 Unglaubwürdigkeit vor. "Ich kann Ihnen die damaligen Reaktionen zeigen, als die EM an Polen und die Ukraine vergeben wurde. Alle haben applaudiert und die Öffnung zum Osten begrüßt." Diejenigen, die jetzt den Spielen in der Ukraine fernbleiben wollten, seien "die Gleichen, die vor vier Jahren gesagt haben, wie toll es ist, dass wir uns Polen und der Ukraine öffnen", sagte der Uefa-Chef.

Anfang Mai hatten beispielsweise EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und die anderen 26 Mitglieder der EU-Kommission angekündigt, aus Protest gegen die Behandlung der Oppositionsführerin Timoschenko den EM-Spielen in der Ukraine fernbleiben zu wollen. Auch zahlreiche deutsche Politiker wollen nicht in die Ukraine reisen, wo die DFB-Elf von Bundestrainer Joachim Löw ihre drei Vorrundenspiele gegen Portugal (9. Juni in Lwiw), die Niederlande (13. Juni in Charkow) und Dänemark (17. Juni in Lwiw) bestreitet.

"Am dritten Tag ist es gut"

"Wenn jetzt einige nicht in die Ukraine kommen wollen, kommen sie nicht. Wenn sie kommen, kommen sie. Ich mache Fußball und organisiere die Euro. Für anderes ist es jetzt zu spät", erklärte Platini dazu. Er verwies vor dem Eröffnungsspiel des Co-Gastgebers Polen gegen Griechenland am 8. Juni im Nationalstadion von Warschau auf die große Bedeutung der ersten EM im ehemaligen Ostblock. "Alles ist bereit. Wir sehen keine großen Probleme mehr. Die Menschen in Polen und der Ukraine wollen unbedingt zeigen, dass sie eine hervorragende Europameisterschaft organisiert haben", sagte Platini.

Der Verbandschef zeigt sich von einem erfolgreichen Turnier überzeugt. "Wir wissen doch, wie es ablaufen wird. Wie bei allen Welt- und Europameisterschaften. Der erste Tag wird schwierig, am zweiten wird es besser, und am dritten ist es gut", prophezeite Platini.

ler/dpa

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der willi 23.05.2012
1. Typisch
Das ist die Einstellung eines typischen, saturierten Funktionärs, immer schön abkassieren und ja kein Risiko eingehen! Bei aufkommender Kritik sofort arrogant und abwertend zurückschlagen. Man merkt`s, Platini arbeitet auf die Nachfolge Blatters hin, hoffentlich übertrifft er ihn nicht!
doc 123 23.05.2012
2. Absolute Zustimmung!
Zitat von sysopDPASeit Wochen wird über die Lage im EM-Gastgeberland Ukraine debattiert. Jetzt schaltet sich Uefa-Chef Michel Platini in die Debatte ein. Er weist Kritik an der unpolitischen Haltung seines Verbands zurück. Besonders empört sich der Funktionär über den deutschen Mannschaftskapitän Philip Lahm. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,834731,00.html
""Aber die Reaktion ist klar: 'Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram. Das ist nicht Ihr Zuständigkeitsgebiet, das ist ein Problem der ukrainischen Justiz.'", sagte Platini." Es ist doch wohl vollständig abstrus, dass Fußballer eines mittelmäßigen Vereines, die sich bez. der eigenen Leistungsfähigkeit und der sportlichen Vorgaben allenfalls an die eigene Nase packen sollten, sich derartig politisch äußern wie Herr Lahm. Mittlerweile unbestrittener Fakt ist doch wohl, dass eine Frau Timoschenko, die mit ihrer massivsten Selbstbereicherung nicht nur das eigene Volk, sondern auch deutsche Ärzte und Medien verdummt, vollständig zurecht im Knast sitzt. Man möchte doch mittlerweile selbst einen Herrn Lahm von den mittelmäßigen Vize-Bayern, trotzdem der noch der einer der leistungsfähigen der dortigen Spieler ist, nicht mehr in der Nationalmannschaft mehr sehen, Spieler wie den Fliegenfänger, Schweinsteiger, Kroos, Müller, Gomez, Boateng dagegen schon alleine auf Grund der sportlichen Möglichkeiten nicht mehr. Einzige Konsequenz kann doch wohl sein, wenn Herr Löw sich tatsächlich erdreistet sollte mehr als einen bis max. 2 Spieler der Vize-Bayern einzusetzen (Badstuber mag noch genehmigt sein), die TV-Präsenz der deutschen Nationalmannschaft zu bestreiken.
tdmdft 23.05.2012
3. Debatte über EM-Land Ukraine
Sport hat noch nie für Politik getaugt. Wer Sport als Vehikel für die Öffnung eines Landes gebrauchen will, hat nichts verstanden. Die Frage nach der Umsetzung sollte man sich schon bei der Vergabe stellen und nicht erst jetzt.
mr-mojo-risin´ 23.05.2012
4. Teletubbie-Land
So einfach ist das Leben eines Fußball-Funktionärs. Ich mache Fußball, geht mich alles nichts an, stört meine und der Fans Wohlfühlphase. Alles so schön bunt hier, wie im Teletubbie-Land. Am Ende geht´s doch nur wieder um die Kohle. Widerlich.
adal_ 23.05.2012
5. Aus der Zeit gefallen
Zitat von doc 123""Aber die Reaktion ist klar: 'Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram. Das ist nicht Ihr Zuständigkeitsgebiet, das ist ein Problem der ukrainischen Justiz.'", sagte Platini." Es ist doch wohl vollständig abstrus, dass Fußballer eines mittelmäßigen Vereines, die sich bez. der eigenen Leistungsfähigkeit und der sportlichen Vorgaben allenfalls an die eigene Nase packen sollten, sich derartig politisch äußern wie Herr Lahm. Mittlerweile unbestrittener Fakt ist doch wohl, dass eine Frau Timoschenko, die mit ihrer massivsten Selbstbereicherung nicht nur das eigene Volk, sondern auch deutsche Ärzte und Medien verdummt, vollständig zurecht im Knast sitzt. Man möchte doch mittlerweile selbst einen Herrn Lahm von den mittelmäßigen Vize-Bayern, trotzdem der noch der einer der leistungsfähigen der dortigen Spieler ist, nicht mehr in der Nationalmannschaft mehr sehen, Spieler wie den Fliegenfänger, Schweinsteiger, Kroos, Müller, Gomez, Boateng dagegen schon alleine auf Grund der sportlichen Möglichkeiten nicht mehr. Einzige Konsequenz kann doch wohl sein, wenn Herr Löw sich tatsächlich erdreistet sollte mehr als einen bis max. 2 Spieler der Vize-Bayern einzusetzen (Badstuber mag noch genehmigt sein), die TV-Präsenz der deutschen Nationalmannschaft zu bestreiken.
Das ist Ihre ebenso unbegründete wie unmaßgebliche Meinung und nicht die Meinung Platinis. Der spielt den konsequent apolitischen Sportfunktionär. Eine Rolle, die aus der Zeit gefallen ist.
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