Xinjiang Chinas Regierung trennt offenbar systematisch muslimische Familien

Mehr als eine Million Menschen sollen in der chinesischen Provinz Xinjiang in Umerziehungslagern untergebracht sein - vor allem Muslime. Einem BBC-Bericht zufolge werden auch Kinder systematisch entwurzelt.

Sala Jimobai und ihr Sohn halten ein Bild von ihrem Vater und Ehemann, Dakey Zhunishan, der interniert worden sein soll
Dake Kang/ AP

Sala Jimobai und ihr Sohn halten ein Bild von ihrem Vater und Ehemann, Dakey Zhunishan, der interniert worden sein soll


Die chinesische Regierung weitet ihr Prinzip der "Umerziehungslager" in der Provinz Xinjiang offenbar aus - und baut im großen Stil Schulen und Internate für die Kinder aus der Region, in der fast ausschließlich Angehörige der muslimischen Minderheit der Uiguren leben. Darüber berichtet der britische Sender BBC, der sich auf Untersuchungen des deutschen Experten Adrian Zenz beruft. Demnach haben Behörden allein im Süden der Provinz mehr als eine Milliarde Dollar in Einrichtungen für Kinder investiert. Diese böten den "idealen Kontext für eine kulturelle Umerziehung von Minderheiten", sagte Zenz der BBC.

Er geht davon aus, dass es sich bei einigen der neuen Gebäude um Wohnheime handelt, womöglich ähnlich der Internierungslager für Erwachsene. Allein im April vergangenen Jahres sollen fast 2000 Kinder aus den umliegenden Dörfern in eine neue Mittelschule in Yecheng gekommen sein. Die Zahlen gehen auf öffentlich zugängliche, offizielle Dokumente zurück. Zenz gilt seit Jahren als ausgewiesener Experte für die Lager in Xinjiang.

Außenansicht eines Internierungslagers für Erwachsene in Xinjiang
Thomas Peter/ REUTERS

Außenansicht eines Internierungslagers für Erwachsene in Xinjiang

In der Provinz baut Peking seit Jahren einen umfassenden Überwachungsstaat auf. Gerade erst war bekannt geworden, dass auch Touristen in der Region Spähsoftware auf das Handy geladen wird. Nach Schätzungen der Uno sind mehr als eine Million Uiguren inzwischen in Internierungslagern gelandet - Peking spricht von Einrichtungen für "freie Berufsausbildung". In Berichten von Menschenrechtsorganisationen zeichnen ehemalige Internierte ein gänzlich anderes Bild der staatlichen Lager. Sie berichten, dort auf die Kommunistische Partei eingeschworen worden zu sein, einige schildern physische und psychische Gewalt.

Der BBC-Journalist John Sudworth konnte selbst nicht frei in Xinjiang recherchieren - Journalisten werden dort rund um die Uhr überwacht. Er hat deshalb mit Uiguren in der Türkei gesprochen. Aus Interviews mit 60 unterschiedlichen Personen habe er Details zu dem Verschwinden von mehr als 100 Kindern in Xinjiang erfahren. Diese Erkenntnisse deuteten daraufhin, dass die Kinder systematisch von ihren religiösen und familiären Wurzeln getrennt werden sollten. Nach Recherchen der BBC gibt es Dokumente zu einem Dorf, in dem allein 400 Kinder ohne ihre Eltern leben, da diese in Internierungslager gekommen sein sollen.

Nach offizieller Darstellung sollten die Schulen und umfassende Betreuung dazu dienen, "Stabilität und Frieden" in der Region zu wahren, indem die "Schule den Platz der Eltern übernimmt", wie es im BBC-Bericht heißt. Demnach ist es auf dem Gelände der Schulen verboten, etwas anderes als Mandarin zu sprechen. Nicht nur Schüler, auch Lehrer würden bestraft, wenn sie die uigurische Sprache verwendeten. Zenz sagt: "Die Erkenntnisse deuten daraufhin, dass es sich hier um einen kulturellen Genozid handelt."

vks



insgesamt 22 Beiträge
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seboolba 05.07.2019
1. Uiguren, nicht Muslime
dem Artikel entnehme ich, dass sich die Repression vor allem gegen die Ethnie der Uiguren richtet, nicht andere muslimische Ethnien! daher ist der Artikel etwas irreführend! Nichtsdestotrotz ist die chinesische Politik Menschenrechtswidrig und grausam, egal, wie man die Opfer nennt!!
HeisseLuft 05.07.2019
2. Der Artikel ist vielleicht ein wenig ungenau
Zitat von seboolbadem Artikel entnehme ich, dass sich die Repression vor allem gegen die Ethnie der Uiguren richtet, nicht andere muslimische Ethnien! daher ist der Artikel etwas irreführend! Nichtsdestotrotz ist die chinesische Politik Menschenrechtswidrig und grausam, egal, wie man die Opfer nennt!!
Ja, schon, die Repression richtet sich allerdings auch recht explizit gegen die Religion. Und abgesehen davon sind es tatsächlich auch nur vorwiegend Uighuren. Tatsächlich sind auch Kasachen und andere betroffen: https://www.deutschlandfunk.de/kasachstan-kaum-hoffnung-fuer-geflohene-kasachen-aus-china.799.de.html?dram:article_id=443725 Im Grunde genommen: alle, die der chinesischen Führung verdächtig sind und die in einer für die "neue Seidenstraße" strategisch wichtigen Region leben. Und da passt es dann nebenbei auch wunderbar, dass die chinesischen Kredite und Investitionen ein Druckmittel in die Hand geben.
qualidax 05.07.2019
3. Nichts ist nur Schwarz und Weiß ...
... ich nehme an, die Konflikte im Uiguren-Land werden nur zu gerne als "Pfahl im Fleische" von westlichen Diensten genutzt. Wenn ich schon lese "BBC-Bericht" und das allseits so beliebte Wort "offenbar", dann weiss ich eigentlich schon Bescheid. Und man kann natürlich leider nur mit im Ausland lebenden Dissidenten sprechen ... alles klar! Dieses Schmierentheater soll Journalismus sein? Super ...
undog 05.07.2019
4. Alle Chinesen, die ich kenne
befürworten das harte Vorgehen, weil sie religiöse Indoktrination ablehnen und ihnen die Verhinderung von weiteren tödlichen Anschlägen durch Uighuren wichtiger ist als Menschen- und Bürgerrechte. Ähnlich ist diese Einstellung gegenüber dem tibetischen Klerus. Andere chinesische Minderheiten geniessen gegenüber der Han-Mehrheit sogar Sonderrechte wie z.B. erleichterten Universitätszugang.
HeisseLuft 05.07.2019
5. Der Artikel ist vielleicht ein wenig ungenau
Zitat von seboolbadem Artikel entnehme ich, dass sich die Repression vor allem gegen die Ethnie der Uiguren richtet, nicht andere muslimische Ethnien! daher ist der Artikel etwas irreführend! Nichtsdestotrotz ist die chinesische Politik Menschenrechtswidrig und grausam, egal, wie man die Opfer nennt!!
Ja, schon, die Repression richtet sich allerdings teilweise auch recht explizit gegen die Religion. Und abgesehen davon sind es tatsächlich auch nur vorwiegend Uighuren. Tatsächlich sind auch Kasachen und andere betroffen: https://www.deutschlandfunk.de/kasachstan-kaum-hoffnung-fuer-geflohene-kasachen-aus-china.799.de.html?dram:article_id=443725 Im Grunde genommen: alle, die der chinesischen Führung verdächtig sind und die in einer für die "neue Seidenstraße" strategisch wichtigen Region leben. Und da passt es dann nebenbei auch wunderbar, dass die chinesischen Kredite und Investitionen ein Druckmittel in die Hand geben.
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