Anhörung zur Ukraineaffäre Trump attackiert frühere US-Botschafterin Yovanovitch noch während ihrer Aussage

Die frühere US-Botschafterin in der Ukraine Marie Yovanovitch berichtet vor dem Kongress, wie sie der US-Präsident unter Druck gesetzt hat. Während sie das sagt, setzt Trump Tweets ab, die sie weiter diskreditieren sollen.

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Marie Yovanovitch gilt als wichtige Figur in der Ukraineaffäre. Mit Spannung wurde deshalb ihre öffentliche Anhörung im US-Kongress erwartet. Doch gleich zu Beginn ihres Auftritts begann Präsident Donald Trump, die ehemalige Botschafterin durch Tweets anzugreifen.

Alles, was Yovanovitch "angefasst" habe, sei "schlecht" geworden, schrieb Trump. Zudem hätten Präsidenten das "absolute Recht", Botschafter zu feuern.

Yovanovitch nannte die Twitter-Attacke des Präsidenten während ihres Auftritts im Kongress "einschüchternd". Die 61-Jährige hatte bereits vor einiger Zeit in einer nicht öffentlichen Anhörung unter Eid gesagt, dass sie sich in dem brisanten Telefonat von Trump mit seinem ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj vom Juli bedroht gefühlt habe. Trump hatte im Verlauf des Gesprächs gesagt, Yovanovitch werde "einige Dinge durchmachen". Yovanovitch sagte: "Das klang wie eine Bedrohung." Auf die Frage, ob sie sich bedroht gefühlt habe, antwortete sie: "Das tat ich."

Das Weiße Haus verteidigte die Äußerungen Trumps. "Der Tweet war keine Einschüchterung von Zeugen", erklärte Trumps Sprecherin, Stephanie Grisham. "Es war schlicht die Meinung des Präsidenten, zu der er berechtigt ist."

Mit Yovanovitchs Aussage setzten die Demokraten im Repräsentantenhaus ihre öffentlichen Anhörungen für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren (Impeachment) gegen Trump am Freitag fort. Am Mittwoch hatten Abgeordnete bereits zwei Zeugen öffentlich befragt - das erste Mal seit Aufnahme der Impeachment-Ermittlungen Ende September. Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, spricht inzwischen von Hinweisen auf "Bestechung". Das Wort dürfte mit Bedacht gewählt sein: Die US-Verfassung nennt Bestechung ausdrücklich als einen Tatbestand für eine Amtsenthebung.

Trump veröffentlicht weiteres Gesprächsprotokoll

Yovanovitch war auf Drängen Trumps vorzeitig von ihrem Posten als Botschafterin in Kiew abberufen worden. Bei der Untersuchung geht es um den Vorwurf des Machtmissbrauchs gegen Trump. Er hatte versucht, die Ukraine zu Ermittlungen gegen seinen innenpolitischen Rivalen, den Demokraten Joe Biden, zu bewegen. Die Demokraten wollen mit der Untersuchung den Weg für eine formelle Anklageerhebung gegen Trump durch das Repräsentantenhaus - das sogenannte Impeachment - bereiten.

Yovanovitch stellte sich bei der Anhörung am Freitag als Opfer einer "Rufmordkampagne" infolge ihres Engagements gegen Korruption in der Ukraine dar. Sie machte dafür korrupte ukrainische Beamte, aber auch Trumps persönlichen Anwalt Rudy Giuliani verantwortlich. "Ich verstehe Herrn Giulianis Beweggründe nicht, mich anzugreifen." Vorwürfe, dass sie US-Botschaftspersonal oder Vertretern der Ukraine gesagt habe, Trumps Anordnungen könnten ignoriert werden, weil er des Amtes enthoben werde, seien nicht zutreffend.

Yovanovitch sagte, sie habe am Abend des 24. April während eines Empfangs in der Botschaft einen Anruf des US-Außenministeriums erhalten. Sie sei aufgefordert worden, mit dem nächsten Flugzeug nach Washington zurückzukehren. Dort sei ihr gesagt worden, dass Trump das Vertrauen in sie verloren habe. "Es war furchtbar, das zu hören. Es wurde kein echter Grund genannt, warum ich gehen musste."

Kurz vor der Anhörung veröffentlichte Trump ein weiteres Gesprächsprotokoll eines Telefonats mit Selenskyj. In dem Gespräch am 21. April gratulierte Trump Selenskyj zu seinem Wahlsieg, wie aus dem Protokoll hervorgeht. Anders als in einem weiteren Telefonat am 25. Juli ermuntert Trump Selenskyj in dem Gespräch im April nicht zu Ermittlungen, die seinem Rivalen Joe Biden von den US-Demokraten hätten schaden können. Das Telefonat im April besteht im Wesentlichen aus dem Austausch freundlicher Worte.

Die Demokraten werfen dem republikanischen Präsidenten vor, seine Macht missbraucht zu haben, um die ukrainische Regierung dafür zu gewinnen, sich zu seinen Gunsten in den US-Wahlkampf einzumischen. Es besteht der Verdacht, dass Trump Militärhilfe an das Land in Höhe von rund 400 Millionen US-Dollar als Druckmittel einsetzte. Aus Sicht der Demokraten wollte Trump die Ukraine damit zu Ermittlungen bewegen, die seinem demokratischen Rivalen Joe Biden schaden könnten. Trump nennt die Untersuchungen eine "Hexenjagd".

als/dpa/Reuters



insgesamt 140 Beiträge
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Seite 1
Björn L 15.11.2019
1. Twitter ist das ungefilterte Medium der Vollzeitschande
Das trumpsche Temperatment kundgetan via Twitter ist Trump it self. Somit sind die Pressesprecher obsolet und die Deutungshoheit sind seine Worte. Ein Novum in der Weltpolitik. Eigentlich vernachlässigbar, wenn nicht der Imperator sabbeln würde. Klasse. Selbst der dümmste Despot regiert nicht derart implosiv.
tomkey 15.11.2019
2. Rudy Giuliani
Der Anwalt Trumps erwiest sich immer mehr als schmieriger Erfüllungsgehilfe denn als fähiger Anwalt. Giuliani macht wohl offensichtlich die Drecksarbeit für Trump. Und sicherlich wird er sich auch noch als notwendiges Bauernopfer hinstellen wenn Euer Gnaden Donald es wünscht oder erwartet. Und eine Hexenjagd erlebt(e) die verdienstvolle Botschafterin Yovanovitch und nicht Trump.
winki 15.11.2019
3. Da kann man sich vorstellen, ...
wie er seine Unternehmen geführt hat. Seine Gattin dürfte auch nicht zu beneiden sein. Trump ist ein Rübel und Fletz, das ist noch zurückhalten formuliert.
Atheist_Crusader 15.11.2019
4.
Sie sagt, sie habe sich unter Druck gesetzt gefühlt, Trump untermauert ihre Argumentation noch, indem er sie gleich verbal attackiert. Ich verstehe ja wie ein einzelner Mann so dämlich sein. Was mir aber partout nicht in den Kopf gehen will ist wie Millionen von Menschen diese schwachsinnige Witzfigur anschauen und sich sagen "Ja, dem folge ich jetzt! Entwegen aller Widerstände, Logik, gesundem Menschenverstand und Anstand! Das ist mein Anführer, auf Gedeih und Verderb!".
Augustusrex 15.11.2019
5. Das Verhalten
von Trump zeigt aber, dass er Angst hat, ihm sozusagen der A... auf Grundeis geht. Sehr gut, weiter so,
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