Präsidentschaftswahl in der Ukraine Wer lacht zuletzt?

Bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine gilt der Komiker Wolodymyr Selensky als Favorit. Wer ist der Schauspieler? Und welche Chancen hat Amtsinhaber Poroschenko? Der Überblick.

Julija Tymoschenko, Wolodymyr Selensky, Petro Poroschenko (v.l.): Wer gewinnt die Wahl?
[M] Sergei GAPON/ AFP; Valentyn Ogirenko/ REUTERS; MYKOLA LAZARENKO

Julija Tymoschenko, Wolodymyr Selensky, Petro Poroschenko (v.l.): Wer gewinnt die Wahl?

Aus Kiew berichtet


Wie sich die Zeiten in der Ukraine geändert haben: Früher witzelte man darüber, dass die Jungen am Wahltag besser die Pässe der Babuschki, der Großmütter, verstecken sollten. Sie gelten als Anhängerinnen der ehemaligen Premierministerin Julija Tymoschenko, die mit ihren populistischen Sprüchen manch einem Angst macht.

Heute heißt es, die Babuschki sollten lieber die Papiere der Enkel verschwinden lassen. Die nämlich zeigen sich häufig begeistert von Komiker Wolodymyr Selensky. Der hat allerdings keinerlei politische Erfahrung - sieht man mal davon ab, dass er über Politiker Witze macht.

An diesem Sonntag wählen die Ukrainer ihren Präsidenten. Die Abstimmung löst Unbehagen aus, weil nicht klar ist, wohin das Land fünf Jahre nach dem blutigen Machtwechsel auf dem Maidan in Kiew steuern wird. Manch einem hilft da Humor. 2014 war die Stimmungslage noch eindeutig: Petro Poroschenko gewann im ersten Wahlgang mit fast 55 Prozent der Stimmen. Jetzt scheint es so, als ob keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit schaffen wird, die Abstimmung damit in die zweite Runde gehen muss.

Alles Wichtige im Überblick:

Die Wahl. Dieses Mal treten 39 Kandidaten an - so viele wie noch nie. Der Wahlzettel misst 83 Zentimeter. Die Wahllokale öffnen um acht Uhr am Morgen, schließen am Abend um 20 Uhr. Wahlberechtigt sind nach Angaben der Behörden 35,6 Millionen Menschen. Auf der von Russland annektierten Krim und im Donbas, den von Moskau unterstützte Kämpfer kontrollieren, wird nicht gewählt. Mit Prognosen wird am späten Sonntagabend gerechnet, mit ersten Ergebnissen erst am frühen Montagmorgen.

Die Ausgangslage. In allen Umfragen führt Selensky mit Abstand. Diejenigen, die sich entschieden haben, gaben mehrheitlich an, für den Schauspieler stimmen zu wollen. Platz zwei wechselte zwischen Tymoschenko oder Poroschenko, deren Werte dicht beieinanderliegen. In einer letzten Umfrage des Razumkow-Zentrums lag der Amtsinhaber mit 22 Prozent Zustimmung vor seiner Konkurrentin. Allerdings war die Zahl der Befragten mit 2000 deutlich kleiner als bei folgender Erhebung Mitte März (15.000):

Zudem ist es so eine Sache mit Umfragen in der Ukraine: Nicht immer ist eindeutig, in wessen Auftrag sie veröffentlicht werden. Rund 30 Prozent der Befragten gaben zuletzt an, sie seien noch unentschlossen. Erfreulich ist aber, dass über 80 Prozent der Ukrainer wählen gehen wollen.

Die Themen. Fünf Jahre nach dem Maidan spielt die Frage des Kurses der Ukraine kaum noch eine Rolle: Die Annäherung an die EU und Nato scheinen überwiegend Konsens zu sein. Dennoch sind viele Ukrainer desillusioniert. Gerade einmal neun Prozent der Befragten trauen ihrer Regierung - nach Angaben des Gallup-Instituts ist das der niedrigste Wert weltweit. Nur 16 Prozent der Ukrainer schenken ihrem Präsidenten Vertrauen.

Noch immer grassiert die Korruption in der Ukraine. Das Durchschnittseinkommen liegt bei rund 300 Euro monatlich. Bis zu neun Millionen Menschen sollen nach Angaben der Kiewer Behörden zeitweise oder dauerhaft im Ausland arbeiten.

Ukrainischer Soldat in Solote, Ostukraine
Evgeniy Maloletka/ AP

Ukrainischer Soldat in Solote, Ostukraine

Im Donbass ist der Frieden weit entfernt: Jeden Tag wird weiterhin geschossen. Mehr als 13.000 Menschen, darunter 3300 Zivilisten, sind Uno-Schätzungen zufolge in diesem Krieg bereits getötet worden. Währenddessen baut Russland seinen Einfluss auf der annektierten Krim weiter aus: Zwei Kraftwerke wurden gebaut, die Brücke von Kertsch in Betrieb genommen.

Die Favoriten. Nur drei Kandidaten werden echte Chancen auf den Posten des Staatschefs eingeräumt.

Wolodymyr Selensky
Efrem Lukatsky/ AP

Wolodymyr Selensky

1. Selensky: Der Komiker hat den Wahlkampf maßgeblich geprägt. Dabei hat er alles anders gemacht als seine Konkurrenten: Er hat sich aus dem Politikbetrieb weitgehend rausgehalten. Statt ein Wahlprogramm vorzustellen, tourte er mit seinem Schauspielerteam durchs Land und zeigte seine Satire-Show. Dort machte er sich über seine politischen Gegner lustig - und die Menschen zahlten sogar dafür, wobei er auch zusätzliche Gratisauftritte gab. Dazu wurde die dritte Staffel der beliebten TV-Serie "Sluga Naroda" ("Diener des Volkes") vom Kanal 1+1 ausgestrahlt, in der Selensky den unbestechlichen und fleißigen Präsidenten spielt.

Interviews gab Selensky kaum, er ließ lieber Berater mit Journalisten sprechen. Ansonsten inszenierte er sich als Zuhörer, der Politik lernen will - aber wenig zu seinen eigenen Positionen sagt. Manch einen ließ das ratlos zurück, andere sehen das als Chance für einen Neuanfang, da Selensky nicht Teil des bisherigen Politsystems ist. Allerdings ist unklar, welche Beziehungen er zum Oligarchen Ihor Kolomojsky hat, einem der reichsten Ukrainer und Besitzer des Kanals 1+1. Kolomojsky lebt im Ausland und gilt als einer der schärfsten Gegner Poroschenkos.

Anhänger von Julija Tymoschenko
Yuri DYACHYSHYN/ AFP

Anhänger von Julija Tymoschenko

2. Tymoschenko: Die ehemalige Premierministerin tritt bereits das dritte Mal bei einer Präsidentschaftswahl an. Lange führte sie in den Umfragen, doch dann sanken ihre Werte, ihre populistischen Versprechen wurden schriller. Sie will etwa die Gaspreise halbieren, was kaum realistisch ist. Hat die Ukraine doch die Preise auf Druck des Internationalen Währungsfonds erhöhen müssen, um neue Kredite zu bekommen.

Tymoschenko attackierte Poroschenko, beschuldigte ihn des Stimmenkaufs - ein Vorwurf, der auch gegen ihre Partei Vaterland erhoben wurde. Tymoschenko absolvierte einen Fleißwahlkampf, präsentierte ein umfassendes Wahlprogramm, tourte durch die Regionen, in denen sie über die gewachsene Struktur ihrer Partei verfügt. Doch neue Anhänger konnte sie den Umfragewerten zufolge nicht gewinnen.

Präsident Petro Poroschenko
Mikhail Palinchak/ Presidential Press Service/ AP

Präsident Petro Poroschenko

3. Poroschenko: Der Amtsinhaber gilt als weitgehend unbeliebt. Seine alte Wählerschaft scheint er verloren zu haben: Zu wenig hat er in den Augen vieler gegen die Korruption getan; zu wenig, um die Lebensqualität der Ukrainer zu verbessern. Allerdings befindet sich das Land im Krieg, musste Auflagen der internationalen Kreditgeber erfüllen.

Poroschenko setzte auf eine stark nationalistische Kampagne: Entweder er oder Wladimir Putin, war seine Botschaft. Allein er, Poroschenko, könne die Ukraine vor Russland beschützen. Er präsentierte sich als Bewahrer der ukrainischen Kirche und Kultur sowie als starker Oberbefehlshaber (Losung "Armee, Glaube, Sprache").

Allerdings bekam das Bild Risse, als herauskam, dass der Sohn eines engen Vertrauten Ersatzteile für Rüstungsgüter ausgerechnet in Russland beschafft und in der Ukraine teuer verkauft haben soll. Und dennoch mehrten sich zuletzt Stimmen zugunsten von Poroschenko, welcher im Vergleich zu Populistin Tymoschenko und Comedian Selensky als Vernunftlösung erscheint.

Ob es für Poroschenko für die Stichwahl am 21. April am Ende reicht, wird man am Montag erfahren. Wie heißt es so schön: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Video: Präsidentendarsteller will Präsident werden

Reuters/Kvartal95
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haarer.15 31.03.2019
1. Frischen Wind braucht das Land
Einen Aufbruch kann man mit den bisherigen Protagonisten sicher nicht erwarten. Die Chance wurde vertan. Poroschenko und die Gasprinzessin - die reine Enttäuschung bislang. Gerade Poroschenko scheint ausgesprochen arm an Argumenten zu sein für eine Wiederwahl. Hatte dieser korruptionsverdächtige Oligarch überhaupt ein Wahlprogramm ? Oder reicht es schon aus, nur mit dem Finger auf bösen Putin zu zeigen, um vom eigenen Versagen abzulenken ? Armseliger geht es doch nicht mehr.
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