Rennen um das Präsidentenamt Wahldrama Ukraine, letzter Akt

Die Ukrainer wählen heute ihren Präsidenten, der Komiker Wolodymyr Selensky geht als Favorit in die entscheidende Abstimmung. Es ist eine Auseinandersetzung, bei der Hoffnungen wie Ängste geschürt wurden. Der Überblick.

Ein ukrainischer Soldat verlässt die Kabine bei der Stichwahl um das Präsidentenamt in der Nähe einer Frontlinie in der Region Donezk.
Evgeniy Maloletka/ AP/ DPA

Ein ukrainischer Soldat verlässt die Kabine bei der Stichwahl um das Präsidentenamt in der Nähe einer Frontlinie in der Region Donezk.

Aus Kiew berichtet


Die Risse waren nicht zu übersehen. Als Amtsinhaber Petro Poroschenko und sein Herausforderer Wolodymyr Selensky endlich im Olympiastadion in Kiew aufeinandertrafen, waren ihre Anhänger durch Sperrgitter und Polizisten voneinander getrennt. Immerhin standen die beiden Kandidaten, die am Sonntag in der entscheidenden Stichwahl zum Präsidenten der Ukraine gewählt werden wollen, schließlich auf einer Bühne.

Doch es reichte eigentlich das Abschlussbild der sogenannten TV-Debatte, die vor allem durch gegenseitige Beschimpfungen geprägt war, um zu wissen, wie gespalten das Land nach dem hitzig und teils aggressiv geführten Wahlkampf ist: Während sich Selensky und seine Unterstützer noch auf der rechten Seite der Bühne freuten und klatschten, standen Poroschenko und seine Anhänger schon still da und stimmten die Hymne an, die sein Team schnell einspielen ließ - nach dem Motto: Schaut genau hin, wer ist der bessere Patriot im Land?

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Ukraine: Stadiondebatte zum Wahlkampfabschluss in der Ukraine

Ob solche Bilder Poroschenko, der bis zum Ende erbittert um sein Amt kämpfte, helfen werden? Die Ukrainer werden es nun entscheiden. Das Wichtigste zur Abstimmung in dem zweitgrößten europäischen Land im Überblick:

Die Wahl: Die Wahllokale haben um acht Uhr morgens geöffnet und schließen am Abend um 20 Uhr. Wahlberechtigt sind nach Angaben der Behörden 35,6 Millionen Menschen. Auf der von Russland annektierten Krim und im Donbass, den von Moskau unterstützte Kämpfer kontrollieren, wird nicht gewählt. Mit Prognosen wird am Sonntagabend gerechnet, mit ersten Ergebnissen nachts.

Ob die Wahlbeteiligung wie in der ersten Runde etwas höher als noch vor fünf Jahren (63,5 Prozent, ein Plus von vier Prozentpunkten im Vergleich zu 2014) ausfallen wird, ist unklar. Entscheidend wird sein, wie sich die Wähler der anderen Kandidaten verhalten, die nach dem ersten Wahlgang ausgeschieden sind. 20 Prozent gaben zuletzt an, noch nicht zu wissen, ob und für wen sie wählen wollen. Immerhin traten in der ersten Runde 39 Wettbewerber an, so viel wie noch nie - was insgesamt ein gutes Zeichen für die Demokratie in der Ukraine ist.

Die Stimmung: In allen Umfragen führt Selensky mit weitem Abstand. Diejenigen, die sich entschieden haben zu wählen, gaben mehrheitlich an, für den Schauspieler stimmen zu wollen. Zuletzt lag seine Zustimmung bei 73 Prozent, ein Rekord. Sollte er am Ende ein Wahlergebnis über 55 Prozent bekommen, wäre das ein Triumph. Denn anders als Poroschenko, der bei der letzten Wahl 2014 mit 54,70 Prozent im ersten Wahlgang gewann, ist Selensky ein Politneuling.

Wolodymyr Selensky
Valentyn Ogirenko/ REUTERS

Wolodymyr Selensky

Der Favorit Selensky: Der Komiker und Schauspieler, bekannt durch die beliebte TV-Serie "Sluga Naroda" ("Diener des Volkes") über den ehrlichen und fleißigen Präsidenten Holoborodko, verspricht die Korruption zu beenden. Der 41-jährige TV-Produzent und Millionär hat mit seinem Versprechen für eine neue, bessere Ukraine den Wahlkampf maßgeblich geprägt. Dabei hat er den eigentlich gar nicht geführt; zumindest nicht so, wie man sich das im politischen Sinne vorstellt. Selensky machte sich rar, gab kaum Interviews, postete lieber Videos auf Facebook, ließ seine Berater sprechen, legte bis zuletzt kein konkretes Programm vor, kurz: er entzog sich dem politischen Betrieb - und setzte auf das Prinzip Hoffnung.

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Ukraine vor der Präsidentschaftswahl: Die Anhänger von Selensky

Mit diesem Versprechen hat er das Land geeint - seine Anhänger finden sich im ganzen Land, fast drei Viertel der Regionen entschieden sich für Selensky (lesen Sie hier über die Stimmung in der Provinz). Allerdings ist unklar, wie weitreichend seine Beziehungen zum Oligarchen Ihor Kolomojsky wirklich sind, einem der reichsten Ukrainer und Besitzer des Kanals 1+1. Kolomojsky lebt im Ausland und gilt als einer der schärfsten Gegner Poroschenkos. Er unterstützt Selensky nicht nur mit seinem Sender, auch Wachleute und Autos des Oligarchen werden vom Stab des Kandidaten genutzt.

Nicht immer kam gut an, wie sich der unerfahrene Selensky ausdrückt, der, wenn er in der Politik bestehen will, schnell lernen muss. So nannte er im TV-Duell die vom Kreml unterstützen Kämpfer in Luhansk und Donezk "Rebellen", was prompt zu einer heftigen Kritik des Generalstabs führte. Schließlich handelt es sich um einen Krieg im Donbass und nicht um einen Bürgerkrieg, wie gern von Moskau dargestellt.

Petro Poroschenko
GENYA SAVILOV /AFP

Petro Poroschenko

Der Amtsinhaber Poroschenko: Was hat er, der jetzige Präsident, nicht alles versucht? Der 53-Jährige kämpfte bis zuletzt - obwohl seine Chancen als gering gelten, trat der Politveteran jeden Tag im Fernsehen auf, kam ins Stadion zur Diskussionsshow, ließ sich Blut abnehmen, um es auf Drogen und Alkohol testen zu lassen. Muss das alles sein, fragte sich manch einer. Zudem engagierte er Polittechnologen, die seinen Gegner verunglimpften.

Für Poroschenko ging es zuletzt darum, zumindest den Abstand zu seinem Herausforderer zu verringern. Lange erkannte der Staatspräsident nicht den Ernst der Lage. Dabei lag er in den Umfragen zum Ende des Jahres bereits zurück, bevor Selensky seine Kandidatur verkündete.

Obwohl Poroschenko die Armee in Zeiten des Krieges reformierte, Schulen und den Gesundheitssektor modernisierte, die Visafreiheit für die Ukrainer und eine eigenständige ukrainische orthodoxe Kirche ermöglichte, scheinen diese Erfolge kaum bei den Menschen anzukommen. Vor allem die Anhänger von Selensky kreiden Poroschenko an, dass er nicht wirklich etwas gegen die Korruption im Land unternommen habe, sondern als Oligarch selbst noch reicher geworden sei - auch wenn sein Süßwarenkonzern "Roschen" heute offiziell anderen gehört.

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Präsidentschaftswahl in der Ukraine: Poroschenko und die Armee

Seine Kampagne setzte auf die Angst der Menschen - die Furcht vor dem feindlichen Nachbarn Russland, der nicht nur den Krieg im Donbass unterstützt, sondern auch die Krim annektiert hat. Plakate mit der Parole "Hauptsache, das Land nicht verlieren" ließ Poroschenko noch kurz vor der Abstimmung aufstellen, so als ob sich die Ukraine ohne ihn an der Spitze des Landes nicht mehr verteidigen könne. Ob solche Last-minute-Appelle noch fruchten werden?

Entscheidend wird sein, wie sich Poroschenko im Falle seiner Niederlage nach diesem Endspurt verhalten wird - schließlich wird ihm nachgesagt, dass er glaube, er sei der einzig wahre Präsident der Ukraine. Selensky sagte diesem Glauben im Stadion den Kampf an. "Ich bin ein einfacher Mensch", sagte er. "Einer, der gekommen ist, um dieses Machtsystem zu durchbrechen." Poroschenko habe fünf Jahre gehabt. Seine Zeit sei nun vorbei.

Videoanalyse von SPIEGEL-ONLINE-Korrespondentin Christina Hebel

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Mitarbeit: Katja Lutska

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testanera49 21.04.2019
1.
Poroschenko war und ist ein korrupter Oligarch, der vom Westen unterstützt wird, weil er leicht zu händeln ist. Das unsere Medien und unsere Kanzlerin nichts besseres zu tun hat, als seinen Herausforderer nur als Komiker zu betiteln, wir kein gutes Licht auf unser Demokratieverständnis.
AndreasKurtz 21.04.2019
2. Clownesque
Es ist egal welche Marionette Präsident ist. Die Puppenspieler kommen aus den USA, dem IWF und der NATO.
josho 21.04.2019
3. Vielleicht haben es die Menschen....
....bei Poroschenko auch einfach satt, sich gegen Russland aufhetzen zu lassen. Die Menschen spüren eher als die Politiker, dass man mit einem so großen Nachbarn vernünftig umgehen muss. Ob der Komiker da besser ist, das bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist es gut, wenn sie Herrn Poroschenko erst einmal die rote Karte zeigen.
cookie1 21.04.2019
4. Neutrale Ukraine
Ich hoffe,dass Selensky jetzt die Krim anerkennt und sich russlandfreundlich zeigt. Langsam aber zügig auf Russland zugeht und der Nato eine klare Absage erteilt. Dann kommen auch die Investoren aus Ost und West,, Denn nur in einer FRIEDLICHEN Umgebung wird investiert.
anders_denker 21.04.2019
5. Krieg?
Dazu gehören Kriegserklärungen anerkannter Staaten. Da die Rebellenrepubliken der Ukraine jedoch faktisch durch die Mehrheit der UN Mitglieder nicht anerkannt sind, kann es sich auch nicht um einen Krieg handeln. Bleibt also nur der Bürgerkrieg und das ganze damit ein innerukrainisches Problem!
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