Anschlagsserie in der Ukraine Terrorangst im Land der Fußball-EM

Eine Bombenserie schockiert sechs Wochen vor Beginn der Fußball-EM das Gastgeberland Ukraine. Noch ist unklar, wer hinter den Attentaten mit vielen Verletzten steckt. Regierungskritiker befürchten, dass Präsident Janukowitsch die Anschläge als Vorwand nutzen könnte, um Rivalen aus dem Weg zu räumen.
Anschlagsserie in der Ukraine: Terrorangst im Land der Fußball-EM

Anschlagsserie in der Ukraine: Terrorangst im Land der Fußball-EM

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Die Attentäter platzierten die Sprengsätze heimtückisch: in Mülleimern an öffentlichen Orten. Polizeikräfte in der ostukrainischen Millionenstadt Dnjepropetrowsk kontrollieren am Nachmittag deshalb vorsichtig Abfalleimer um Abfalleimer, nachdem gleich vier Sprengsätze kurz hintereinander im Stadtzentrum detonierten.

Die schwerste Explosion ereignete sich an einer belebten Straßenbahnhaltestelle nahe der Oper. Allein dort wurden 13 Menschen verletzt. 30 Minuten später setzte sich die Anschlagsserie an einem Kino fort. Dort wurden elf Personen verletzt, darunter neun Kinder. Die dritte Explosion fand auf einer belebten Straße in der Nähe eines Bahnhofs statt. Insgesamt wurden 27 Menschen verletzt, mehrere davon schwer.

Die Bevölkerung fürchtet weitere Bombenanschläge in der Stadt. Die Ängste wurden von Boulevardmedien wie der beliebten "Komsomolskaja Prawda" noch befeuert. "Die Bevölkerung ist in Panik. Niemand weiß, wohin man laufen und sich verstecken soll, wenn so etwas sogar mitten im Zentrum der Stadt passiert", heißt es auf der Webseite der Zeitung. Dort wird sogar von angeblich zehn Explosionen berichtet.

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EM-Gastgeber Ukraine: Mehrere Menschen bei Bombenserie verletzt

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Die ukrainischen Behörden stuften die Detonationen umgehend als "Terrorakt" ein. Präsident Janukowitsch, der zuletzt wegen der Verurteilung und der Haftbedingungen seiner Rivalin Julija Timoschenko schwer kritisiert wurde, ließ sich von Geheimdiensten und Innenministerium Bericht erstatten. "Wir haben noch keine anderen Informationen. Wir wissen, dass es Opfer gibt, wir verstehen, dass dies für uns eine weitere Herausforderung darstellt, für das ganze Land", sagte er. Für die Ermittlungen würden "die besten Ermittler" eingesetzt.

Ukraine hat wenig Erfahrung mit Terroranschlägen

Die Anschläge kommen für das osteuropäische Land einen Monat vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und Polen zu einem äußerst schlechten Zeitpunkt. Zwar gehört die Stadt Dnjepropetrowsk nicht zu den vier ukrainischen Spielorten während der EM. Die Attentate verstärken aber Zweifel, ob die ukrainischen Behörden die Sicherheit während des Turniers gewährleisten können.

Anders als der östliche Nachbar Russland hat die Ukraine wenig Erfahrung mit Terrorattacken. Im russisch beherrschten Nordkaukasus kämpfen islamistische Separatisten für die Errichtung eines Gottesstaates, in der Vergangenheit wurde die Hauptstadt Moskau immer wieder Ziel schwerer Bombenattacken mit Dutzenden Toten. Ähnlich radikale Bewegungen kannte die Ukraine bislang nicht.

Die Explosionen von Dnjepropetrowsk bilden vorerst den traurigen Höhepunkt einer langen Kette von schlechten Nachrichten, mit denen der EM-Gastgeber zuletzt in die Schlagzeilen geriet. In den Austragungsorten des Turniers übernehmen Verbrechersyndikate Hotels, geldgierige Hoteliers fordern Wucherpreise von ausländischen Fans. Oppositionsführerin Julija Timoschenko sitzt in Haft und klagt über eine schwere Krankheit, Präsident Janukowitsch aber lehnt eine von deutscher Seite vorgeschlagene Behandlung seiner Rivalin im Ausland ab. Nachdem Timoschenko von Misshandlungen durch ihre Wärter berichtet hatte, sagte Mitte der Woche Bundespräsident Joachim Gauck sein Ukraine-Reise ab.

Die ukrainische Führung mühte sich am Donnerstag, den Konflikt mit Berlin klein zu reden. Janukowitsch ordnete eine Prüfung der Vorwürfe Timoschenkos an, das Außenministerium spielte Gaucks Absage herunter: Die Deutschen hätten nie wirkliches Interesse an dem geplanten Treffen in Jalta gehabt, berichtet die angesehene Tageszeitung "Kommersant" mit Verweis auf einen Beamten des Außenamts. Deshalb "dramatisieren wir die Absage nicht". Janukowitsch wollte die Krise aussitzen, Zeitungen und TV-Nachrichten war Gauck nur eine Randbemerkung wert.

In Timoschenkos Kiewer Stab heißt es nun, Janukowitsch könnte versucht sein, die Explosionen zu nutzen, um den Ausnahmezustand zu erklären und noch härter gegen seine Gegner vorzugehen. "Vielleicht sind die Bomben ein gezieltes Ablenkungsmanöver", unkt ein Vertrauter der Ex-Premierministerin, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte.

Die Anschlagsserie in der Ostukraine ruft Erinnerungen wach an Attentate aus dem vergangenen Jahr: Im November tötete ein Sprengsatz in Dnjepropetrowsk einen 27-Jährigen. Die Bombe war an einer Straßenbahnhaltestellte platziert worden, explodierte dort gegen Mitternacht. Zuvor war auch im knapp 80 Kilometer entfernten Saporischschja ein Anschlag verübt worden. Anfang Oktober dann explodierte im Zentrum der EM-Stadt Charkow ein Sprengsatz. Niemand wurde verletzt, weil auch diese Explosion sich nachts ereignete.

Kurz darauf zitierten ukrainische Internetseiten aus einem angeblichen Bekennerschreiben. "Wir sind bereit für einen langen Kampf", hieß es da. Die Authentizität des Schreibens konnte nicht bestätigt werden.

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