Fotostrecke

Truppenentflechtung in der Ostukraine: Frontkämpfer im Donbass

Foto: Till Mayer

An der Front in der Ostukraine Granaten zum Gruß

In Solote in der Ostukraine haben Regierungstruppen und Separatisten sich zurückgezogen. In den Schützengräben auf ukrainischer Seite glaubt man nicht an das Abkommen, wie ein Besuch an der Front zeigt.

Förster ist ein Bär von einem Mann. Hände wie Schraubstöcke umfassen die Blechtasse mit heißem Kaffee. Vor dem Krieg, erzählt der Mittfünfziger, da war er Drucker, hat den ukrainischen "Playboy" auf Papier gebracht. "Den 'Playboy', können Sie sich das vorstellen", lacht der Mann mit dem ungewöhnlichen Spitznamen.

Schwerlich. Es ist bitter kalt. Der Atem Försters bildet kleine Dampfwolken beim Sprechen. In dieser Nacht kündigt sich der Winter mit frostigen Temperaturen an. Selbst in der Behelfsküche, in der der Hüne am Tisch sitzt. In die Fensterrahmen hinter ihm sind Sperrholzplatten eingepasst und mit Bauschaum abgedichtet, damit kein Lichtstrahl herausdringt. "Wegen der Sniper", sagt Förster.

Einen Kameraden von Förster hat vor zwei Monaten eine Kugel erwischt. Damals hatten sie gerade Stellung bezogen. Der Einsatz der Brigaden an den Frontabschnitten ist rotierend. Den Mann traf es mitten zwischen den drei kleinen Bauernkaten, in denen die Soldaten wohnen.

Ein Krieg - 13.000 Tote

Im zwei Kilometer entfernten Solote soll eine Truppenentflechtung endlich Bewegung in das festgefahrene Minsker Friedensabkommen bringen. Einen Krieg im Donbass  beenden, der bisher 13.000 Menschen den Tod brachte. Das war ein Kernversprechen des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Wahlkampf.

Bagger schaufeln in Solote Schützengräben für die ukrainischen Streitkräfte an einem neuen, noch ungenutzten Checkpoint. Gräben und Checkpoint liegen noch völlig verlassen gut einen Kilometer hinter der bisherigen Linie. Die neue ist auf dem Stand von 2016, bevor die ukrainischen Streitkräfte in Solote Boden von den prorussischen Separatisten zurückgewannen.

Jetzt soll eine entmilitarisierte Zone entstehen, beide Kriegsparteien haben sich zurückgezogen. Für die Sicherheit soll die ukrainische Nationalpolizei sorgen, die in Teilen Solotes schon patrouilliert. So lautet zumindest der Plan. Wenn denn endlich nicht mehr gekämpft wird.

Fotostrecke

Truppenentflechtung in der Ostukraine: Frontkämpfer im Donbass

Foto: Till Mayer

Hinter den Häusern beginnt der Schützengraben, dazwischen ducken sich verlassen zwei Ruinen mit dunklen Fensterhöhlen und zerbrochenem Glas. Auf der anderen Seite warnt ein rotes Schild mit weißem Totenkopf vor Minen.

Es ist fast fünf Jahre her, dass Förster Frauen auf Hochglanzpapier druckte. Seither ist er Soldat. "Ich bin kein Militär, ich bin einfach ein Drucker. Aber unsere Ukraine lassen wir uns nicht von den Russen und ihren Separatisten klein machen. Darum bin ich an der Front", sagt der bullige Kämpfer.

Den Rückzug in Solote sieht er skeptisch, und ein Kamerad, der mit am Tisch sitzt, nickt. "Ich kann mich nicht erinnern, dass uns die Separatisten für längere Zeit nicht beschossen hätten. Auch wenn es in den vergangenen Tagen ruhiger geworden ist", sagt Förster.

Ruhiger heißt nicht, dass nicht mehr geschossen wird, keine Granaten mehr fliegen. Die Einhaltung der Waffenruhe gilt als Voraussetzung für die dauerhafte Truppenentflechtung. Die hat wiederum eine Schlüsselfunktion für die Umsetzung des Minsker Abkommens. (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen)

Die Realität sieht so aus: In der Nacht schlagen keine 100 Meter entfernt von Försters Stellung zwei Granaten ein. Und fast eine Minute lang bellen Maschinengewehre vom nahen Schützengraben herüber, kurze Salven mit der Kalaschnikow nicht mitgezählt.

"Ich traue weder den Separatisten, noch den Russen"

Der nächste Tag bringt eine milde Herbstsonne. Lässt man die Stellung von Förster hinter sich und das Minenfeld rechts liegen, marschiert durch ein verlassenes Dorf, dann durch einen kleinen buschigen Wald hindurch und zwängt sich einige hundert Meter weiter durch einen engen Schützengraben, so landet man bei Viktor in einem Erdbunker.

Der sieht aus wie eine Stellung aus dem letzten Weltkrieg. Zu zehnt schlafen sie hier in grob zusammengezimmerten Hochbetten. Ein Bullerofen spendet Wärme, nackte Glühbirnen geben ein dämmriges Licht. Solche Stellungen und Schützengräben ziehen sich durch den gesamten Donbass.

Der 57-Jährige ist seit Beginn des Kriegs im Einsatz. Kampflos einen Schützengraben zu räumen, fällt ihm schwer. "Ich traue weder den Separatisten noch den Russen. Wladimir Putin will die Ukraine destabilisieren und keinen Frieden ", sagt der Frontkämpfer. Und nennt einen Ortsnamen, der bei wohl jedem ukrainischen Soldaten Emotionen auslöst: Ilowajsk. Im Donezker Raum wurden im August 2014 rund 7000 ukrainische Kämpfer und Soldaten eingekesselt. 366 unbewaffnete Soldaten starben, als sie am 29. August 2014 einen von russischer Seite zugesicherten Korridor bei Ilowajsk zum Abzug nutzen wollten.

Er sei damals für fünf Monate in Gefangenschaft geraten, berichtet Viktor. Nach seinen Aussagen waren es russische Soldaten einer Fallschirmjäger-Brigade, die ihn gefangen nahmen. "Eine reguläre russische Einheit war das", erklärt er. Wegen dieser Erfahrungen hält es Viktor für eine schlechte Idee, die eigenen Stellungen aufzugeben.

"Und die Polizei soll dann dort mit ihren leichten Waffen für Ordnung und Sicherheit der Zivilisten sorgen. Das wird keine schwerbewaffneten Plünderer abhalten", sagt er. "Über kurz oder lang werden die Separatisten wieder vorrücken und unsere verlassenen Positionen einnehmen. So wird es kommen", sagt ein weiterer Soldat im Bunker.

Viktor fürchtet, "dass die Separatisten ein zweites Abchasien schaffen werden. Das ist Putins Ziel." Abchasien ist eine abtrünnige georgische Region. Dank russischer Unterstützung der dortigen Separatisten hat Georgien seit 1993 keine Kontrolle mehr über die selbsternannte Republik.