Aufstand in der Ukraine Der Mob aus der Gruschewski-Straße

Im ukrainischen Machtkampf gibt es Bewegung, doch die Randale in Kiew geht weiter. Oppositionspolitiker wie Vitali Klitschko verlieren die Kontrolle über Hunderte aufgehetzte Stadt-Krieger und rechte Schlägertrupps.
Aufstand in der Ukraine: Der Mob aus der Gruschewski-Straße

Aufstand in der Ukraine: Der Mob aus der Gruschewski-Straße

Foto: DAVID MDZINARISHVILI/ REUTERS

Für ein gutes Foto tun Vadim und seine Kameraden einiges. Ausgerüstet mit Holzplatten als Schutzschilde, Stahlhelmen auf dem Kopf und bunten Plastikschonern an allen Gliedmaßen posieren die fünf Männer am Samstagmorgen minutenlang für einen britischen Fotografen. Auf Kommando heben sie ihre Stahlstangen, dann gehen sie in Abwehrstellung auf den Boden, für ein Bild wird noch ein Molotow-Cocktail gereicht. "Nicht grinsen bitte", ruft der Fotograf, "ihr seid doch Guerilla."

Das Bild ist zwar gestellt, es bildet aber trotzdem die Realität ab. Die ganze Nacht, sagt Vadim, sei er mit "seiner Einheit" in der Innenstadt Kiews unterwegs gewesen. Seinen Nachnamen will er nicht nennen, auch seinen Beruf nicht, angeblich aus Sicherheitsgründen. Die Gruschewski-Straße, dort stehen sich die Gegner des Präsidenten und die berüchtigten Sondereinheiten der Polizei immer noch gegenüber, nennt er nur "die Front". An der Barrikade, die auch an diesem Morgen noch von den Feuern der Nacht raucht, müsse man jederzeit für den Kampf bereit sein.

Vadim war auch in der Nacht dabei, als die Situation in Kiew beinahe wieder aus dem Ruder gelaufen wäre. Es war kurz nach Mitternacht, gerade eben hatte der Präsident der Opposition erstmals wirkliche Zugeständnisse angeboten, da machten er und seine Kameraden auf der anderen Seite des Unabhängigkeitsplatzes verdächtige Bewegungen aus. Minuten später hatten Hunderte vermummte und wie Vadim ausgerüstete Demonstranten das Haus der Ukraine umstellt, dort versteckten sich 200 Männer der Sondereinheit Berkut, die Vadim nur "die Feinde" nennt.

Aufgehetzter Mob

Aufgehetzt von immer neuen Berichten über die exzessive Gewalt der Polizei versuchten einige von ihnen sofort, das Versteck der Berkut-Männer zu stürmen, warfen Molotow-Cocktails in das Gebäude und attackierten die Polizisten mit von den Wänden gerissenen Feuerlöschern. Erst ein Sanitäter mit einem Megafon konnte den aufgebrachten Mob einigermaßen beruhigen. Stunden später erreichte Oppositionsführer Vitali Klitschko mit Verhandlungen schließlich den Abzug der Polizei.

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Machtkampf in der Ukraine: Flammender Protest, politische Manöver

Foto: DAVID MDZINARISHVILI/ REUTERS

Die Episode aus der Nacht illustriert, wie brenzlig die Lage in der ukrainischen Hauptstadt ist. Auch wenn es in diesem Fall gerade noch mal gutgegangen ist, kann niemand weitere Krawalle zwischen Demonstranten und der Polizei in den nächsten Tagen ausschließen. Längst hat sich der Mob der Straße, ein gefährliches Gemisch aus Hooligans, Frustrierten, Vorstadtschlägern und rechten Krawalltrupps, verselbstständigt. Im Stile einer Stadtguerilla herrschen Hunderte junger Männer über die Barrikaden, kontrollieren Ausweise von Journalisten und suchen gezielt die Provokation mit der Polizei. Politische Ziele stehen für viele von ihnen nicht im Fokus.

Der Regierung käme eine Eskalation sehr gelegen

Für die Opposition sind die Krawallmacher, die sich selbst gern als Bürgerwehren darstellen, ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite sind Sprechchöre und brennende Barrikaden ein wichtiges Druckmittel für weitere Gespräche mit Präsident Wiktor Janukowitsch. Gleichwohl aber droht der schwarze Mob die gesamte Bewegung zu diskreditieren, wenn es in den kommenden Tagen zu einem Gewaltexzess der Demonstranten gegen die Polizei kommen sollte. In der Nacht zum Samstag war dieses Horrorszenario am Haus der Ukraine bedrohlich nah.

Wie unsicher Oppositionsführer Vitali Klitschko mittlerweile ist, war am Freitagabend zu beobachten. Der Zwei-Meter-Mann kam gerade von der Bühne auf dem Maidan, dem zentralen Platz in Kiews Innenstadt, da wollten die lokalen Reporter von ihm wissen, ob die Ukrainer nun endlich von den Barrikaden steigen sollten. Klitschko aber tat so, als ob er die Frage nicht gehört habe. Erst nach mehrmaligem Nachfragen sagte er, zum Ende des Protests in der Gruschewski-Straße sei es "noch zu früh". Eine eindeutige Distanzierung von der Gewalt hört sich anders an.

Der Regierung käme eine Eskalation in den kommenden Tagen ironischerweise nicht ungelegen. Seit Tagen hetzen Präsident und Innenminister, bei den Demonstranten in Kiew handele es sich hauptsächlich um Extremisten, von denen die Ukraine gereinigt werden müsse. Immer wieder geistern in Kiew deshalb Gerüchte, der Präsident plane am Ende, den Ausnahmezustand auszurufen, um den Aufstand kurz und brutal niederzuschlagen. Für diesen "finalen Kampf", das sagen jedenfalls Vadim und seine Kampfgruppe, müsse man sich nun gut rüsten.

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