Grenze Ukraine-Russland Nervenkrieg um Putins Konvoi

Die Nervosität an der russisch-ukrainischen Grenze steigt: Der Hilfskonvoi aus Moskau rollt an, auch Truppenkontingente sind in der Nähe. Wie gefährlich ist die Fracht, die ukrainische Kontrolleure jetzt inspizieren sollen?
Grenze Ukraine-Russland: Nervenkrieg um Putins Konvoi

Grenze Ukraine-Russland: Nervenkrieg um Putins Konvoi

Foto: MAXIM SHEMETOV/ REUTERS

In der Dunkelheit, auf einem Feld an der Straße Richtung Donezk, stehen aneinandergereiht die knapp 300 weißen Lastwagen, die die Welt seit Dienstagmorgen über die Bildschirme fahren sieht. Am diesem Freitag wird sich entscheiden, was weiter geschieht: Ein mit Rotem Kreuz und der ukrainischen Regierung abgestimmter humanitärer Einsatz? Oder ein russischer Alleingang, ein unerlaubter Grenzübertritt von 287 Lastwagen, der einem Einmarsch gleichkäme?

Aus dem Norden führt die Autobahn Don in Richtung Rostow. Ein paar Kilometer nach der Abzweigung in Richtung ukrainischer Grenze haben die Lastwagen des russischen Hilfskonvois ihr Lager aufgeschlagen, direkt neben einer Kaserne der russischen Grenztruppen. Von hier sind es nur noch 25 Kilometer bis zur ukrainischen Grenze, von dort ein Katzensprung nach Luhansk. Allerdings meldeten russische Agenturen am Donnerstagabend, die ukrainische Armee habe nun die Straße nach Luhansk wieder eingenommen - eigentlich Gebiet, das fest in der Hand der Rebellen liegt. Das steigert die Nervosität.

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Ukraine: Kampf um Donezk, Chaos nahe der Grenze

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Den Zugang zum Lager der Lastwagen versperren einige mit Pistolen bewaffnete Männer in Zivil, die sich als "Mitarbeiter des Innenministeriums" vorstellen: "Kein Durchgang, keine Diskussion, kommt am Freitag um 10 Uhr wieder."

Was haben die Trucks geladen?

Weitaus lockerer ist dagegen einer der Fahrer. Er ist aus dem Lastwagenlager auf die Straße gekommen und erzählt mit einer Bierdose in der Hand von seinen Erfahrungen als Fahrer eines Militärlastwagens in Tschetschenien. Er trägt die ungewöhnliche "Uniform" der Lastwagenfahrer: Hellbraunes Hemd, Hose und Käppi. Was er in seinem Truck fährt? "Ehrlich gesagt - ich hab selbst nicht nachgeschaut." Wie es nun weitergeht? "Keine Ahnung. Uns wird immer zehn Minuten vorher gesagt, dass es jetzt losgeht."

An der Straße warten auch einige junge Männer und eine Frau, einige tragen T-Shirts mit dem Emblem von "Noworossija", wie die Gebiete der Südostukraine in Russland neuerdings genannt werden. Einer von ihnen prahlt damit, er sei Mitarbeiter des Geheimdiensts der neu gebildeten Republik, gerade aus dem ukrainischen Donezk angereist. Um die Kolonne zu begleiten? "Nein, wir sind hergekommen, um unsere eigene Fracht abzuholen." Welche Fracht? "Das ist ein militärisches Geheimnis." Über die von den Aufständischen kontrollierten Grenzübergänge werden die Aufständischen seit Monaten mit Waffen und Munition versorgt.

Bevor die Vertreter von "Noworossija" in ihrem Auto in die Nacht brausen, schimpft der "Geheimdienstler" noch auf die ausländischen Journalisten und behauptet, einige von ihnen eigenhändig in der Stadt Kramatorsk erschossen zu haben.

Wie geht es nun weiter mit dem Konvoi?

Die Regierung in Kiew hat folgende Bedingungen gestellt: Die Lastwagen werden vom ukrainischen Zoll überprüft und fahren unter Kontrolle des Roten Kreuzes nach Luhansk.

Am Vormittag überquerten ukrainische Kontrolleure die Grenze, um auf russischem Gebiet die Ladung zu inspizieren. Die Inspektionen fänden an einem Grenzposten auf russischem Territorium statt, sagte ein ukrainischer Militärsprecher.

Am Donnerstag, so berichtet der Lastwagenfahrer, seien Mitarbeiter des Roten Kreuzes vor Ort gewesen. Der ukrainische Grenzübergang Iswarino wird von den Aufständischen kontrolliert. Allerdings wäre es möglich, dass die ukrainischen Zöllner über einen anderen Grenzübergang in der Region nach Russland einreisen und über russisches Territorium nach Donezk gelangen, um die Fracht zu überprüfen.

Auf der Weiterfahrt in Richtung Donezk kommen in der Nacht mehrere Militärfahrzeuge entgegen, einige von ihnen transportieren Panzer. In der Nacht hatte ein Reporter des Guardian direkt am Grenzposten dagegen gemeldet, dass eine Kolonne gepanzerter Militärfahrzeuge in die andere Richtung gefahren sei: über die ukrainische Grenze.

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