Ukraine "Ich will keinen fiktiven Sieg"

Der von den ukrainischen Behörden zum uneinholbaren Wahlsieger erklärte Regierungschef Janukowitsch hat sich erstmals kritisch zum Verlauf der Präsidentenwahl geäußert: Er brauche keinen fiktiven Sieg. Die Wahlkommission will heute das Endergebnis bekannt geben. Inoffiziell wurde bereits der Sieg von Janukowitsch bestätigt.

Kiew - Er wolle die Ergebnisse erst dann anerkennen, wenn die Rechtmäßigkeit der Auszählung belegt sei, verkündete Janukowitsch am Mittwoch auf einer Regierungssitzung in Kiew. "Er brauche keinen fiktiven Sieg, kein Ergebnis, welches zu Gewalt und Opfern führen werde. Keine Machtposition, egal wie wichtig, ist ein einziges menschliches Leben wert."

Am Nachmittag soll es ein Treffen geben, in dem vermutlich das Endergebnis der zweiten Runde der Präsidentenwahl bekanntgegeben werde, sagte ein Mitglied der zentralen Wahlkommission heute der Nachrichtenagentur Reuters. Als Termin hatte die zentrale Wahlleitung 16 Uhr Ortszeit (15 Uhr MEZ) angegeben. Dieser verstrich allerdings.

Inoffiziell hat die Wahlkommission den Sieg von Ministerpräsident Viktor Janukowitsch bereits bestätigt. Nach Auszählung aller Stimmzettel entfielen 49,53 Prozent auf Janukowitsch, meldete die Agentur Interfax am Mittag unter Berufung auf Quellen in der Kommission. Viktor Juschtschenko habe 46,66 Prozent erhalten. Die Opposition zweifelt die Resultate wegen Fälschungen an.

Auch Wahlbeobachter aus dem Ausland hatten Verstöße gegen demokratische Regeln ausgemacht.

Die Opposition hatte heute Morgen ihren Anspruch auf das Präsidentenamt bekräftigt. Man sei bereit, mit dem scheidenden Präsidenten Leonid Kutschma zu sprechen - aber nur über die friedliche Machtübergabe an Juschtschenko. Angesichts der sich stetig verschärfenden politischen Krise hatte Kutschma gestern Abend alle Seiten zu Gesprächen aufgerufen.

Premier Janukowitsch sieht keinen Grund für die Demonstrationen der Opposition. Bei einem Regierungstreffen sagte er, dass es heute keinen Grund für die Menschen gebe, auf die Straße zu gehen. Heute rief Verteidigungsminister Alexander Kusmuk die Streitkräfte zur Ruhe auf. Berichte über angebliche Truppenverlegungen zum Einsatz gegen die Bevölkerung seien unwahr, erklärte er in Kiew. In der schwierigen Situation sollten die Soldaten "ausgewogen handeln und gewissenhaft ihre Verfassungspflicht erfüllen", zitierte die Agentur Interfax aus der Erklärung Kusmuks.