Ukraines neuer Präsident Selenskyj Der Komiker und sein sehr, sehr reicher Freund

Comedian Wolodymyr Selenskyj übernimmt als Präsident in Kiew - frei von politischem Vorwissen. Das wirft vor allem eine Frage auf: Ist ein umstrittener Milliardär im Hintergrund der eigentliche Gewinner?

Plakat vom 8. Februar 2019 mit Kolomojskyj und Selenskyj
Yuri Dyachyshyn/ AFP

Plakat vom 8. Februar 2019 mit Kolomojskyj und Selenskyj

Von , Moskau


Unter den reichen Geschäftsleuten, die aus dem Hintergrund auf die ukrainische Politik einwirken, ist Ihor Kolomojskyj die schillerndste Figur. Er gilt den einen als Retter des Vaterlands in der Not, den anderen als sein Verderber. Er ist streitlustig, rabiat, laut, unkonventionell. Kein Wunder also, dass es Aufsehen erregt hat, dass Kolomojskyj in der Nacht zum Donnerstag aus dem selbstgewählten Exil ins Land zurückgekehrt ist. Im Privatjet flog er aus Israel in seine Geburtsstadt Dnipro.

Seine Rückkehr wirkt wie die letzte Bestätigung, dass in der Ukraine neue Zeiten angebrochen sind. Sie ist ein Triumph über Präsident Petro Poroschenko, Kolomojskyjs Erzfeind, der im April abgewählt wurde. Und sie wirkt zum anderen wie der Versuch, nun Einfluss zu nehmen auf Poroschenkos Nachfolger, den TV-Comedian Wolodymyr Selenskyj.

Er wird am Montag ins Amt eingeführt, so hat es das ukrainische Parlament ebenfalls am Donnerstag beschlossen. Selenskyj ist ein enger Geschäftsfreund Kolomojskyjs, zugleich politisch völlig unerfahren. Deshalb fragt sich das Land: Ist der umstrittene Milliardär der eigentliche Wahlsieger, der jetzt die Fäden zieht?

Dass Kolomojskyj selbst sich als Wahlsieger sieht, zeigen seine jüngsten Interviews, in denen er laut über die Besetzung von Ämtern nachdachte. Selenskyjs Mitstreiter Andrej Bogdan etwa könne er sich gut als Chef der Präsidialkanzlei vorstellen, sagte er. Bogdan ist bisher als Kolomojskijs Anwalt bekannt. Tatsächlich gibt es viele Überschneidungen zwischen Selenskyjs Wahlkampfteam und Kolomojskyjs Business. Selenskyj produziert für den Fernsehkanal 1+1, der Kolomojskyj gehört - und wiederum Selenskyj im Wahlkampf geholfen hat.

Oligarch Ihor Kolomojskyj
MYKHAYLO MARKIV/DPA

Oligarch Ihor Kolomojskyj

Petro Poroschenko nannte Selenskyjs vor der Wahl gar eine "Marionette" des Oligarchen. Aber die Wahrheit ist komplizierter. "Wenn Kolomojskyj sicher wäre, dass Selenskyj auf seine Ratschläge hört, würde er sie nicht öffentlich geben", sagt der Politologe Wolodymyr Fesenko. Außerdem ist Selenskyjs Team bisher eine bunte Mischung, darunter auch erklärte Gegner des Oligarchen. Selenskyjs außenpolitischer Berater Olexander Daniljuk hat als Finanzminister Milliardenklagen gegen Kolomojskyj vorbereitet.

Kolomojskyj möchte seine Bank zurück

Kolomojskys Hauptinteresse ist, sich das zurückzuholen, was er unter Poroschenko verloren hat. Nach der Euromaidan-Revolution von 2014 hatten die beiden zunächst noch harmoniert: Kolomojskyj half, weitere Abspaltungen in der Ostukraine zu verhindern, der Geschäftsmann wurde dafür als Gouverneur der Region Dnipropetrowsk (heute Dnipro) eingesetzt. Er stellte dort eigene Milizen im Kampf gegen prorussische Separatisten auf.

Das verhinderte jedoch zwei Jahre später nicht die Nationalisierung seiner Bank, der "Privatbank". Das größte Finanzinstitut des Landes musste 2016 vom Staat gerettet werden, die Rekapitalisierung verschlang 5,5 Milliarden Dollar - das entsprach sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Schuld waren laut Zentralbank Kolomojskyj und sein Miteigentümer Hennadij Boholjubow. Fast sämtliche Kredite der Bank seien faktisch an Firmen der Eigentümer gegangen.

Kolomojskyj sieht das anders: Er möchte mit zwei Milliarden Dollar für deren Verstaatlichung entschädigt werden oder seine Bank zurückerhalten. Der Weltwährungsfonds, der die Rettung bezahlen musste, hätte für beides allerdings ebenso wenig Verständnis wie Selenskyjs Wählerschaft. Selenskyj hat bereits gesagt, der Fall müsse von unabhängigen Gerichten entschieden werden, der Staat solle sich nicht einmischen. Nur ist die Justiz in der Ukraine nicht unabhängig. Ein Kiewer Gericht hat die Nationalisierung der Privatbank kurz vor Selenskyjs Wahl für widerrechtlich erklärt.

Trips in die Schweiz und nach Israel

Wolodymyr Selenskyj
Ukrinform/ DPA

Wolodymyr Selenskyj

Nun wartet man in der Ukraine, ob es zu einem Treffen von Selenskyj und Kolomojskyj kommt. Vor dem Einstieg in die Politik haben die beiden sich regelmäßig gesehen; dafür musste Selenskyj jeweils in die Schweiz oder nach Israel fliegen, wo Kolomojskyj sich aufhielt.

Seit seinem Wechsel in die Politik kann Selenskyj an einem Treffen aber nur dann interessiert sein, wenn es geheim bleibt. Er muss sich maximal von allen Oligarchen distanzieren, so wie der Held seiner beliebten Fernsehserie "Diener des Volkes" es tut. Selenskyj spielt dort einen volksnahen, ehrlichen Präsidenten, der sich der Kontrolle der Oligarchen entzieht. Für Kolomojskyj wiederum ist es umgekehrt, sagt Politologe Fesenko: Je mehr Nähe er zum neuen Präsidenten beweisen kann, desto besser für ihn.

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crewmitglied27 17.05.2019
1. Ich würde sehr gerne verstehen,
warum Selenskyj immer noch als "comedian" dargestellt wird, der von nichts eine Ahnung hat. Der Mann hat ein abgeschlossenes Jurastudium und das ist mehr als es viele aktuelle Bundestagsabgeordnete zu bieten haben. Sogar Studienabbrechern, wie Claudia Roth und Kevin Kühnert, wird in unserer Medienlandschaft anscheinend mehr Kompetenz zugesprochen. Es wäre gut, wenn diesem Mann, der eine echte Chance für die Ukraine darstellt, eine Chance bekäme.
fortelkas 17.05.2019
2. Eigentlich ist es zum Lachen,
...wenn es nicht so traurig wäre. Der Oligarch reduziert den haushohen Wahlsieger Selenskyj schon vor seiner Ernennung auf das, was er wirlich ist, auf einen Politkomiker. Das sollen demokratische Wahlen gewesen sein? Der Jubel mancher Foristen nach dieser Wahl kannte ja kaum Grenzen: Jetzt würden ja nun wirklich neue, bessere, demokratische Zeiten anbrechen. Ja, dann mal los, weiter so, ganz nach Oiligarchen-Art. Dagegen war die Volksabstimmung auf der Krim, die anschließend zum Anschluss an Russland führte, ja geradezu ein Paradebeispiel für Demokratie. Nach dieser Wahl: Die Ukraine gehört nicht in die EU, sie gehört auch nicht in die NATO, dieser Staat muss erstmal von wirklichen Demokraten in Ordnung gebracht werden, so wie jetzt wird das offenbar nichts. Erwin Fortelka
DietrichHorstmann 17.05.2019
3. Vor der Wahl nur angedeutet
jetzt plötzlich offengelegt. SPON war die Ausnahme. Danke.
In Kognito 17.05.2019
4. Illustration der wahren "Ursache" des Maidan
Vor dem Putsch in Kiew wurde das "große" Geld in der russischstämmigen Ostukraine verdient, Stahl, Chemie, Werften, Rüstung, Luft- und Raumfahrt, Gas und Öl. Im Westen dagegen "nur" Landwirtschaft. Entsprechend auch die Oligarchen, Russlandorientiert und das Land beherrschend. Dann kam die Westseite, mit US- und EU-Unterstützung und meinte, man könnte sich die Taschen ja auch selber vollhauen und dazu noch EU-Gelder. Einige der Ost-"Oligarchen" (Poroschenko-ex Sicherheitsberater und amt. Wirtschaftsminister, andere Ex-Minister- wurden ins Boot geholt) und die alten Oligarchen versucht aus dem Geschäft zu drängen. Beide Seiten nutzten dazu Privatarmeen, im Resultat der jetzige Zustand und die "Russische" Seite, mit Kolomoisky kommt zurück, natürlich nicht mehr direkt mit Russland, aber für ihre privaten Interessen (Geschäfte) und EU-Geld nehmen auch die gerne mit.
Ishibashi 17.05.2019
5. Abhängigkeiten
Natürlich hätte Selennsky keine Chance gehabt ohne den Privatsender von Kolomoiski. Aber jetzt sieht die Sache anders aus und eine zu starke Nähe zu den Oligarchen würde ihm nur schaden. Kann ja durchaus sein dass sich Kolomoisky verrechnet hat und dass er die Privatbank zurück bekommt ist eher unwahrscheinlich. Der gute hat auch so genug Geld und soll mal in Rente gehen. Die junge Generation hat die Nase gestrichen voll von den Oligarchen und Selensky vermutlich auch.
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