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19. Februar 2014, 09:28 Uhr

Deutscher Pfarrer in Kiew

"Das war eine gezielte Provokation"

Ein Interview von

Ralf Haska ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Kiew, seine Kirche liegt mitten im umkämpften Gebiet. Im Interview erklärt der Geistliche, was die Ukrainer auf die Straße treibt - und warum er der Polizei die Schuld an der Eskalation gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wo waren Sie, als die Gewalt am Dienstag in Kiew eskalierte?

Haska: Ich bin durch das Regierungsviertel gelaufen, vom Maidan die Institutska-Straße hoch. Dort waren viele Demonstranten, die vor das Parlamentsgebäude marschieren wollten. Es war friedlich, dann aber habe ich erste Steinwürfe auf Polizisten mitbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Gewalt ging von den Demonstranten aus?

Haska: Das kann ich so nicht sagen. Der Maidan hat eigene Sicherheitskräfte, die "Samooborona". Die haben die Steinewerfer sofort festgenommen und zum Maidan abgeführt. Die wollten keine Eskalation. Ich halte die Steinwürfe für eine gezielte Provokation.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Haska: Die Maidan-Wache konnte nicht alle Steinwürfe verhindern. Es fiel aber schon auf, dass die Polizei sofort darauf geantwortet hat, mit massiver Gewalt. Da waren sofort Berkut-Scharfschützen auf den Dächern, die mit Gummigeschossen auf die Demonstranten geschossen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auch getroffen worden.

Haska: Ich glaube, die haben gezielt auf meine Kamera geschossen, weil sie Aufnahmen verhindern wollten. Ich bin an der Hand getroffen worden, obwohl ich mitten in einer Menschentraube stand. Der Schuss muss also vom Dach gekommen sein. Die Hand ist ein wenig geschwollen, aber nichts Schlimmes. Die Polizeigewalt hat die Leute aber erst richtig wütend gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind diese Wachmannschaften des Maidan?

Haska: Die stehen auf den Barrikaden und passen auf, dass keine "Tituschki" einsickern, von der Staatsmacht angeheuerte Schlägertypen und Provokateure. Da sind auch viele Afghanistan-Veteranen dabei. Die tragen zwar Stahlhelme und Schutzwesten, sind aber keine Kämpfer. Die wollten die Polizei schützen, deshalb haben sie die Steinewerfer abgeführt.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren die Demonstranten? Wer traut sich in Kiew überhaupt noch auf die Straße?

Haska: Da war zum Beispiel ein Mann, der hat sich aus Spaß einen Teekessel auf den Kopf gesetzt. Das war ein sehr bunt gemischter Protestzug, viele Frauen, einfache Kiewer Bürger. Die Straße war voll.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie nach Ihrer Verletzung gemacht?

Haska: Ich bin dann zurück in unsere Kirche. Wir haben dort unsere Aufgaben: Wir pflegen schon lange Kranke, viele haben sich bei den Demonstrationen im Frost Lungenentzündungen eingefangen. Jetzt haben wir aber auch viele Verletze, Menschen mit Kopfverletzungen von Knüppelschlägen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso konnte die Lage so eskalieren?

Haska: Das weiß ich nicht. Wie gesagt, ich halte es für eine Provokation. Wie kann es sein, dass sobald Steine fliegen schon Scharfschützen auf den Dächern stehen?

SPIEGEL ONLINE: Was treibt die Menschen auf die Straße?

Haska: Man muss kein Prophet sein, um diese Frage beantworten zu können. Was mich ungemein ärgert, sind die Leute in Deutschland, die in Internetforen schreiben, das seien alles Kriminelle, Nationalisten und Krawallmacher. Das stimmt nicht. Die Leute stehen hier, weil sie ein anderes Land wollen, ein Land, das nicht mehr durch und durch verseucht ist mit Korruption. Sie wollen eine gerechte Regierung, einen Staat, in dem man Beamte nicht erst schmieren muss, damit sie ihre Arbeit machen.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie am Mittwoch?

Haska: Es heißt, dass Leute aus dem Westen des Landes unterwegs sind, um den Maidan zu verstärken. Ich werde also erst mal in der Kirche bleiben. Wir gehen davon aus, dass wir weiter Verletzte versorgen müssen.

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