Ukraine-Konflikt Verwirrung um angebliches Eindringen russischer Militärkolonne
Kiew - In die Ukraine sind nach Darstellung der Regierung in Kiew wieder russische Soldaten eingedrungen. Eine Gruppe habe in gepanzerten Truppentransportern und Lastwagen die Grenze überquert, sagte ein Militärsprecher am Mittwoch in Kiew. Die Kolonne befinde sich auf dem Weg in die Ortschaft Telmanowe.
Am Abend wollte allerdings der nationale Sicherheitsrat in Kiew die Berichte nicht bestätigen. Von einer Panzerkolonne aus 100 Fahrzeugen im Grenzgebiet sei nichts bekannt, sagte Sprecher Andrej Lyssenko. "Heute haben wir dort keine Bewegung einer Kolonne festgestellt", betonte er.
Kiew hat in der Vergangenheit schon häufiger von eingedrungenen Militärkonvois aus Russland gesprochen, dafür aber keine stichhaltigen Beweise vorgelegt.
Telmanowe liegt rund 80 Kilometer südlich der Separatistenhochburg Donezk und 20 Kilometer von der Grenze zu Russland entfernt. In der offiziellen Erklärung des Militärs wird nichts über die genaue Herkunft oder über Zeitpunkt und Ort mitgeteilt, an dem die Kolonne über die Grenze gefahren sein soll.
Kiew meldete zudem, eine Kolonne aus sechs Grad-Raketenwerfern und Lastwagen mit Kämpfern sei nahe der Ortschaft Dibrowka von Russland in die Ukraine eingedrungen. Die Regierung in Kiew wirft Russland seit Monaten vor, die Separatisten mit Kämpfern und Waffen zu unterstützen. Moskau bestreitet dies.
Am Dienstag hatten ukrainische Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben zehn russische Fallschirmjäger festgenommen. Von Moskauer Seite war der Vorfall indirekt bestätigt worden. Die Soldaten hätten die Grenze in die Ostukraine nur "aus Versehen" überschritten, meldete die russische Agentur Ria Novosti mit Verweis auf Kreise des russischen Verteidigungsministeriums.
Merkels Sprecher Seibert: "Ein Unding"
Die Bundesregierung drängte Moskau erneut, Waffenlieferungen an die prorussischen Separatisten zu stoppen. Der Strom von Waffen und Kämpfern über die Grenze sei ein "Unding, ein schlimmer Zustand, der zur permanenten Eskalation beiträgt", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch. "Es ist überfällig, dass diese Grenze endlich geschützt wird, dass jede Art von militärischer Unterstützung der Separatisten über diese Grenze eingestellt wird."
Seibert sagte, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe am Mittwoch erneut am Telefon mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko über den Konflikt beraten. Es bestehe Einigkeit zwischen den beiden Politikern, "dass ein wirksamer beidseitiger Waffenstillstand voraussetzt, dass auch Russland seinen Beitrag zur Deeskalation leistet und dass eine Vereinbarung zur Grenzsicherung abgeschlossen wird".
Die prorussischen Separatisten, die seit Wochen in den Großstädten Donezk und Luhansk belagert werden, hatten am Montag angekündigt, eine Gegenoffensive südlich von Donezk zu starten. Angesichts der fortdauernden Krise rief der ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk am Mittwoch die Nato zu Hilfe. Das westliche Militärbündnis müsse auf seinem Gipfel in der kommenden Woche "Schlüsselentscheidungen" für "praktische Hilfe" für sein Land treffen, sagte er bei der Eröffnung eines Kabinettstreffens.
Der scheidende Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sagte mehreren europäischen Zeitungen, er rechne schon bald mit "mehr sichtbarer Nato-Präsenz im Osten".