Separatisten auf dem Vormarsch Kiew verliert die Kontrolle über die Ostukraine

"Niemand kann uns aufhalten": In der Ostukraine stoßen die Separatisten kaum noch auf Gegenwehr. Polizei und Geheimdienst ziehen sich zurück, bewaffnete Banden reißen die Macht an sich. Sie misshandeln ihre Gegner, drohen Reportern mit Erschießung.

REUTERS

Aus Luhansk berichtet


Luhansk in der Ostukraine, eine Industriestadt mit 450.000 Einwohnern: Die Anhänger der Separatistenbewegung "Volksrepublik" haben Barrikaden vor der besetzten Zentrale des ukrainischen Geheimdienstes SBU errichtet, aufgeschichtet aus Autoreifen, die gut brennen. Die Besetzer richten sich darauf ein, noch lange zu bleiben. Sie haben Plumpsklos vor dem Gebäude gegraben, die russische Trikolore flattert über ihren Zelten. Nachts wärmen sie sich an Feuern, die sie in Fässern entzünden, es ist fast wie bei den Revolutionären auf dem Maidan in Kiew.

Aber die Hauptstadt ist weit weg, 700 Kilometer Luftlinie in westlicher Richtung, und die Menschen in Luhansk haben das Gefühl, dass sie immer weniger mit Kiew verbindet. Bis zur russischen Grenze dagegen sind es kaum zehn Kilometer.

Auf den Stufen vor dem Geheimdienstgebäude haben die Separatisten eine improvisierte Bühne aufgebaut. Ein paar hundert Bürger drängen sich davor, die meisten tragen das schwarz-orangefarbene Georgsband, das Erkennungszeichen russischer Patrioten. "Wir kehren jetzt heim nach Russland", ruft ein Mann ins Mikrofon. "Und niemand kann uns aufhalten."

Zwei Wochen ist es her, seit prorussische Kräfte die "souveräne Volksrepublik" ausgerufen haben. Auf größeren Widerstand sind sie seitdem nicht gestoßen. Die Versuche der Übergangsregierung, mit Anti-Terror-Kräften wieder Herr der Lage zu werden, scheiterten kläglich: Mal wurden Kiews Panzer von aufgebrachten Zivilisten an der Weiterfahrt gehindert, mal übergaben die Panzerbesatzungen Fahrzeuge und Ausrüstung kampflos den Separatisten.

Der Geheimdienst SBU hat in Luhansk und anderswo Gebäude ohne großen Widerstand übergeben, auch die Waffenkammern. Die Polizei hat ein paar Checkpoints an den Landstraßen im Donezbecken errichtet, in den Straßen der großen Städte aber zeigt sie kaum Präsenz.

Berichte über Folter und Misshandlungen

Das Machtvakuum füllen bewaffnete Einheiten, von denen niemand weiß, ob sie überhaupt noch jemand kontrollieren kann. Ihre Hochburg ist Slowjansk, rund hundert Kilometer von Donezk entfernt. In Slowjansk haben die Separatisten auch den US-Journalisten Simon Ostrovsky als Geisel genommen. Ostrovsky war tagelang mit Kollegen in der Region unterwegs. Wo er sich aufhält, ist unklar. Der selbsternannte Bürgermeister von Slowjansk, Wjatscheslaw Ponomarjow, erklärte, Ostrovsky sei wohlauf und halte sich als "Gast" bei den Separatisten auf.

Augenzeugen berichten aber, dass Ostrovsky und andere Journalisten von Maskierten aus dem Auto gezerrt wurden. Sie seien mit Kalaschnikow-Gewehren bedroht worden. Ihnen seien Säcke über den Kopf gezogen und ihre eigene Erschießung angekündigt worden. Später ließen die Bewaffneten mehrere Reporter wieder ziehen. Ostrovsky aber behielten sie in Haft. Der US-Journalist ist seit Monaten in der Ukraine im Einsatz. Die Berichterstattung des Videoreporters von der Krim hatte den Separatisten nicht gefallen.

Grafik zum Anklicken: Wichtige Städte der Ostukraine
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Slowjansk schlittert immer weiter in Richtung eines Bürgerkriegs. Nahe der Stadt wurden zwei Leichen gefunden, beide Körper wiesen nach Angaben ukrainischer Medien Spuren von Folter auf. Bei einem der Opfer soll es sich um einen Lokalpolitiker aus der Nachbarstadt Horliwka handeln, einem Anhänger der Übergangsregierung in Kiew.

Maskierte Separatisten führten russischen Medien zufolge einen angeblich gefangen genommenen Kämpfer der Nationalistengarde Rechter Sektor vor. Der Mann wurde offenbar misshandelt, am Ende des Videos wimmert er: "Bitte helft mir."

Er sei Mitglied einer Kampfgruppe des Rechten Sektors und an einem Überfall auf einen Checkpoint der Separatisten mit mehreren Toten beteiligt gewesen. Seine Kameraden in der ukrainischen Hauptstadt warnte er, sie sollten sich von Slowjansk fernhalten, man werde sie sonst "in Stücke reißen". Kiew bestreitet, dass der Mann zum Rechten Sektor gehört.

Fatale Fehler der Maidan-Revolutionäre

Unklar ist, wer die Operationen der Bewaffneten steuert. Die von Kiew und Washington vorgelegten Beweise für eine Beteiligung russischer Spezialeinheiten sind dünn. Das Weiße Haus hatte am Dienstag Fotos veröffentlicht, die russische Soldaten in Slowjansk zeigen sollen. Tatsächlich ist ein Kämpfer zu sehen, den alle "den Bärtigen" nennen.

Er stammt offenbar wirklich aus Russland, gehört aber einer Freiwilligeneinheit an, deren Mitglieder sich selbst als Kosaken bezeichnen. Andere Kämpfer kommen von der Krim. Ein stichhaltiger Beweis für den Einsatz von Moskaus Truppen sind die Fotos nicht, wohl aber dafür, dass der Aufstand durchaus von Russen unterstützt und angefacht wird.

In Umfragen vor der Krise fand sich nie eine Mehrheit für eine Abspaltung der Donbass-Region von der Ukraine. Doch es zeigen sich die fatalen Fehler der Maidan-Revolutionäre. Um den ehemaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch zu stürzen, ließen sie sich auf ein Bündnis mit nationalistischen Kräften ein, die Lenin-Denkmäler stürzen und den zutiefst russisch geprägten Osten der Ukraine "entrussifizieren" wollen. Der Übergangsregierung gehören zwar Nationalisten aus dem Westen der Ukraine an, aber kein einziger Politiker, der das Vertrauen der Ostukrainer besitzt.

Das rächt sich jetzt. Anders als auf der Krim stellen Ukrainer im Osten des Landes vielerorts die Bevölkerungsmehrheit. Die neue Regierung in Kiew aber mögen nur wenige verteidigen. Und je länger das Chaos herrscht, desto stärker wächst die Zahl derer, die sich nach jemandem sehnen, der Ordnung schafft. So wie Maxim.

Der Student hat den aus dem Amt gejagten Staatschef Janukowitsch nie leiden können. Aber jetzt steht Maxim mit den anderen vor der besetzten Geheimdienstzentrale in Luhansk. Er sagt, er fühle sich als Ukrainer, aber die Führung in Kiew habe niemand gewählt und sie tue nichts für den Osten: "In Russland kann es doch nur besser werden, oder?"

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Seite 1
geddon 23.04.2014
1. Bye Bye...
... Ost-Ukraine. Solange es keinen Krieg gibt, soll mir das alles recht sein. Es ist nur tragisch für die Ukrainer, die zumindest ihre Nationalität verlieren.
global player 23.04.2014
2. Russen und Ukrainer
Zitat von sysopAP"Niemand kann uns aufhalten": In der Ostukraine stoßen die Separatisten kaum noch auf Gegenwehr. Polizei und Geheimdienst ziehen sich zurück, bewaffnete Banden reißen die Macht an sich. Sie misshandeln ihre Gegner, drohen Reportern mit Erschießung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-kiew-verliert-kontrolle-ueber-donbass-an-separatisten-a-965693.html
Die Mehrheit spricht aber Russisch. Wie kann man hier überhaupt von verschiedenen Ethnien sprechen, was sollen denn die Unterschiede zwischen Ukrainern und Russen sein? Jahrhundertelang waren sie eine Gemeinschaft mit gleicher Kultur und Geschichte. Es sind doch bestenfalls verschiedene Stämme, wie z. B. Bayern und Schwaben. Wenn sich die Ostukrainer Russland anschließen wollen, tun sie das aus vorwiegend wirtschaftlichen Gründen und weil sie ihre regionalen Interessen in Kiew nicht vertreten sehen.
christian0061 23.04.2014
3. optional
http://www.cicero.de/weltbuehne/krim-krise-auf-den-westen-ist-kein-verlass/57164 hier nochmal ein wirklich guter basisartikel zum thema von gabriele krone-schmalz. das dazugehörige Youtube-video gibts eben da zu suchen.............
bertholdgross 23.04.2014
4.
Zitat von sysopAP"Niemand kann uns aufhalten": In der Ostukraine stoßen die Separatisten kaum noch auf Gegenwehr. Polizei und Geheimdienst ziehen sich zurück, bewaffnete Banden reißen die Macht an sich. Sie misshandeln ihre Gegner, drohen Reportern mit Erschießung. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-kiew-verliert-kontrolle-ueber-donbass-an-separatisten-a-965693.html
Gibt es Beweise dafür, dass sie ihre Gegner wirklich misshandeln oder drohen sie nur?
Karl_Lauer 23.04.2014
5.
Es ist kein Geheimnis wie mit Minderheiten in der russischen Föderation umgegangen wird. Ich hoffe es wird für die Ostukrainer nicht unangenehm in Zukunft..
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