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Chaos in Kiew Regime ohne Skrupel, Klitschko ohne Macht

Regierung und Opposition schieben sich in Kiew die Schuld zu: Für die Eskalation der Gewalt, die vielen Toten und Verletzten. Längst kontrolliert Oppositionsführer Klitschko den Maidan nicht mehr - Radikale haben dort die Macht übernommen.

Das Gewerkschaftshaus am Maidan ist ein wichtiger Ort. Es war das Hauptquartier der Opposition. Es war Pressezentrum für die Auftritte von Vitali Klitschko, Kommandozentrale für die Brigaden der Regierungsgegner und zentrale Verpflegungsstation. Jetzt ist das Gebäude nur noch eine Ruine. Am Dienstag, als die erste Schlacht um den Maidan tobte, wurde es in Brand gesetzt. Am Mittwoch rauchen die Trümmer, noch immer schlagen Flammen heraus. Die Verantwortung für den Übergriff schieben sich Opposition und Regierung gegenseitig zu.

Männer der Spezialeinheit Berkut, auf deutsch Steinadler, sollen das Feuer gelegt haben, so heißt es unter den Regierungsgegnern auf der Straße. Unsinn, lässt das ukrainische Innenministerium wissen, in Wahrheit habe ein radikaler Flügel der Opposition selbst das Gebäude angezündet. Die Gruppe "Rechter Sektor" habe das Haus niederbrennen wollen, um so Spuren zu verwischen. Spuren von Sprengstoff und Hinweise auf Waffen, die Kämpfer des "Rechten Sektors" angeblich in dem Gebäude versteckt gehalten hätten. So rückt das Regime die Opposition in die Nähe von Terroristen.

"Dies ist kein Ausdruck von Demokratie", verurteilte Interims-Regierungschef Sergej Arbusow die Ausschreitungen, sondern "eine Manipulation der Menschen und ein Versuch, gewaltsam die Macht zu ergreifen". Bislang zählen die Behörden mehr als zwei Dutzend Tote, darunter Demonstranten und Polizisten. Die Zahl der Opfer hätte aber leicht um ein Vielfaches höher ausfallen können. Denn wer immer das Gewerkschaftshaus in Brand steckte: Er nahm keine Rücksicht darauf, dass sich noch Menschen in dem Gebäude befanden.

Chaos im Herzen der Hauptstadt

Das Zentrum von Kiew ist am Mittwoch ein Schlachtfeld. Ausgebrannte Autos und Lastwagen säumen die Straßenränder des Regierungsviertels. Klar ist: Kaum noch jemand entkommt dem Strudel von Gewalt und Gegengewalt. Die Polizei schoss am Mittwoch mit Gummigeschossen und Blendgranaten mitten in die Menschenmenge. Aber auch die Demonstranten rüsten weiter auf. Vermummte Frauen bereiten Hunderte Molotow-Cocktails vor. Die Kämpfer, die den Polizisten gegenüberstehen, haben eine Art Flammenwerfer gebaut.

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Ukraine: Molotow-Cocktails und scharfe Munition

Foto: DAVID MDZINARISHVILI/ REUTERS

Wer trägt die Verantwortung für die blutige Eskalation am Maidan? Sicher Präsident Wiktor Janukowitsch, der auf sein eigenes Volk feuern lässt. Der Scharfschützen seiner Polizei auf den Dächern des Regierungsviertels postierte und laut Augenzeugenberichten offenbar nur darauf gewartet hatte, den Demonstrationszug zusammenzuschießen.

Aber auch die Anführer der Opposition ließen ihre Regierungsgegner blindlings in die Falle laufen, als sie zu einem Marsch auf das Parlament aufriefen. Klitschko und Co. wollten friedlich demonstrieren. Sie hätten aber wissen können, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis Steine auf die Polizisten fliegen - der willkommene Vorwand für die Sicherheitskräfte, loszuschlagen. Klitschko weiß, dass er auf die Hardliner in den Maidan-Reihen kaum noch Einfluss hat, spätestens seit sie ihn mit einem Feuerlöscher attackiert hatten.

Russland: "Versuchter Staatsstreich"

Die politische Opposition hat die Kontrolle über den Maidan verloren, womöglich aber auch nie gehabt. Die Verteidiger der Zeltstadt haben sich fast militärisch organisiert. Sie haben sogenannte Hundertschaften gebildet, um mit Helmen, Schildern und Knüppeln Angriffe der Polizei abzuwehren. Der aus Nationalisten und Fußball-Fanatikern bestehende "Rechte Sektor" ist nur die bekannteste dieser Abteilungen. Ihre Mitglieder glauben, dass Janukowitsch einzig mit Kampf beizukommen ist, nicht mit Verhandlungen. Politikern mögen sie sich nicht unterordnen.

Das führt zu anarchischen Szenen. Als der Maidan etwa die Räumung des Kiewer Rathauses beschloss und das Gebäude an OSZE-Vermittler übergab, zündeten kurz darauf Vermummte vor dem Gebäude Barrikaden aus Autoreifen an. Sie bezeichneten sich als Mitglieder einer Hundertschaft namens "Narnia" und erklärten den Abzug für einen Fehler.

Das spielt jener Schutzmacht in die Hände, die Präsident Janukowitsch stützt: Russland. Der Kreml verurteilte die Straßenschlachten als "versuchten Staatsstreich". Und Moskaus Außenministerium stichelte gegen den in Moskau wenig geliebten Politiker Klitschko, man sei "empört, weil die Oppositionsführer nicht auf die Taten der Radikalen reagieren". Der Ukraine drohe eine "braune Revolution" von Extremisten.

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