Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright "Es sind doch die Russen, die provozieren"

Eskaliert der Krieg in der Ukraine? Das ist die zentrale Frage bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Die USA sollten panzerbrechende Waffen an Kiew liefern, fordert die ehemalige US-Außenministerin Albright. Zugleich warnt sie vor der Spaltung des Westens.
Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright: "Recht auf Selbstverteidigung" der Ukrainer

Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright: "Recht auf Selbstverteidigung" der Ukrainer

Foto: JIM WATSON/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Madam Secretary, wie nahe befinden wir uns an einem neuen Krieg inmitten Europas?

Albright: Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt. Europa hat im 20. Jahrhundert unter der blutigsten Phase der Geschichte gelitten. Es muss einen Weg geben, dass es zwischen Staaten dabei bleibt, dass internationale Vereinbarungen wie das Helsinki-Abkommen eingehalten werden und dass das, was die Russen getan haben, inakzeptabel ist.

SPIEGEL ONLINE: Sollte die US-Regierung schwere, tödliche Waffen an die ukrainische Regierung liefern?

Albright: Ja, dafür trete ich öffentlich ein. Die Ukrainer werden angegriffen und haben ein Recht, sich zu verteidigen. Die Nato hat öffentlich nachgewiesen, dass russische Waffen eingesetzt werden, die Russen sind erkennbar stark engagiert. Die Ukraine hat eine leidvolle Geschichte hinter sich, ich war erst im vergangenen Jahr zu den Wahlen dort und bin auch auf dem Maidan gewesen. Dort sind Menschen für ihr freies und unabhängiges Land gestorben. Niemand wünscht sich einen Krieg, aber wenn jemand von außen angegriffen wird, hat er das Recht, sich zu verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: An welche Waffen denken Sie?

Albright: Panzerbrechende Waffen zum Beispiel. Waffen, die gegen diejenigen Waffen wirken, die aus Russland kommen.

SPIEGEL ONLINE: Aber würde das nicht einen neuen Zyklus der Eskalation auslösen? Wie würden die Russen reagieren?

Albright: Das weiß ich nicht, sie handeln jedenfalls nicht sehr verantwortungsvoll. Aber ich teile die Fragestellung nicht. Wenn jemand sagt, dass man die Russen nicht provozieren soll, entgegne ich: Es sind doch die Russen, die provozieren! Sie sind diejenigen, die das alles begonnen haben. Interessanterweise haben die Ukrainer sich dafür ausgesprochen, zu Europa gehören zu wollen, sie wissen aber auch, dass sie eine funktionierende Beziehung zu ihrem östlichen Nachbarn brauchen. Es gibt einen Weg, beides zu vereinen.

Transportpanzer nach schweren Gefechten in Uglegorsk, Ostukraine (4.2.)

Transportpanzer nach schweren Gefechten in Uglegorsk, Ostukraine (4.2.)

Foto: Vladimir Vladimirov/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Die Europäer inklusive der deutschen Kanzlerin haben sich bislang gegen die Lieferung von schweren Waffen ausgesprochen. Der politische Preis einer solchen Waffenlieferung wäre womöglich eine Spaltung zwischen den USA und Europa.

Albright: Ich hoffe sehr, dass es dazu nicht kommt. Die Russen würden eine Spaltung lieben, sie hätten endlich erreicht, was sie die ganze Zeit anstreben. Ich glaube, dass Putin das Gebiet an seiner West-Grenze destabilisieren möchte. Was er am meisten möchte ist, einen Keil zwischen die Vereinigten Staaten und Europa zu treiben.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssten Sie folgerichtig die Europäer dazu aufrufen, Waffenlieferungen zu akzeptieren.

Albright: Ich bin keine Diplomatin mehr, aber ich hoffe, dass es eine Einigung gibt. Die Wahrheit ist, dass wir alle unabhängige Länder mit eigenen Beziehungen und Interessen sind und es keine Regel gibt, dass wir alle gleich handeln müssen. Ich respektiere die Entscheidungen von demokratischen Regierungen.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr ist der US-Präsident Barack Obama scharf wegen seiner zurückhaltenden Außenpolitik kritisiert worden. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Präsidenten?

Albright: Der Präsident hat einen außerordentlichen Job unter wirklich schwierigen Bedingungen gemacht. Der Irakkrieg war einer der größten Fehler der amerikanischen Außenpolitik überhaupt, und Obama musste darauf reagieren, ebenso mit dem Afghanistankrieg. Gleichzeitig hat es der Präsident geschafft, die amerikanische Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosenzahlen zu senken. Ich finde, er hat dabei sehr gute Arbeit geleistet.

SPIEGEL ONLINE: Noch vor einem Jahr hat Obama den "Islamischen Staat" (IS) mit einem Junioren-Highschool-Team verglichen und damit die Gefahr heruntergespielt. Trägt er eine Mitverantwortung für den Aufstieg der Terrorgruppe?

Albright: Nein, das finde ich nicht. Wenn es eine Verantwortlichkeit für den Aufstieg des IS gibt, dann trifft sie jeden von uns. Der Nahe Osten ist einer der kompliziertesten Schauplätze überhaupt. Die meisten Amerikaner verstehen nicht den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten, die Probleme zwischen Arabern und Persern und die Folgen des Krieges in der Region. Wir haben alle fälschlich angenommen, dass die Welt sich schon irgendwie kümmern wird. Dafür ist Obama nicht verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich den Einsatz amerikanischer Bodentruppen in Syrien oder dem Irak vorstellen?

Albright: Ich weiß, dass es Diskussionen etwa über den Einsatz von Spezialeinheiten gibt, aber das amerikanische Volk ist die Kriege nach Afghanistan und dem Irak leid. Es gibt in den USA keine Unterstützung für Bodentruppen in dieser Region der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Luftschläge allein werden nicht reichen. In Nordirak kämpfen die Kurden und die irakische Armee gegen den IS, aber in Syrien gibt es die Freie Syrische Armee faktisch nicht mehr. Wer soll den IS besiegen?

Albright: Werden denn die Deutschen in den Krieg ziehen?

SPIEGEL ONLINE: Höchstwahrscheinlich nicht.

Albright: Sehen Sie. Unser Präsident hat klar gesagt, dass er keine amerikanischen Bodentruppen einsetzen möchte. Ich weiß, dass dies diskutiert wird, fragen Sie nur Senator John McCain. Aber ebenso, wie ich daran glaube, dass die Ukrainer ein Recht auf Selbstverteidigung haben, bin ich davon überzeugt, dass die Länder im Nahen Osten eine Verpflichtung haben, sich selbst zu verteidigen.

Die Rolle von anderen Ländern sollte es sein, mit Ausbildern und Unterstützung zu helfen. Die Vereinigten Staaten werden doch verdammt, wenn sie eingreifen und verdammt, wenn sie nicht eingreifen. Was Amerika sehr gut kann, ist, mit Ausbildung zu helfen. Das sollten wir tun.

Zur Person
Foto: ALEX WONG/ AFP

Madeleine Albright, 77, war im Kabinett von Präsident Clinton von 1997 bis 2001 US-Außenministerin und damit die erste Frau in diesem Amt. Anschließend gründete sie in Washington das Politik- und Strategie-Beratungsunternehmen Albright Stonebridge Group.

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