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Ukraine-Konflikt Hafenstadt Mariupol unter Raketenbeschuss

Im Osten der Ukraine halten die Kämpfe unvermindert an: Bei einem Raketenangriff auf die Hafenstadt Mariupol wurden laut Polizei mindestens 20 Menschen getötet. Die Behörden machen prorussische Rebellen für die Tat verantwortlich.

Kiew - In der südostukrainische Hafenstadt Mariupol sind mehrere Menschen durch einen Raketenangriff getötet worden. Die Attacke habe ein Wohnviertel der 500.000-Einwohner-Stadt getroffen, teilte die Stadtverwaltung mit. Die Behörde sprach zunächst von drei Toten, die örtliche Polizei von mindestens 20 Todesopfern.

Stadtverwaltung und der Chef der Polizei in der Region Donezk, Wjatscheslaw Abroskin, machten prorussische Separatisten für den Angriff verantwortlich. Ukrainische Medien zeigten Bilder von brennenden Autos. Eine schwarze Rauchsäule stieg in den Himmel auf. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) schickte Beobachter zur Überprüfung des Vorfalls nach Mariupol.

Wie die ukrainische Armee mitteilte, feuerten die Rebellen Grad-Raketen auf die Stadt ab. Dabei seien mehrere Häuser zerstört worden. Den Angaben zufolge wurde ein Markt im Osten der Stadt getroffen. Mehr als 80 Zivilisten seien verletzt worden, teilte das Innenministerium in Kiew mit. Nach Armeeangaben wurden auch mehrere ukrainische Kontrollpunkte in der Umgebung beschossen. Dabei seien ein Soldat getötet und ein weiterer verletzt worden.

Mariupol ist die letzte größere Stadt in der Region, die von Kiew kontrolliert wird. Sie liegt etwa hundert Kilometer südlich der Industriemetropole Donezk und 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Hafenstadt ist strategisch wichtig, weil sie zwischen den von den Rebellen kontrollierten Gebieten in der Ostukraine und der von Russland annektierten Halbinsel Krim liegt. Die Separatisten haben Stellungen etwa zehn Kilometer entfernt von den östlichen Außenbezirken Mariupols.

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Südosten der Ukraine: Raketenangriff auf Mariupol

Foto: REUTERS/ Nikolai Ryabchenko

Die Aufständischen wiesen den Vorwurf, für den Raketenagriff auf Mariupol verantwortlich zu sein, als "Lügen" zurück. Ihre Kämpfer hätten Mariupol nicht beschossen, teilte die Rebellen in Donezk mit. Dabei hatten sie erst am Freitag eine Großoffensive angekündigt.

"Wir werden eine Offensive in der gesamten Region starten", zitierten russische Nachrichtenagenturen den "Präsidenten" der selbstproklamierten "Volksrepublik Donezk", Alexander Sachartschenko. Angebote einer Feuerpause werde es an die prowestliche Zentralregierung in Kiew vorerst nicht geben.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier kritisierte Sachartschenkos Äußerungen scharf. Diese seien "nichts als Kriegstreiberei", sagte er am Rande eines Besuchs in Tunesien. An Russland und die Ukraine appellierte er erneut, die Vereinbarungen des jüngsten Ministertreffens in Berlin zum Rückzug schwerer Waffen im Donbass umzusetzen.

Auch die Europäische Union zeigte sich zutiefst besorgt über die Eskalation der Gewalt. Die Feindseligkeiten müssten eingestellt werden, um dann rasch das Minsker Friedensmemorandum vom vergangenen September umzusetzen, forderte am Freitagabend die Sprecherin der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini in Brüssel. Insbesondere Russland müsse Verantwortung übernehmen. Nach monatelangen Gefechten hatten sich die ukrainischen Truppen zuvor vom umkämpften Flughafen von Donezk zurückgezogen.

Die Zahl der Todesopfer sei seit Ausbruch der Kämpfe im April auf mehr als 5000 gestiegen, sagte ein Sprecher des Uno-Hochkommissariats für Menschenrechte (OHCHR) in Genf.

wit/AFP/dpa/Reuters
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