Russische Ultranationalisten "Putin ist eine Marionette des Westens"

Aus St. Petersburg versorgen russische Nationalisten die Separatisten in der Ostukraine mit Waffen und Freiwilligen. Sie träumen von einem antiliberalen, zaristischen Großrussland - und finden Wladimir Putin zu weich.

Der Mann mit dem Bürstenhaarschnitt hat als Treffpunkt eine Filiale der amerikanischen Fast-Food-Kette vorgeschlagen, obwohl er Amerika und den Westen hasst. Denis Garijew ist 36 Jahre alt und einer der Gründer eines ultranationalistischen Wehrsportklubs, von dem aus Freiwillige in die Ostukraine ziehen, um dort an der Seite prorussischer Separatisten zu kämpfen.

"Die Ukraine ist gar kein Land", sagt Garijew, der einmal Geschichtslehrer war und nun selber Geschichte mitschreiben will. Von der Ukraine aus führe der Westen einen Krieg gegen Russland und seine Interessen.

Immer wieder klingelt Garijews Mobiltelefon, Anrufer wollen mehr über seinen ultranationalistischen Wehrsportklub erfahren. Den Klub hat er lange vor der Revolution in der Ukraine mitbegründet. Dort können Russen orthodoxen Glaubens gegen einen Beitrag von umgerechnet 250 Euro eine militärische Grundausbildung absolvieren. Die Rekruten lernen, "in der Stadt und im Wald" zu kämpfen, wie es auf der Seite von VKontakte heißt, dem russischen Facebook. Wer sich als Kämpfer gegen den "Völkermord am russischen Volk" in der Ukraine freiwillig meldet, nimmt kostenlos am sechswöchigen Kurs teil.

Mit der Putin-Regierung haben sich die Ultras arrangiert

Der Kurs heißt "Partisan". Mehr als dreißig Männer hat Garijew seit Anfang Juni ausgebildet, die meisten ohne jede militärische Vorbildung: Lehrer, Büroangestellte, Fahrer. Sie kämpfen heute in der Ostukraine. "Sie bekommen kein Geld", sagt er. "Sie kämpfen dort für ihre Überzeugungen. Waffen und Ausrüstung gibt es vor Ort."

Der Westen wolle einen Keil durch das russische Volk treiben, darum gehe es in der Ukraine, glaubt Garijew. Die Menschen dort hätten vergessen, dass sie eigentlich Russen seien. Er und seine Mitstreiter in der Splitterpartei "Russische Imperiale Bewegung" wünschen sich einen russischorthodoxen Nationalstaat mit einem Zaren an der Spitze, einem gerechten Herrscher. Putin hält Garijew für eine "Marionette des Westens und einer Oligarchenclique in Moskau".

Informationen über Spendenaktionen und militärische Ausbildung sind im Internet öffentlich zugänglich - auch für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB. Das macht den Sympathisanten der Separatisten in der Ukraine keine Sorgen. Mit der Putin-Regierung haben die Nationalisten ihren Frieden gemacht. Jedenfalls vorübergehend, denn die Interessen des Kreml scheinen sich gegenwärtig mit denen der putinfeindlichen Nationalisten zu decken. Es scheint, als hätten die russischen Sicherheitsbehörden eine Weisung bekommen, die Nationalisten gewähren zu lassen.

"Es gibt für mich gar keine Ukraine"

Aus St. Petersburg, Russlands zweitgrößter Stadt, stammt auch ein 28-jähriger nationalistischer Publizist, der in den vergangenen Monaten prorussische Separatisten mit Nachschub versorgte. Alexander Schuschtkowski, ein schmächtiger Mann mit Bart und Geheimratsecken, hat seit dem Frühjahr über das Internet mehr als 30 Millionen Rubel gesammelt, umgerechnet 630.000 Euro. Damit hilft er seinen Gesinnungsgenossen, die im Osten der Ukraine gegen die Streitkräfte der Kiewer Regierung kämpfen. "Es gibt für mich gar keine Ukraine", sagt er. "Nicht die prorussischen Kämpfer sind Separatisten, sondern die neue Regierung in Kiew, die urrussisches Gebiet besetzt hält."

Im Mai hat sich Schuschtkowski dann den Kämpfern in Donezk angeschlossen. Dort überwachte er die Verteilung von 1200 Kampfstiefeln, 350 Funkgeräten und zwei kleinen Aufklärungsdrohnen, die er für die Spendengelder genauso gekauft hat wie zwei ausgemusterte Spähpanzer vom Typ BRDM-2. Ohne ihre Bordwaffen sind sie in Russland frei verkäuflich und kosten zwischen 15.000 und 30.000 Euro. "Wir haben die Panzerfahrzeuge in Lastwagen versteckt und dann über die Grenze in die Ukraine gefahren", erzählt er.

Wie Garijew ist Schutschkowski ein Monarchist. Die Russische Föderation möchte er lieber heute als morgen auf den Müllhaufen der Geschichte befördern. Er hält Putins Russland für einen Staat, der gegen Russen Politik mache und ethnische Minderheiten bevorzuge. Er mag keine Ausländer und möchte deshalb die Visumfreiheit für die Gastarbeiter aus den Ländern Zentralasiens beenden, die früher zur Sowjetunion gehörten. Russland solle als Nationalstaat wiederauferstehen. Schutschkowski träumt von einer konstitutionellen Monarchie, welche die Vorherrschaft des russischen Volkes über "alle historisch russischen Gebiete" sichert. Dazu zählt er neben der Ukraine auch Weißrussland und den Norden Kasachstans.

Was derzeit in der Ukraine geschieht, so hofft Schuschtkowski, sei nur das Vorspiel für ein neues, besseres Großrussland.

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