Ukraine-Krise Wladimir Putin gibt sich versöhnlich

"Ein apokalyptisches Szenario ist unwahrscheinlich": Vor dem heutigen Außenministertreffen in Paris beteuert Wladimir Putin in einem TV-Interview, dass er keinen Krieg mit der Ukraine will. Allerdings versäumt er dabei nicht, dem ukrainischen Präsidenten seine Bedingungen zu diktieren.


Moskau - Die Umsetzung des Friedensabkommens von Minsk kommt kaum voran, doch Kreml-Chef Wladimir Putin sieht eine Chance für eine Normalisierung der Lage im Kriegsgebiet Donbass. "Wenn das Minsker Abkommen für eine Lösung des Konflikts in der Ostukraine erfüllt wird, dann bin ich überzeugt, dass die Situation sich schrittweise normalisiert", sagte Putin. Russland sei wie Europa nicht an Krieg interessiert, betonte der Präsident in einem Interview des Staatsfernsehens.

"Ich denke, ein solch apokalyptisches Szenario ist unwahrscheinlich, und ich hoffe, dass so etwas niemals passieren wird", sagte Putin. Demnach sieht der Kreml-Chef auch Anzeichen dafür, dass allmählich wieder Vertrauen zwischen Russland, Deutschland und Frankreich durch die jüngsten Verhandlungen in Minsk entstehe. In der weißrussischen Hauptstadt war am 12. Februar ein Friedensplan für den Donbass verabschiedet worden. An diesem Dienstag treffen sich die Außenminister Frankreichs, Deutschlands, Russlands und der Ukraine erneut zu Beratungen, diesmal in Paris.

Seinen ukrainischen Kollegen Petro Poroschenko forderte Putin auf, mit der Ostukraine auf "zivilisierte Weise" ein Verhältnis aufzubauen und die Rechte und Interessen der Menschen im Donbass zu schützen. Zugleich warnte er vor "revanchistischen" Versuchen, die vor einem Jahr von Russland einverleibte Schwarzmeerhalbinsel Krim zurückzuerobern.

Poroschenko hatte zuvor angekündigt, das seit März von Russland "okkupierte Gebiet" wieder unter ukrainische Kontrolle zu bringen. Der Westen hatte die Annexion als Völkerrechtsbruch kritisiert und Russland deshalb mit Sanktionen belegt.

Putin kritisierte zudem Aussagen Poroschenkos, der Kreml selbst habe vor einem Jahr die Gewaltexzesse bei den proeuropäischen Protesten auf dem Maidan in Kiew ausgelöst. "Ich wundere mich manchmal einfach nur etwas über die öffentlichen Äußerungen der Führung der Ukraine", sagte Putin. Poroschenko hatte behauptet, Putins Berater Wladislaw Surkow habe in Kiew Scharfschützen kommandiert, um auf Demonstranten zu schießen und die Lage dort eskalieren zu lassen.

"Das ist absoluter, völliger Blödsinn, derart weit weg von der Wirklichkeit, dass du dich nur wundern kannst, woher so etwas kommt", meinte Putin. Er forderte seinen ukrainischen Kollegen auf, sich Vorlagen seiner Geheimdienste etwas genauer anzuschauen.

Die prorussischen Separatisten kündigten derweil für diesen Dienstag den Abzug schwerer Artillerie an. Die Militärtechnik solle unter Kontrolle der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) von den Frontlinien der "Volksrepubliken Donezk und Luhansk" abgezogen werden, sagte Separatistensprecher Eduard Bassurin der Agentur Interfax. Bereits jetzt seien aus einzelnen Orten Dutzende Einheiten mit Technik von der Linie entfernt worden.

Bassurin forderte die OSZE auf, bei der Umsetzung des Minsker Friedensplans auch die ukrainische Seite aktiver zu kontrollieren. Er warf dem ukrainischen Militär vor, bisher keine Schritte für den Abzug von Technik unternommen zu haben. Der Separatistenführer Alexander Sachartschenko beschuldigte die Regierungstruppen, ungeachtet des Minsker Abkommens weiter Stellungen der Aufständischen zu beschießen. Er äußerte die Vermutung, dass die ukrainischen Truppen sich auf einen neuen Angriff vorbereiteten - "Ende März, Anfang April".

Die ukrainischen Streitkräfte hatten am Montag ihrerseits den Abzug schwerer Waffen noch einmal abgesagt - Sprecher verwiesen auf einen Beschuss von Armeestellungen in der vergangenen Nacht.

brk/dpa/Reuters

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Maître111 23.02.2015
1. Positiv
ist es zunächst, dass Putin kein apokalyptisches Szenario für die Ostukraine möchte. Der Testfall wird aber sicher Mariupol sein. An der Stadt wird sich zeigen, wie ernst es Putin ist.
wahrsager26 23.02.2015
2. Putin
Ja,der werte Herr Putin zieht gekonnt alle Register,um sich als 'Gutmensch' darzustellen!Was mich viel mehr beunruhigt, ,dass unsere Politiker in ihrer grenzenlosen Naivität sofort im Kaffeesatz erkennen werden,das Herr Putin letzten Endes ein friedfertiger Mensch ist und Herr Steinmeier bedeutungsvoll in den Abendnachrichten'einen Silberstreif am Horizont 'erkennt...... Es sei festgestellt:Putin wird ganz genau das bekommen,was er sich vorgenommen hat-der Westen darf zusehenund das ganze Geschehen hilflos kommentieren!Danke
Leser1000 23.02.2015
3. Versöhnliche...
..Töne gab es auch schon früher (=Salamitaktik). Wie wäre es, wenn die "Separatisten" zunächst erst einmal ihre "logistischen Probleme" beim Abzug der schweren Waffen überwinden würden, so dass auch UA abziehen kann? Wäre doch einmal ein praktisches Zeichen. Es gibt ein schönes Sprichwort: "Reden ist Silber, Handeln ist Gold"!.
rainerpolo 23.02.2015
4. Wer Putin auch nur ein Wort glaubt, dem ist nicht zu helfen
wie oft hat er und seine korrupte Staatsclique (sein Judofreund baut ja jetzt die Brücke zur Krim wie lächerlich) nun schon bewiesen, daß ihr Wort nur taktieren und darüber hinaus keinen Cent wert ist. Der Weg zurück in die Normalität kann nur die Rückgabe der Krim, sowie Reparationszahlungen an die Ukraine lauten, für das Leid das Putins Terror Banditen dort über Land und Bevölkerung gebracht hat. Es gibt kein zurück zur Normalität als sei nichts gewesen.
aschertel 23.02.2015
5. Realpolitik
Das ist ein ernster und sicher auch ehrlicher Versuch von Russland.Wir in Westeuropa müssen alles tun,den Frieden zu erhalten.Das sind wir besonders unseren Kindern schuldig . Und das funktioniert nur durch Anerkenntnis der realpolitischen Verhältnisse ,so schwer das auch allen mag. Die Ukraine muss den Status quo und die Einflusszone Russlands anerkennen und die EU und die USA sollten dies ebenfalls zu, eine EU-Mitgliedschaft oder gar ein NATO-Beitritt der Ukraine sind auch mittel-langfristig auszuschließen , das gilt im übrigen auch für Georgien und Moldawien.Das würde das weltpolitische Gleichgewicht wiederherstellen.Man sollte sich bei uns auch mal in die russische Seele einfühlen können , nicht umsonst unterstützen mehr als 90% der Russen Putin.
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