Ukraine-Krise Der Kreml und der Fahrplan für den Krieg

Moskau soll die Annexion von Teilen der Ukraine langfristig vorbereitet haben. Diesen Verdacht legt ein Strategiepapier nahe, von dem die "Nowaja Gaseta" berichtet. Der Chefredakteur ist sicher: Das Dokument ist echt.
Wladimir Putin auf der Krim (im Mai 2014): PR-Kampagne für die Intervention

Wladimir Putin auf der Krim (im Mai 2014): PR-Kampagne für die Intervention

Foto: MAXIM SHEMETOV/ REUTERS

Nach Angaben der angesehenen Moskauer Tageszeitung "Nowaja Gaseta" könnte Russland die Eskalation in der Ukraine von langer Hand geplant haben. "Dieses Szenario wurde geschrieben, bevor (der damalige Präsident der Ukraine, Anmerkung der Redaktion) Wiktor Janukowytsch seines Amtes enthoben wurde", sagte der Chefredakteur der Zeitung, Dmitrij Muratow.

Dem Blatt sei ein entsprechendes Strategiepapier aus dem Kreml in die Hände gefallen. Muratow zitierte während einer Sendung des Radiosenders Echo Moskau einige Kernsätze aus dem Papier, das die Ukraine-Strategie des Kreml beschreiben soll. Man müsse "auf die Zentrifugalbestrebungen verschiedener Regionen des Landes setzen, mit dem Ziel, den Anschluss der östlichen Gebiete an Russland zu initiieren." Dabei sei das Hauptaugenmerk auf "die Krim und das Gebiet Charkiw" zu richten. Muratow kündigte an, das Papier in der kommenden Woche zu veröffentlichen.

Brisant an dem Papier: Die "Nowaja Gaseta" datiert seine Erstellung auf einen Zeitraum zwischen dem 4. und 15. Februar 2014. Janukowytsch aber wurde erst später von den Maidan-Revolutionären vertrieben. Das Dokument legt deshalb nahe, dass der Kreml vor dem Sturz ein Drehbuch für den weiteren Verlauf der Ukraine-Krise vorliegen hatte. Moskaus Partner Janukowytsch charakterisieren die Autoren wenig schmeichelhaft als "Menschen ohne hohe Moral und Willensstärke". Mit seinem Sturz sei jederzeit zu rechnen.

In dem Papier ist auch die Rede von einer PR-Kampagne, mit der die Operation begleitet werden müsse, um Russlands Intervention in der Ost- und Südukraine zu rechtfertigen. Tatsächlich hatte der Kreml bislang immer beteuert, die Krim praktisch in einem Akt präventiver Notwehr annektiert zu haben. Die örtliche Bevölkerung habe sich von ukrainischen Nationalisten bedroht gefühlt, so die Lesart des Kreml.

Das Ziel der "Föderalisierung" der Ukraine

Moskaus Ziel - so wird es in dem Papier formuliert - sei die "Föderalisierung" der Ukraine, weiterhin der Beitritt des Südostens der Ukraine zur von Moskau dominierten Zollunion, später dann eine "direkte Souveränität mit anschließender Angliederung an Russland". Chefredakteur Muratow beteuert, man sei sich "der Echtheit des Dokuments absolut sicher".

Die "Nowaja Gaseta" hat auch eine Theorie zur genauen Herkunft des Strategiepapiers. Es sei dem Kreml zugetragen und von mehreren Personen angefertigt worden, darunter ein russischer Oligarch namens Konstantin Malofejew.

Russische Medien hatten seit dem Ausbruch der Krise in der Ukraine mehrfach über Malofejews Rolle spekuliert. Der Journalist Oleg Kaschin berichtete bereits im Mai, Malofejew habe den prorussischen Aufruhr auf der Krim geschürt und dem "Volksbürgermeister" von Sewastopol eine Million Dollar überwiesen.

Unklar bleibt, inwieweit sich der Kreml die Ideen der Autoren des Papiers tatsächlich zu Eigen gemacht hat. Bislang war in der russischen Hauptstadt gemutmaßt worden, Malofejew habe auf eigene Faust gehandelt. Der Geschäftsmann hat Probleme mit den Behörden in Moskau, es wird gegen ihn ermittelt. Malofejew habe die Staatsmacht deshalb mit patriotischen Unternehmungen gnädig stimmen wollen, hieß es.

Die "Nowaja Gaseta" geht davon aus, das Papier sei über Vertraute von Wladimir Putin an den Kreml-Chef herangetragen worden. Und der - so sieht es Chefredakteur Muratow - habe es für gut befunden.

Malofejew ist eine der schillerndsten Figuren der russischen Geschäftswelt. Der 39-Jährige ist Chef des Investment-Fonds "Marshall-Capital". Malofejew bezeichnet sich als "orthodoxen Monarchisten". In Interviews plädiert er dafür, dass Russland sich zum "Rechtsnachfolger des russischen Imperiums" erklären und das Zarentum wieder einführen soll. Die Ukraine hält er für ein "künstliches Gebilde, geschaffen auf den Ruinen des russischen Imperiums".

Malofejew war Anfang 2014 nach Sewastopol auf der Krim geflogen. Er selbst beschreibt den Trip als eine Art Pilgerreise. Damals wurde eine orthodoxe Reliquie auf der Halbinsel ausgestellt. Einen ähnlichen Vorwand hatte auch eine andere Schlüsselfigur der Ukraine-Krise für seine Reise angegeben: Igor Strelkow, später "Verteidigungsminister" der selbsternannten "Volksrepublik Donezk", gab an, die auch in Kiew zur Schau gestellte Reliquie bewundern zu wollen. In Wahrheit habe seine Reise aber "Aufklärungszwecken" gedient, sagt Strelkow heute. Er habe sich ein Bild von den Demonstrationen auf dem Maidan gemacht.

Strelkow und Malofejew verbindet ein gemeinsamer Bekannter. Er heißt Alexander Borodai, hat als PR-Berater für Malofejew gearbeitet und gemeinsam mit Strelkow Artikel für die rechtsnationale Zeitung "Sawtra" geschrieben. Borodai fungierte bis August als Premierminister der "Volksrepublik Donezk".

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