Benjamin Bidder

Kommentar zur Ukraine-Krise Kiew muss aufgeben, um zu siegen

Russland hat der Ukraine einen schmutzigen Krieg aufgezwungen, den sie nicht gewinnen kann. Für Kiew ist es Zeit, den Verlust von Donezk zu akzeptieren - um den Rest des Landes zu retten.
Separatisten weiden einen zerstörten Panzer der ukrainischen Armee aus. Aufgenommen bei Debalzewe, 16. Februar

Separatisten weiden einen zerstörten Panzer der ukrainischen Armee aus. Aufgenommen bei Debalzewe, 16. Februar

Foto: BAZ RATNER/ REUTERS

Die Wortwahl des Präsidenten grenzte an Realitätsverweigerung: Kam zuletzt die Rede auf die umzingelte Stadt Debalzewe, sprach der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko von einem "Brückenkopf". Das hörte sich nach einem gezielten Manöver seiner Militärs an, nach voller Kontrolle.

An der Front war die Wahrheit eine andere. Ein ukrainischer Offizier hat sie Reportern der Nachrichtenagentur UNIAN geschildert. Tote und Verwundete können nicht abtransportiert werden, die Munition wird knapp. "Es gibt fast kein Essen mehr. Die Moral sinkt wegen des Verhaltens der Heeresleitung. Keine Verstärkung, keine OSZE-Beobachter. (...) Wir sind erschöpft."

Debalzewe, der Name des Städtchens wird sich einreihen in die Liste der schweren militärischen Niederlagen der Ukraine. Bis zu 8000 Soldaten waren in Debalzewe eingeschlossen, ein Großteil der kampffähigen Verbände der ukrainischen Armee.

Der Krieg selbst ist die Waffe

Für Präsident Poroschenko wäre es an der Zeit, endlich der Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Die von den Rebellen kontrollierten Gebiete in der Ostukraine sind für Kiew mittelfristig verloren. Die Ukraine kann diesen Krieg nicht gewinnen. Versucht sie es doch, spielt sie ihren Feinden in die Hände. Der Krieg selbst ist die Waffe, mit der Russland die Maidan-Revolution revidieren will.

Der Sieg der Rebellen bei Debalzewe trägt deutlich Moskaus Handschrift. Videoaufnahmen zeigen russische Kampfpanzer des Typs T-72B3. Die Rebellen kämpfen nicht mehr wie früher in losen Verbänden. Sie verfügen inzwischen nach dem Vorbild der russischen Armee über eine klare Struktur und ein gut organisiertes Oberkommando. Und über die russische Grenze kommt immer neue Verstärkung: neue Männer, schwere Waffen.

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Ukraine-Krieg: Der Kessel von Debalzewe

Foto: BAZ RATNER/ REUTERS

Es hilft, an den Ausgangspunkt des Konfliktes zurückzudenken: Im Februar stürzten die Maidan-Revolutionäre den Staatschef Wiktor Janukowytsch und damit jenen Kleptokraten, auf den der Kreml bis zuletzt gesetzt hatte. Im März annektierte Moskau die Krim, im April rückten Freischärler aus Russland in der Ostukraine ein. Der Krieg war die Reaktion des Kreml auf eine Niederlage, die der Maidan ihm beigebracht hatte. Putin wollte die Ukraine in seinem Einflussbereich halten. Als das misslang, entfesselte er den Krieg, um sie wenigstens außerhalb von EU und Nato zu halten.

Sein Kalkül geht bislang auf. Die ukrainische Wirtschaft befindet sich im freien Fall, im Dezember schrumpfte sie um 15 Prozent. Das Land braucht mehr Geld vom Westen als gedacht. Wegen des Krieges kommen viele Reformen nicht recht vom Fleck. Der Konflikt zementiert auch die Macht zwielichtiger Eliten. Niemand kann gleichzeitig Krieg gegen Russland führen und gegen die eigenen Oligarchen.

Die Ideale des Maidan dem Konflikt geopfert

Kiew hat das erste Gesetz des Krieges verinnerlicht: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Der Journalist Ruslan Kotsaba sitzt in Haft, weil er die Einberufung zum Militär kritisiert hatte. Als Ende August ein Reporter über Kiews vernichtende Niederlage im Kessel von Ilowajsk berichtete, warf ihm der Nationale Sicherheitsrat vor, er fahre eine "Kampagne des Feindes".

Präsident Poroschenko hat bereits angekündigt, dass er das Kriegsrecht im ganzen Land einführen will, falls die Waffenruhe scheitert. Wahlen würden dann ausgesetzt, der Sicherheitsrat bekäme weitreichende Befugnisse für Eingriffe in die Pressefreiheit. Ein Jahr nach der Revolution wäre die Ukraine dann auf dem Weg, die Ideale zu verraten, für die die Menschen auf den Maidan gegangen waren.

Die ukrainische Armee sollte deshalb die Waffen strecken. Die Ukraine hat zwar alles, was recht ist, auf ihrer Seite. Aber der Donbass ist verloren - zumindest vorerst. Wenn Poroschenko das nicht versteht, droht er darüber eine viel größere Schlacht zu verlieren: Den Kampf um eine moderne, europäische Ukraine.

Der Westen muss die Ukraine im Gegenzug finanziell massiv unterstützen. Das ist der Preis für Stabilität in der Nachbarschaft der EU. Die Kosten eines Krieges sind in jedem Falle noch höher.

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