Putins Propaganda-Reporter Russisches Blut aus dem Wasserhahn

Präsentation mit bösen Märchen aus der Ukraine: In Berlin stellte sich die von Putin neu formierte Nachrichtenagentur "Rossiya Segodnya" vor - mit erfundenen Bismarck-Zitaten und einer Reporterin, die einst als Janukowitschs Geliebte galt.
Beresowskaja im Film: "Wir verraten nicht unseren Glauben, unsere Sprache"

Beresowskaja im Film: "Wir verraten nicht unseren Glauben, unsere Sprache"

Foto: ukraina.ru

Jung und hübsch, im hellgrauen Designerkleid, sitzt Aljona Beresowskaja am Donnerstagmorgen auf dem Podium. Eigentlich würde die 26-Jährige mit ihrem Handtäschchen eher zu jenen passen, die um diese Zeit draußen auf der Friedrichstraße ihre Shoppingtour beginnen. Doch Aljona Beresowskaja hat eine Mission, und deshalb sitzt sie im Kinosaal des "Hauses der russischen Kultur und Wissenschaft", einem angestaubten Sowjet-Überbleibsel im Herzen Berlins.

Beresowskajas Mission ist es, auch den Menschen im Westen die Augen zu öffnen für die "schreckliche Wahrheit" über die Ukraine. Sie hat deshalb nach ihrer Flucht aus Kiew im März einen Film über ihre Sicht der Maidan-Revolution gedreht. Und deshalb spricht sie mit zitternder Stimme verstörende Sätze wie diesen: "Jedes Mal, wenn ein Russe irgendwo auf der Welt seinen Wasserhahn öffnet, kommt derzeit russisches Blut heraus."

Seit Beresowskaja mit 22 Jahren in den Journalistenpool aufgenommen wurde, der mit Präsident Wiktor Janukowitsch um die Welt reiste, munkelten ukrainische Journalisten über eine Liebesbeziehung der beiden. Beresowskaja bestritt die Liason vehement, allerdings lobte sie Janukowitsch als "klugen, guten Menschen." Inzwischen hat sie jedoch mit ihm gebrochen: "Er hat uns verraten, deshalb will ich nicht mehr über ihn sprechen", erklärte sie in Berlin SPIEGEL ONLINE.

Beresowskajas Film beginnt mit einem Paukenschlag

Unterstützt wird Beresowskaja an diesem Tag von ihrem neuen Arbeitgeber, der staatlichen Nachrichtenagentur "Rossiya Segodnya" (Russland Heute). Deren stellvertretender Chefredakteur Sergej Kotschetkow nimmt den Film zum Anlass, um seine Agentur in Berlin vorzustellen. "Russland Heute" ist die neue mediale Waffe des Kreml: Im Dezember war sie auf Putins Weisung auf Basis der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti gegründet worden, zum Generaldirektor ernannte der Präsident Dmitrij Kisseljow, der zuvor mit Hetzereien gegen Schwule und den Westen zum unbestrittenen Chefpropagandisten Putins im russischen Staatsfernsehen aufgestiegen war.

Beresowskajas Film beginnt mit einem Paukenschlag. Otto von Bismarck, so läuft es da schwarz auf weiß und blutrot untermalt über den Bildschirm, habe folgendes gesagt: "Die Macht Russlands kann nur durch die Abtrennung der Ukraine untergraben werden. Man muss die zwei Teile dieses einigen Volkes gegeneinander aufbringen und zuschauen, wie Brüder ihre Brüder töten werden."

Das einzige Problem: Das Zitat existiert nur in russischen Internetforen, es ist ausgedacht, wie eine Nachfrage bei den Wissenschaftlern der Bismarck-Stiftung ergibt. Der Hinweis bringt das Podium etwas in Verlegenheit. "Russland Heute"-Chef Kotschetkow verweist darauf, dass es sich um einen Autorenfilm handele, Beresowskaja reagiert kratzbürstig. Natürlich habe Bismarck das gesagt, und daran, dass das Gesagte seit über einem Jahrhundert die Maxime der westlichen Politik sei, gebe es ja wohl keinen Zweifel.

Stummer Protest: Demo gegen Filmvorführung in Berlin

Stummer Protest: Demo gegen Filmvorführung in Berlin

Foto: Moritz Gathmann

Der Film ist billigste Propaganda nach Machart des russischen Staatsfernsehens: emotional aufgeladene Bilder, dazu dramatische Musik. Das Bismarck-Zitat dient als Grundthese für den angeblich ewigen Plan des Westens, Russland zu schwächen: die ukrainische Identität - von Österreichern erfunden; Lenins Revolution - von den Deutschen finanziert; dann Sprung ins Jahr 2013 zur Maidan-Revolution - von den Amerikanern lanciert, von "nationalfaschistischen" Ukrainern ausgeführt.

Kichern im Kinosaal

Der Film endet mit einer Einstellung, bei der selbst im eher freundlich gesinnten Kinosaal das ein oder andere Kichern zu hören ist: Aljona Beresowskaja steht da in Camouflage vor einem Kriegsschiff auf der Krim, hinter ihr eine Reihe breitschultriger russischer Soldaten. Die Arme trotzig verschränkt, erklärt sie mit fester Stimme: "Wir Russen verraten nicht unseren Glauben, unsere Sprache und unser großartiges Vaterland."

Aufmerksam lauschten im Saal vor allem Exilrussen, daneben der ein oder andere des Russischen mächtige Ostdeutsche wie ein Physiker aus Frankfurt/Oder, der extra zur Filmvorführung angereist ist. Auch Journalisten waren gekommen, etwa vom Verschwörungstheoriemagazin "Compact" und der linken "Jungen Welt". Die schimpften zunächst heftig auf die deutschen Mainstreammedien, bevor sie ihre wichtigste Frage stellten: Wann sendet RT endlich auf Deutsch?

Man wolle "Monstern wie AP und Reuters" Konkurrenz machen, erklärte Sergej Kotschetkow, und kündigte an, dass bis Dezember dieses Jahres in Berlin ein Büro von "Russland Heute" seine Arbeit aufnehmen werde, mit bis zu fünfzig Mitarbeitern und einem eigenen deutschsprachigen Informationsportal. Markenzeichen der Agentur seien "überprüfte Fakten und hohe journalistische Standards", so Kotschetkow.

Die Präsentation am Donnerstag im Zentrum Berlins lässt das Schlimmste befürchten.

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