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05. Mai 2014, 16:51 Uhr

Vorstoß der Regierungstruppen

Kämpfe um Slowjansk fordern Opfer auf beiden Seiten

Die Kämpfe in der Ostukraine flammen wieder auf: Im Kampf um Slowjansk beklagen beide Seiten Tote, ein weiterer Hubschrauber der Armee wurde abgeschossen. Laut ukrainischem Innenminister halten 800 Separatisten ihre Stellungen in Slowjansk.

Kiew/Berlin - Beim Vorrücken ukrainischer Regierungstruppen gegen die von Separatisten gehaltene Stadt Slowjansk haben beide Seiten schwere Verluste erlitten. Ein Sprecher der selbsternannten, prorussischen Volksmiliz sprach am Montag von etwa 20 getöteten Aktivisten. Auch auf Seiten der Regierungstruppen gab es Tote, wie Innenminister Arsen Awakow sagte. Aus seinem Ministerium verlautete, dass vier Einsatzkräfte getötet und 30 verletzt worden seien.

In Slowjansk nördlich von Donezk, einer strategisch wichtigen Stadt mit einem bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt, sind seit Tagen ukrainische Soldaten mit Panzerfahrzeugen und Hubschraubern im Einsatz.

Am Montag schossen Separatisten erneut einen Helikopter der Armee ab. Die Besatzung des Mi-24 habe den Absturz in einen Fluss überlebt und sei von einem Spezialkommando in Sicherheit gebracht worden, teilte das Verteidigungsministerium mit. Die Separatisten hätten mit großkalibrigen Waffen auf die Maschine gefeuert. Bereits am Freitag waren zwei Mi-24 abgeschossen worden.

Die Separatisten rühmten sich, den Angriff der Regierungstruppen zurückgeschlagen zu haben. "Wir konnten unter großen Anstrengungen ein Eindringen des Gegners in die Stadt verhindern. In unseren Reihen gibt es viele Tote", zitierte die Agentur Interfax am Montag einen Sprecher der Separatisten. Kugeln hätten eine Gastankstelle getroffen, die daraufhin explodiert sei, meldete die Agentur Interfax unter Berufung auf Aktivisten.

Innenminister: 800 Separatisten halten Stellung

Innenminister Awakow sprach von etwa 800 bewaffneten Separatisten, die die Stellungen in Slowjansk hielten. "Sie setzen schwere Waffen ein, schießen mit großkalibrigen Waffen, benutzen Granatwerfer und sonstige Technik", sagte der Minister. Die Regierungstruppen hätten trotz der Gegenwehr den Fernsehturm der Stadt mit 125.000 Einwohnern eingenommen. Nun würden wieder ukrainische Fernsehsender ausgestrahlt.

Trotz der laufenden "Anti-Terror-Einsätze" rechnet die Übergangsregierung in Kiew kaum noch mit einer Rückgewinnung der von Separatisten beherrschten Gebiete. Interimspräsident Alexander Turtschinow machte dafür erneut Russland verantwortlich und warf Moskau Kriegstreiberei vor. Russland versuche die Lage vor der ukrainischen Präsidentenwahl am 25. Mai "völlig zu destabilisieren", sagte Turtschinow dem Kiewer Fernsehsender 5. Kanal.

Turtschinow beklagte, im Osten der Ukraine habe Moskaus Führung ihre Pläne bereits verwirklicht. Er räumte ein, dass es in der Region viele Anhänger einer Abspaltung von der Ukraine gebe. "Sagen wir doch mal ehrlich: Die Bürger dieser Regionen unterstützen die Separatisten, sie unterstützen die Terroristen, was die Durchführung der Anti-Terror-Operation erheblich erschwert."

Nach Warnungen vor Provokationen haben die Demonstranten auf dem Maidan in der Hauptstadt Kiew ihre seit November gehaltenen Stellungen verstärkt.

Uno-Generalsekretär bietet sich als Vermittler an

Unterdessen gibt es neue diplomatische Anläufe zur Beilegung der Krise. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon bot an, zwischen den Konfliktparteien in der Ukraine zu vermitteln. Zugleich rief er bei einem Besuch in Abu Dhabi alle Seiten auf, die Krise "mit friedlichen Mitteln" beizulegen. "Ich bin bereit, dabei meine eigene Rolle zu spielen, wenn das notwendig ist", sagte er. Er habe mit allen betroffenen Parteien gesprochen, den führenden Politikern in der Ukraine, in Russland, in der EU sowie in den USA.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow forderte, das für diesen Dienstag geplante Außenministertreffen des Europarats müsse bei der Umsetzung einer tiefgreifenden Verfassungsreform in der Ukraine helfen. Zudem müsse der Europarat Menschenrechtsverletzungen in der früheren Sowjetrepublik im Zuge des Machtwechsels genau untersuchen. Zu dem Treffen in Wien werden 30 Außenminister erwartet.

In einem "Weißbuch" prangerte das russische Außenministerium schwere Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine an. Anhänger der prowestlichen Regierung würden Gegner mit "Repressionen, physischer Gewalt und offenem Banditentum" einschüchtern. Zudem seien in der Ukraine Ultranationalismus, Extremismus und Neonazismus auf dem Vormarsch.

fab/AFP/dpa/Reuters

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