Umfrage in Russland Putins Meinungsmaschine

Russland kontrolliert seine Medien streng, vor allem die Fernsehsender berichten auf Kreml-Linie. Eine Umfrage zeigt: Die TV-Propaganda zeigt Wirkung. Zwei Drittel der Befragten sehen die Schuld für die Krise beim Westen.
Präsident Putin im russischen TV: Klare Linie

Präsident Putin im russischen TV: Klare Linie

Foto: © Ilya Naymushin / Reuters/ REUTERS

12 Uhr mittags am Donnerstag, die Hauptnachrichten im russischen Fernsehen starten: Sie beginnen mit Berichten über Kämpfe in den Gebieten Donezk und Luhansk, über den Beschuss der Stadtzentren und zivile Opfer. Das ist seit Monaten so. Das ukrainische Militär attackiere, erklärt die Sprecherin. Doch den "Verteidigern der Städte" gelinge es bislang, die Stellung zu halten.

Es folgen emotionale Berichte über ukrainische Flüchtlinge, die zu Hunderten nach Russland fliehen. Als Nächstes wendet sich die Moderatorin den Sanktionen gegen Russland zu. Die Sendung endet mit dem Hinweis auf den Bumerang-Effekt, den die Maßnahmen für die Volkswirtschaften der EU haben würden. Wie immer in den vergangenen Tagen. Als Beweis wird das just vom Verbraucherschutz erlassene Einfuhrverbot für ukrainische Säfte bekannt gegeben.

Es sind Nachrichten, stramm entlang der Linie des Kreml.

Vor allem im Fernsehen, wichtigste Informationsquelle der meisten Russen, ist die Staatsmacht präsent. Die meisten Sender gehören entweder direkt dem Staat oder Kreml-nahen Firmen wie Gazprom. Auch einflussreiche unabhängige Internetmedien wie "Lenta.ru" oder "Gazeta.ru" wurden über die vergangenen Jahre auf Linie gebracht.

Die Wirkung dieser Berichterstattung zeigen jetzt Umfragen des unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Levada. Auf die Frage, wer das Flugzeug MH17 abgeschossen hat, antworten 82 Prozent, es sei die ukrainische Armee gewesen, entweder mit einer Flugabwehrrakete oder einem Kampfflugzeug.

Nur drei Prozent glauben, dass die Aufständischen des Donbass dafür verantwortlich sind. Das entspricht der Linie der Berichterstattung. Dort kommt die Möglichkeit, dass die Aufständischen überhaupt in Besitz von Flugabwehrraketen gewesen sein könnten, nicht vor. Dabei gibt es durchaus starke Indizien, dass die Passagiermaschine - möglicherweise versehentlich - von den Aufständischen abgeschossen wurde.

Als Brandstifter in der Ukraine galt seit den ersten Tagen des Maidan der Westen, in erster Linie die USA. Das spiegelt sich in den Levada-Ergebnissen wider: Der Konflikt im Osten der Ukraine wird von zwei Dritteln der Befragten als Ergebnis der Einmischung des Westens gesehen. Nicht etwa als Resultat der Unzufriedenheit der Bürger mit dem System von Präsident Wiktor Janukowytsch.

Nur drei Prozent sehen eine Einmischung Russlands als Grund für den Konflikt. Dass die Führer der Aufständischen russische Staatsbürger sind, dass an den Seiten der Ukrainer viele Russen kämpfen und Waffen und schweres Kriegsgerät über die russische Grenze in die Ukraine gelangen, wird in den Medien nicht thematisiert.

Die Hälfte der Befragten glaubt an einen dritten Weltkrieg

Gleichzeitig fürchten viele Russen eine Eskalation: Zwei Drittel der Befragten meinen, dass der Konflikt in einen Krieg zwischen Russland und der Ukraine münden könnte. Die Hälfte glaubt sogar an einen dritten Weltkrieg.

94 Prozent der Russen informieren sich über die Ereignisse in der Ukraine in erster Linie über das Fernsehen. Bemerkenswert ist, dass die meisten überzeugt sind, objektiv informiert zu werden. Nur 17 Prozent glauben, dass das Staatsfernsehen ihnen keine objektiven Informationen liefert.

Der Soziologe Denis Volkok arbeitet für das Levada-Zentrum. Für ihn ist klar, wie solche Umfrageergebnisse zustande kommen. "Im Fernsehen wird eine andere Wirklichkeit konstruiert. Dort werden die ukrainischen Einheiten als Faschisten bezeichnet", sagte er dem britischen "Guardian" .

Auch mit der Berichterstattung über die Sanktionen erreicht der Kreml sein Ziel: Knapp zwei Drittel der Russen machen sich keine oder nur wenige Sorgen angesichts der westlichen Strafmaßnahmen. Die Mehrheit der Russen ist überzeugt, dass die Sanktionen nur einen engen Kreis der politischen Führungselite betreffen. Tatsächlich zeigt eine Studie der EU, dass die Strafmaßnahmen Russland allein in diesem Jahr rund 23 Milliarden Euro kosten (1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts). Zudem wird Russland zunehmend Probleme haben, an frisches Geld zu kommen - zuletzt deckten die Banken auf den EU-Finanzmärkten 47 Prozent ihres Kapitalbedarfs.

Auf Rekordniveau sind seit der Angliederung der Krim weiterhin die Umfragewerte von Präsident Wladimir Putin. Mitte Juli ermittelte das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup, dass 83 Prozent der Russen ihren Präsidenten positiv bewerten. Fast drei Viertel der Russen sehen den Kurs der politischen Führung als richtig an. Im Juni sprachen sich laut einer Umfrage des staatsnahen Instituts FOM zwei Drittel der Russen für eine weitere Amtszeit Putins nach 2018 aus. 2012 waren es nur 36 Prozent.

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