Linken-Politiker Gehrcke "Russen haben mehr Verständnis für die Bundesregierung als ich"

Deutschland ringt um den richtigen Umgang mit der Ukraine-Krise. Linken-Fraktionsvize Wolfgang Gehrcke hat in Moskau mit Regierungsvertretern über die Lage gesprochen. Er warnt im Interview davor, Russland noch weiter zu isolieren.
Wolfgang Gehrcke: "Russland will die Lage deeskalieren"

Wolfgang Gehrcke: "Russland will die Lage deeskalieren"

Foto: Bodo Marks/ DPA
Zur Person

Wolfgang Gehrcke, 68, ist Vorstandsmitglied der Linken. Der Fraktions-Vize arbeitete von 1961 bis 1968 als Verwaltungsangestellter bei der Bundesanstalt für Arbeit, anschließend arbeitete er im Verlagswesen, als Journalist und in politischen Funktionen. Als Jugendlicher war er Mitglied in der KPD und der SDAJ, gelangte dann als Gründungsmitglied der DKP und Mitglied der PDS zur Linken-Partei.

Was hat Russlands Präsident Wladimir Putin mit der Ukraine vor? Nach der Annexion der Krim und den Unruhen in der Ostukraine rätselt der Westen über die nächsten Schritte der russischen Führung.

Wolfgang Gehrcke war 1961 als Mitglied der verbotenen KPD zum ersten Mal in der Sowjetunion. In dieser Woche reiste er als Fraktionsvize und Außenpolitiker der Linksfraktion im Bundestag nach Moskau. Er hat dort drei Tage lang mit Vertretern des Außenministeriums, Parlamentsabgeordneten und oppositionellen Intellektuellen über die jüngsten Entwicklungen debattiert.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt Gehrcke vor einer weiteren Isolation Russlands. Eine Lösung des Konflikts sei nur durch einen Dialog mit dem Kreml möglich. Eine russische Militärintervention schließt der Politiker aus.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gehrcke, Sie bezeichnen sich selbst als Russland-Versteher. Warum sollte Deutschland Verständnis für das russische Vorgehen in der Ukraine-Krise haben?

Gehrcke: Russland verstehen, heißt ja zunächst einmal, zu begreifen, warum Russland so handelt. Man muss es ja nicht gut finden. Die Annexion der Krim war völkerrechtswidrig, aber das sieht man in Moskau über die Parteigrenzen hinweg nun einmal anders. An der Zugehörigkeit der Krim wird sich auch nichts mehr ändern - aber man kann zumindest darüber reden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie denn in Moskau auch Deutschland-Versteher getroffen?

Gehrcke: Die Russen hatten mehr Verständnis für die Haltung der Bundesregierung als ich selbst. Ich habe schon zu Außenminister Frank-Walter Steinmeier gesagt: "Ich habe in Moskau drei Tage lang versucht, Sie zu kritisieren. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist."

SPIEGEL ONLINE: Was kritisieren Sie denn an der deutschen Russland-Politik?

Gehrcke: Deutschland muss sich entscheiden, ob es Moskau isolieren oder einbinden will. Ich plädiere ausdrücklich dafür, die Kontakte nach Russland zu vertiefen. Das wird aber derzeit durch die Sanktionen immer schwieriger. Ich habe in Moskau zum Beispiel mit Sergei Mironow, dem Vorsitzenden der Duma-Fraktion Gerechtes Russland, gesprochen. Die bezeichnen sich selbst als sozialdemokratisch und gehören wie die SPD der Sozialistischen Internationalen an. Mironow gehört zum Beispiel zu den Politikern, die nicht mehr in die EU einreisen dürfen, weil er um Verständnis für die russische Politik geworben hatte. Wenn man jetzt die Strafmaßnahmen ausweitet, redet man irgendwann nur noch mit Putin, Ministerpräsident Medwedew und Außenminister Lawrow. Das ist doch absurd!

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland ist die Sorge groß, dass Russland in der Ostukraine ähnlich vorgehen könnte wie auf der Krim.

Gehrcke: Mir haben alle russischen Gesprächspartner gesagt, dass sich das Krim-Szenario nicht wiederholen wird. Es wird keine militärische Intervention in der Ukraine geben. Im Gegenteil ist mein Eindruck, dass Russland großes Interesse an einer Deeskalation der Lage hat. Wir dürfen die Rationalität der russischen Politik nicht unterschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Gehrcke: Russland ist inzwischen bereit, sich auf eine Kontaktgruppe einzulassen und dabei auch mit der ukrainischen Regierung zu sprechen. Moskau will zu einem vernünftigen Umgang zurückkehren.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Linke hat die Annexion der Krim als völkerrechtswidrig kritisiert. Was hält denn Ihre Parteiführung davon, dass Sie mitten in der Krise nach Moskau gereist sind?

Gehrcke: Da gab es keine Differenzen. Wir haben die Reise gemeinsam organisiert und setzen uns nun mit den Ergebnissen auseinander.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Gehrcke sei 1961 als Mitglied der DKP in die Sowjetunion gereist. Tatsächlich war er Mitglied in der seit 1956 verbotenen KPD - die DKP wurde erst 1968 gegründet. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.