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18. Februar 2014, 15:49 Uhr

Ukraine-Krise

Tote bei Krawallen in Kiew - Regierung stellt Ultimatum

Bei Krawallen zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften sind in Kiew offenbar auf beiden Seiten mehrere Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Die ukrainische Führung stellte den Demonstranten ein Ultimatum für ein Ende des gewaltsamen Widerstandes.

Kiew - Erstmals seit drei Wochen hat es in der ukrainischen Hauptstadt Kiew wieder Straßenschlachten zwischen Demonstranten und den Sicherheitskräften der Regierung gegeben. Rund 20.000 Menschen versuchten am Dienstagmorgen, zum Parlamentsgebäude vorzudringen. Auch die Zentrale der Partei von Präsident Wiktor Janukowitsch war ein Ziel der Regierungsgegner.

Als sie von einer Polizeibarriere gestoppt wurden, warfen sie Steine auf Polizisten und setzten zwei Polizeilastwagen in Brand. Die Sicherheitskräfte feuerten daraufhin Blend- und Rauchgranaten ab. Sie setzten auch Tränengas und Gummigeschosse ein. Mit dem Marsch zum Parlament, der Rada, wollten die Demonstranten Druck auf die Abgeordneten ausüben, für eine Verfassungsreform und eine Beschneidung der Macht von Janukowitsch zu stimmen.

Wegen der blutigen Straßenschlachten haben die Behörden die U-Bahn komplett geschlossen. "Alle Haltestellen sind zu. Die Metro fährt nicht mehr", sagte ein Metrosprecher der Agentur Interfax.

Damit drohte der Nahverkehr in der Metropole mit etwa 2,8 Millionen Einwohnern zusammenzubrechen. Zunächst waren vier Metrostationen im Zentrum geschlossen worden. Die Polizei rückte auf die Stellungen der Opposition im Stadtzentrum vor.

Über die genaue Zahl der Opfer gibt es unterschiedliche Angaben. Oppositionsärzte berichteten von drei getöteten Demonstranten. Die Regierungsgegner seien durch Schüsse ums Leben gekommen, sagte Oleg Mussiji, Chef des Ärzteteams der Opposition. Außerdem wurden demnach mindestens 150 Demonstranten verletzt. Einem Demonstranten habe eine Hand amputiert werden müssen. Die meisten Verletzungen gingen auf den Einsatz von Blendgranaten durch die Bereitschaftspolizei zurück, sagten die Ärzte.

Russland gibt dem Westen die Schuld

Die Parlamentsabgeordnete Lesja Orobets berichtete per Facebook ebenfalls von drei Getöteten. Weitere sieben Personen seien schwer verletzt worden und dem Tode nahe.

Das Innenministerium berichtete dagegen, bei den Krawallen seien fünf Sicherheitsbeamte durch Schüsse schwer verletzt worden. 37 weitere Polizisten wurden demnach von Demonstranten attackiert. In der Stellungnahme des Ministeriums hieß es, Demonstranten hätten ebenfalls versucht, das Parlamentsgebäude zu stürmen. Von einem gegenüberliegenden Haus warfen sie angeblich Rauchbomben in das Parlament, Beamte seien aus den Fenstern gesprungen.

Zwei weitere Leichen wurden vor dem Eingang der Metro-Station "Kreschatnik" gefunden, nur wenige Meter vom Unabhängigkeitsplatz entfernt, berichtet die Nachrichtenagentur "Interfax". Das berichtete ein Fotograf der Agentur Reuters. Bei den Toten soll es sich um einen 50-Jährigen und eine 60-Jährige handeln. Außerdem berichten Augenzeugen von einer kopflosen Leichen, die auf den Barrikaden gefunden wurde.

Die ukrainische Regierung stellte den Protestteilnehmern ein Ultimatum: Die Demonstranten hätten zwei Stunden Zeit, um ihre gewaltsamen Proteste zu beenden, erklärten das ukrainische Innenministerium und der Staatsschutz. Ansonsten würden die Sicherheitskräfte ab 18 Uhr (Ortszeit, 17 Uhr MEZ) zu "schwerwiegenden" Maßnahmen greifen, um die Gewalt zu stoppen.

Gerüchte, Janukowitsch habe die Ukraine in einem Flugzeug verlassen, dementierte Parlamentschef Wladimir Rybak in einer ersten Stellungnahme. "Morgen wird sich der Präsident mit den Oppositionsführern treffen. Das Treffen wird auf 11 Uhr angesetzt", so Rybak. Eine geplante Parlamentssitzung wurde jedoch abgesagt.

Seit Monaten protestieren Zehntausende Regierungsgegner in der Ukraine gegen die prorussische Politik von Präsident Wiktor Janukowitsch. Sie fordern eine engere Anbindung an die Europäische Union.

Für die jüngste Eskalation der Gewalt machte die russische Regierung den Westen verantwortlich. Westliche Politiker und europäische Institutionen verschlössen die Augen vor den aggressiven Aktionen radikaler Kräfte und duldeten deren Vorgehen, erklärte das Außenministerium in Moskau am Dienstag. An die Opposition appellierte Russland, den Dialog mit der Regierung zu suchen, anstatt Drohungen zu äußern und Ultimaten zu stellen.

als/cth/vek/dpa/AFP/Reuters

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