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04. September 2001, 16:35 Uhr

Ukraine

Mordanklage gegen Ex-Premier

Pawel Lasarenko, ehemaliger Premierminister der Ukraine, ist in seiner Heimat wegen Mordes angeklagt worden. Lasarenko sitzt im Moment in einem Gefängnis in den USA und wartet dort auf die Fortführung seines Prozesses wegen Geldwäsche - bei dem es um eine dreistellige Dollar-Millionensumme geht.

Sitzt in einem US-Gefängnis: Pawel Lasarenko
DPA

Sitzt in einem US-Gefängnis: Pawel Lasarenko

Moskau - Lasarenko war von 1996 bis 1997 Premierminister der Ukraine, bis er sich mit Präsident Leonid Kutschma zerstritt. Seitdem reißen die skandalösen Enthüllungen um seine Person nicht ab. Der Name Lasarenko ist ein Symbol für die Korruption bis in höchste Posten hinein. Der Skandal um ihn droht in der Ukraine noch weiteren Schaden anzurichten. Auch Präsident Kutschma könnte von ihm noch erreicht werden.

Ein Gericht in Kalifornien verhandelt gegen Lasarenko wegen Vorwürfen der Geldwäsche und des Betrugs in 53 Fällen. Der heute 48-Jährige soll laut amerikanischen Gerichtsakten Beträge in Höhe von Hunderten Millionen Dollar aus dem ukrainischen Staatshaushalt abgezogen und auf Konten in die Schweiz, auf Antigua und in die USA umgeleitet haben. In der Ukraine gehen die Schätzungen der veruntreuten Summen bis in Milliardenhöhe.

Auslieferung beantragt

Auch Schweizer Behörden ermitteln gegen den Ex-Premier und fordern seine Auslieferung. Lasarenko hat in den USA politisches Asyl beantragt und immer wieder erklärt, der jetzige Präsident Kutschma habe von allen Geschäften gewusst und große Summen von ihm erhalten. In der Ukraine läuft seit 1999 ein Verfahren gegen ihn - offensichtlich zieht er aber Untersuchungshaft und einen Prozess in den USA den Gerichten seiner Heimat vor. Erst vor kurzem hatte ein Kiewer Gericht der Frau und den Kindern Lasarenkos deren dortige Wohnung entzogen. Familie Lasarenko lebt in der Nähe San Franciscos in einer Villa mit 41 Zimmern.

Die Ukraine habe die Auslieferung Lasarenkos beantragt. Den ursprünglichen Korruptionsvorwürfen hat jetzt Generalstaatsanwalt Michail Potebenko aber noch wesentlich ernstere Anklagepunkte hinzugefügt. Er will Lasarenko wegen mehrfachen Mordes vor Gericht bringen. Kein anderer als der ehemalige Premierminister nämlich soll hinter den Morden am ehemaligen Vorsitzenden der ukrainischen Nationalbank, Wadim Getman, und an Jewgenij Schterban stecken.

Schterban wurde 1996 am Flughafen von Donezk erschossen, am selben Tag wie sein amerikanischer Geschäftspartner Paul Tatum in Moskau, dem er bei der Übernahme des Hotels Radisson Slawjanskaja in Moskau geholfen hatte. Wie später, 1998, beim Mord an Getman gab es deutliche Hinweise auf Profikiller, die den Auftrag ausgeführt haben sollen.

Lasarenko hatte nach seiner Entlassung als Premierminister die Oppositionspartei "Hromada" geleitet. Er gilt als persönlicher Feind des Präsidenten, mit dem er vorher jahrelang eng zusammengearbeitet hatte. 1997 hatten Unbekannte versucht, ihn mit einer ferngezündeten Bombe zu töten. Ein Jahr darauf war er bei der Einreise in die Schweiz mit einem gefälschten Pass aus Panama festgenommen worden, zwei Wochen später aber gegen Kaution freigekommen. Im Februar 1999 wurde er bei der Einreise in die USA mit einem abgelaufenen Diplomatenpass wiederum festgenommen. Seither sitzt er dort in Haft.

Die Mordvorwürfe ließ er über seine Anwälte als "absurd" dementieren. Der Fall Lasarenko ist neben der Affäre um die Ermordung des regimekritischen Journalisten Georgij Gongadse ein weiterer schwerer Imageschaden für die Ukraine.

(www.MOSKAU.ru/Hermann Scholz)

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