Poroschenko und Selensky vor der Stichwahl in der Ukraine Schlammschlacht im Stadion

Zum Ende des Wahlkampfs in der Ukraine treffen Präsident Poroschenko und sein Herausforderer Selensky im Stadion aufeinander - die Art der Auseinandersetzung der beiden lässt für die Stichwahl am Sonntag nichts Gutes erahnen.

Brendan Hoffman/Getty Images

Aus Kiew berichtet


"Ich bin nicht ihr Gegner. Ich bin ihr Urteil", ruft Wolodymyr Selensky seinem Konkurrenten zu.

"Sie sind eine Puppe eines Oligarchen", keilt Petro Poroschenko zurück. Es wird persönlich im Olympiastadion in Kiew, in dem die beiden erstmals in diesem Wahlkampf aufeinandertreffen. Da stehen der Amtsinhaber Poroschenko, umringt von Soldaten, Veteranen und seiner Familie auf der einen Seite, der Herausforderer und TV-Produzent Selensky mit Freunden und Familie auf der anderen Seite der Bühne.

Immerhin befinden sich die zwei auf einer Bühne. Anfangs war das noch anders, jeder stand auf seiner eigenen Bühne, die dort aufgebaut wurden, wo sonst die Tore bei den Fußballspielen sind. Sie ließen sich von ihren Anhängern bejubeln, die sich davor im Innenraum des Stadions versammelten, bewacht von Polizisten, die Lager der Politiker getrennt durch Extra-Zäune in der Mitte der Arena.

Dieser Spalt sagt einiges über die Stimmung im Land aus, in dem seit Wochen ein Wahlkampf um das höchste Amt der Ukraine ausgetragen wird, der zuletzt immer emotionaler, gar hysterisch wurde. Vor Auseinandersetzungen im Stadion wurde gar gewarnt.

AP

Es ist eine TV-Debatte für den Abend angekündigt. Doch was die rund 22.000 Gäste in der Arena, die Zuschauer an den Fernsehern und im Internet - selbst in Russland wird das Ereignis übertragen - zu sehen bekommen, markiert einen Tiefpunkt in diesem ohnehin schon schmutzig geführten Wahlkampf.

Das Russland-Thema

Eine Schmutzkampagne, sogenannte schwarze PR, hat die Ukraine erfasst, im Zentrum vor allem der Herausforderer Selensky: Der TV-Produzent wird als Drogenabhängiger abgestempelt, als einer, der die Ukraine an den Kreml verkaufen will. Es tauchten Meldungen mit fragwürdigen Quellen auf, er habe angeblich Geld aus Russland erhalten. Alles frei erfunden sei das, sagt sein Stab.

Doch Poroschenko, der zu Selensky auf die Bühne kommt, spielt auch am Freitagabend genau diese Russland-Karte, um seinen Herausforderer erneut in ein schlechtes Licht zu rücken. Putin wolle sich die Ukraine holen, warnt Poroschenko. Das Land brauche einen starken Staatschef, der es beschütze - er meint sich selbst und stempelt damit Selensky zugleich als schwach ab. Wo denn sein Herausforderer gewesen sei, als 2014 der Krieg im Donbass mit den von Moskau unterstützten Kämpfern begonnen habe. Warum er sich der Mobilisierung entzogen habe. "Sie lügen", sagt Selensky. Er sei im Osten in der Einsatzzone bei den Soldaten aufgetreten, sei kein einziges Mal in Russland nach Ausbruch der Gefechte gewesen. "Warum ist der Krieg noch nicht vorbei? Sie sind doch der Oberbefehlshaber", kontert er.

Der wütende Kampf des Amtsinhabers

Poroschenkos Stab hat dafür gesorgt, dass der Amtsinhaber im Stadion gefühlt die Überhand hat, weil er einfach mehr Anhänger vor Ort hat, die Selensky immer wieder mit Rufen übertönen. Doch mit der Realität außerhalb der Arena hat das wenig zu tun. In den Umfragen liegt Poroschenko weit abgeschlagen mit 27 Prozent zurück, Selensky führt haushoch mit 73 Prozent.

Poroschenko, der sich kämpferisch gibt und ein guter Redner ist, scheint um sein Erbe zu kämpfen. Lange Zeit hat er nicht realisiert, dass er die Unterstützung im Land verloren hat, nun ringt er wütend um jeden Prozentpunkt, der zumindest den Abstand zu seinem Gegner verringern könnte.

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Präsidentschaftswahl in der Ukraine: Poroschenko und die Armee

Neu gegen alt

Der Präsident hat viel mit sich machen lassen in diesem Wahlkampf, nicht immer war es des Amtes eines Staatschefs würdig. Er ließ sich gleich zweimal vor Kameras Blut abnehmen, um es auf Alkohol und Drogen zu untersuchen zu lassen, ließ sich am vergangenen Sonntag im Stadion schon mal feiern, nachdem Selensky abgelehnt hatte, zu kommen.

Der hat es vermocht Poroschenko den Wahlkampf zu diktieren. Dabei hat Selensky diesen nur im Internet in den sozialen Medien geführt - mit der Botschaft, er werde die Ukraine in eine gute Zukunft ohne Korruption mit wirtschaftlichen Wachstum führen. Ansonsten hat er sich rargemacht, kaum Interviews gegeben, kein konkretes Programm vorgestellt, weiter seine Witze bei seinem Comedyshows über Poroschenko und das politische System des Landes gemacht.

Selensky: "Ich bin das Ergebnis Ihrer Fehler"

So kämpfte Poroschenko gegen einen Gegner, jung, ohne politische Erfahrung, der Hoffnung auf Veränderung macht, den er nie richtig zu greifen bekam, auch weil der Wunsch in der Ukraine auf Veränderung so groß erscheint. Poroschenko kann diesen aber nicht mehr erfüllen, gilt doch der 54-Jährige als alt, weil er schon so lange Teil der Machtelite ist.

Selensky fasst das mit den Worten zusammen: "Ich bin das Ergebnis Ihrer Fehler." Gemeint ist vor allem Poroschenkos mangelnder Wille, die Korruption im Land zu bekämpfen - der Besetzung des Antikorruptionsgerichts stimmte er erst nach der ersten Wahlrunde zu. "Ich bin kein Politiker", sagte der 41-Jährige. "Ich bin einfach ein normaler Mensch, der gekommen ist, um dieses System zu stürzen."

Die Frage ist, wohin mit all den Emotionen nach dem 21. April? Die Verletzungen werden nach der Stichwahl bleiben, wie wird vor allem der Verlierer damit umgehen? Vermutlich wird das Poroschenko sein. Der will das alles noch nicht so recht wahrhaben. Er fühlt sich im Stadion als Gewinner der Debatte: "Wir werden siegen", ruft der Amtsinhaber. Seine Anhänger applaudieren - am Sonntag dürfte der Beifall weitaus leiser ausfallen.

Mitarbeit: Katja Lutska

insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
gammoncrack 19.04.2019
1. Das kann ja heiter werden.
"In den Umfragen liegt Poroschenko weit abgeschlagen mit 37 Prozent zurück, Selensky führt haushoch mit 73 Prozent." Wenn das das Endergebnis wird, vermute ich hitzige Diskussionen bezüglich einer korrekten Wahl.
m.klagge 19.04.2019
2. Es ist sicher gut für die Menschen
in der Ukraine wenn mit Poroschenko die kriegslüsterne Marionette des Imperiums aus der offiziellen Politik verschwindet. Falls es an Poroschemkos üblem Charakter liegt, dass er selbst bei den geneigten Medien nicht länger der strahlende Held ist, wäre das gut. Anderseits kann auch ein regelmäßiger Mediennutzer nicht wissen, ob bei der Wahl nur eine gescheiterte Marionette gegen eine unverbrauchte ausgetauscht werden soll. Die Darstellungen in den imperialen Medien sind erschreckend Selensky freundlich. Also abwarten. Das Plutonium in Tschernobyl zerfällt nur ganz langsam.
adsoftware 19.04.2019
3. Gerade hat Russland ein Öl- und Gas-Embargo gegen die Ukraine verhängt
Es ist egal, wer gewinnt. Die Ukraine ist im Untergang begriffen, es sei denn, sie ändert ihre feindselige Haltung zu Russland. Wenn Poroschenko verliert, sollte er schnell ins amerikanische oder israelische Asyl flüchten, sonst könnte er für lange Zeit im Knast verschwinden. Die Ukraine ist kein Staat, sondern nur ein Spielball fremder Mächte. So ist das eben, wenn man keine eigene Geschichte aufweisen kann.
anja-boettcher1 20.04.2019
4. Vielleicht einfach mal einhalten:
Der Regime-Change in der Ukraine erweist sich immer mehr als Realsatire - und hat, genau besehen, damit zu dem gleichen Ergebnis geführt wie all die anderen seit 1989 auch: Von Freunden aus dem Balkan weiß ich, dass dort nur mafiöse Gebilde sind, denen die jungen Leute weglaufen. Im Nahen Osten hat jeder US-Eingriff nur zu Chaos geführt. NIcht nur das - inwzischen ist auch die US-Führung selbst eine Karrikatur und in Europa gleichen ihr immer mehr, ob Orban oder die Köpfe der PSiS. Vielleicht ist schlicht, auch wenn man es hier nicht wahrhaben will, mit dem Zusammenbruch des einen Pfleilers der Nachkriegsordnung auch der andere dysfunktional geworden, d.h., dass er nach einer Logik funktioniert, die einfach nicht mehr greift, die keine stabile Staatlichkeit mehr bewerkstelligen kann? Vielleicht müssen wir ganz neu nachdenken - wozu ja auch Klimakatastrophen uns zwingen werden, denn endloses Wachstum, das Mantra des Kapitalismus, lässt eine Welt begrenzter natürlicher Ressourcen nicht mehr zu. Es muss eine gemeinsame Anstrengung aller noch funktionierenden Staaten geben, endlich die Probleme anzupacken, gegen die die Schüler mit Recht demonstrieren. Dafür ist auch jede Konfrontationspolitik, in Europa oder Asien, kontraproduktiv. Das einzusehen, sind offensichtlich die USA weniger bereit als alle anderen. Auch die Korrekturfähigkeit ist dort geringer als irgendwo sonst. Deshalb müssen wir endlich unser Umfeld wahrnehmen. Auch die Ukraine wird nur zur Ruhe kommen, wenn Russland und Europa gemeinsam an Stabilität arbeiten. Die Eskalationsweltmesiter in Washington, erst recht in dem Zustand des Trumpismus, sind hier nur kontraproduktiv.
dunnhaupt 20.04.2019
5. Die Ukrainer genießen den demokratischen Wahlkampf
Die junge Demokratie Ukraine steigt enthusiastisch ein in die neue Freiheit, anders als unser deutsches Herdenvolk, das sich eine Mutti sucht, die uns stets sagt, wo es lang geht.
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