Protest in der Ukraine Krieg der Krachmacher

Die Demonstranten in der Ukraine haben eine neue Protestmethode entwickelt: schiere Lautstärke. Sie lassen über Verstärker die Nachrichten laufen und drehen den Ton so weit auf, dass den Polizisten die Ohren schmerzen. Die kontern mit Militärmusik.

DPA

Kiew - Die Regierungsgegner in der Ukraine greifen bei ihrem Protest auf schiere Lautstärke zurück. Im Zentrum der Hauptstadt Kiew spielen sie rund um die Uhr Nachrichten von ihnen wohlgesonnenen Fernsehsendern ab. Die Lautstärke drehen sie so weit auf, dass den nur wenige Meter weiter postierten Polizisten die Ohren schmerzen.

Doch die Polizei schlägt jetzt mit gleichen Waffen zurück: mit einem Mix aus sowjetischer Militärmusik aus dem Zweiten Weltkrieg und Schlager-Ohrwürmern. "Wir haben ein gutes Soundsystem, aber deren Lautsprecher ist noch lauter", klagt ein vermummter Aktivist namens Vadim, der seinen Nachnamen aus Furcht vor Repressalien nicht nennen will.

Die Beschallung mit den Nachrichten erfolgt Vadim zufolge zu dem Zweck, bei den Polizisten Verständnis für die Demonstranten zu wecken. Allerdings mache er sich wenig Hoffnung: "Die haben eine andere Weltsicht. Sie halten uns für böse, für Feinde. An den Nachrichten zeigen sie kein Interesse."

Oppositionsführer Vitali Klitschko sprach sich im Machtkampf mit der Regierung für den Aufbau ziviler Streifen aus. "Bildet Bürgerwehren in jedem Hof, in jedem Bezirk, in jedem Haus", forderte Klitschko am Sonntag vor deutlich mehr als 10.000 Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan) in Kiew.

Der Ex-Boxweltmeister betonte: "Alle demokratischen Kräfte müssen den Protest vor die Gebietsverwaltungen tragen." Die Gegner des Präsidenten Wiktor Janukowitsch werfen der Führung vor, Schlägerbanden anzuheuern, die mit brutaler Gewalt für Chaos sorgen sollen.

Bulatow in Vilnius im Krankenhaus

Der nach eigenen Angaben gefolterte ukrainische Oppositionelle Dmitro Bulatow traf am Sonntagabend in der litauischen Hauptstadt Vilnius ein. Er wurde mit einem Krankenwagen zu einer Klinik gefahren. Eine Erklärung gab Bulatow, der über die lettische Hauptstadt Riga anreiste, nicht ab.

Ein Gericht in der Ukraine hatte Bulatow am Sonntagnachmittagdie Ausreise für eine medizinische Behandlung gestattet. Die Behörden werfen ihm die Organisation gewaltsamer Proteste vor. Er stand deshalb unter Hausarrest, wurde aber medizinisch betreut.

Bulatow war am Donnerstag schwer verletzt in einem Dorf außerhalb Kiews aufgetaucht. In Sendern des ukrainischen Privatfernsehens schilderte er, wie Unbekannte ihn verschleppten und tagelang schwer folterten. Das Innenministerium schloss dagegen nicht aus, dass er die Entführung lediglich inszeniert habe. Der ukrainische Außenminister Leonid Koschara sagte während der Sicherheitskonferenz in München am Wochenende sogar, Bulatow sei "bei guter Gesundheit" und habe nur eine "Schramme an der Wange".

In den vergangenen Wochen waren mehrere Oppositionsaktivisten verschleppt und zusammengeschlagen worden, die Leiche eines Oppositionellen wurde mit Folterspuren in einem Wald gefunden. Eine Nichtregierungsorganisation in der Ukraine beziffert die Zahl der verschwundenen Aktivisten auf 33.

Janukowitsch will zurück an den Schreibtisch

Die Europäische Union und die USA arbeiten laut der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton an einem Plan für erhebliche kurzfristige Finanzhilfen für die Ukraine. Ashton sagte dem "Wall Street Journal" in München, Ziel des Hilfspakets sei es, dem Land in einer Übergangsphase zu helfen. Während dieser Zeit könne eine Übergangsregierung wichtige politische und wirtschaftliche Reformen vorantreiben und Präsidentenwahlen vorbereiten.

Janukowitsch will nach tagelanger medizinischer Betreuung im Lauf des Tages seine Arbeit wieder aufnehmen. Er war wegen Fiebers und Atemwegsproblemen in einer Klinik behandelt worden, wie es aus seiner Verwaltung hieß.

Die Proteste in Kiew hatten begonnen, als Janukowitsch Ende November 2013 ein historisches Partnerschaftsabkommen mit der EU auf Druck Russlands platzen ließ. Nachdem der Staatschef Mitte Januar demokratische Freiheiten einschränken ließ, eskalierten die Proteste. Bei Straßenschlachten zwischen radikalen Regierungsgegnern und der Polizei gab es mindestens vier Tote und Hunderte Verletzte. Die Opposition fordert Janukowitschs Rücktritt und lehnt Zugeständnisse wie eine an Auflagen geknüpfte Freilassung festgenommener Protestierer ab.

ler/AFP/dpa

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apfelkorn 03.02.2014
1. Was ist das Ziel?
Klitschko spielt mit dem Feuer. Eine Europäisierung der Ukraine bedroht den Weltfrieden und ein weiterer Krisenherd in der russischen Einflusssphäre kommt hinzu. Russland muss sich um die Hegemonie Europas Sorgen machen und wenn Putin falsch reagiert, dann haben wir den Salat.
hadykhalil@web.de 03.02.2014
2. Encounter?
Von der Münchner Sicherheitskonferenz gehen leider nur Unsicherheitsimpulse für die Ukraine aus.Ich glaube Oppositionsführer Klitschko hat zu lang mit Us Verteidigungsminister Hagel gefrühstückt. Vor einigen Tagen hat er noch dazu aufgerufen die besetzten ministerien wieder zu räumen, weil das eine Provokation sei und darum ginge es ja nicht. Er konnte sich damit nicht durchsetzen. Nun hat Janukowitsch und das Parlament seinerseits provoziert, indem es die Freilassung von inhaftierten Oppositionellen von Räumung der besetzten Amtsgebäude zur Bedingung macht und zur Bildung von Paramilitärischen Gruppen aufrief.(Volksfront). Im Sinne gewaltfreien Widerstands kann die Antwort nicht sein zur Bildung von Bürgerwehren aufzurufen. Gewaltfreier Widerstand kann nur erfolgreich sein, wenn man kompromislos bei der Linie bleibt, nicht nur nicht unangemessen provoziert, sondern sich auch nicht unter keinen Umständen provozieren lässt. Die Bildung Paramilitärischen Gruppen von Regierungsseite ist Wasser auf die Mühlen gewaltbereiter Protestierer. (Stimmt das das da auch rassistische und faschistische Gruppen Teil der Protestierer sind?). Das die angeschlagene ukrainische Regierung versucht Spaltpilze zu sähen, um dann gegen einzelne Gruppen besservorzugehen , ist erfahrungsgemäss die bekannte Vorgehensweise. Der Aufruf zur Bildung einer Volksfront, also bewaffneter Büärgerwehren zeigt, das die Regierung skrupelos genug ist für ihr Überleben das ganze Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Die Opposition darf nicht in diese Falle tappen. Es zeigt allerdings auch, das die Regierung mit dem Rücken zur Wand steht und früher oder später aufgeben muss, wenn sich die Opposition nicht diskreditieren lässt. Die Opposition kann diese Situation nutzen, um sich klar von den gewaltbereiten Kollegen zu distanzieren. Es kann doch auch bei einem Regierungswechsel nicht darum gehen einen völligen Bruch mit Russland zu vollziehen, sondern sich im Interesse des Ukrainischen Volkes mehr unabhängigkeit von dem starken Nachbarn zu bewirken. Wieso sichert "die EU" der Opposition 15 MRD Euro zu? Verschärft und provoziert damit den Konflikt und läuft Gefahr die Ukraine in eine ungewisse Zukunft auszuliefern, oder will die EU Russlands finanzielle Unterstützung der Ukiraine übernehmen? Wer hat überhaupt diese Zusage gegeben. Habe nichts gehört von einer Sondersitzung des EU Parlaments das 15 MRD Euro für…? Freigibt.
hadykhalil@web.de 03.02.2014
3. Encounter? 2
Will die EU jetzt auch die Kosten für die Sicherung des Sarkopharks von Tschernobyl übernehmen? Da reichen die 15 MRD aber nicht. Mal den Kommissar für Entbürokratisierung fragen, wer cdiese unbürokratische Zusage gemacht hat.Was passiert, wenn die Ukraine in einen Bürgerkrieg abrutscht mit Tschernobyl. Schonmal drüber nachgedacht? Ich verstehe auch nicht wieso sich Schwule missbrauchen lassen um gegen Russland zu Felde zu ziehen oder die russland unfreundliche Haltung der deutschen Medien. Es ist ja vielleicht eine reflexhafte Reaktion aus Kalten Krieg Zeiten. Im Zuge der NSA Affaire will man vielleicht Amerika zeigen, das man nicht Antiamerikanisch ist, indem man sich Antirussisch gibt? Bei aller berechtigter Kritik an der Menschenrechtslage in Russland, dieses Riesen fast nicht zu kontrollierendem Reich, auch die beiden Boxweltmeister werden auch mit vereinten Kräften nicht stark genug auf den Ural einschlagen können, das die Geologie sich erbarmt, die Ukraine Polen überspringt und zu unserem Nachbarn macht. Auch Claudia Rot, die sich gestern so entrüstete bei Berlin direkt wird Tschnobyl nicht von ihrem Gehalt zahlen wollen und vielleicht auch nochmal lernen, das man nicht immer was sagen muss, wenn einem ein Mikrophon vor die Nase gehalten wird. Abgesehen davon ist wohl eher die russisch orthodoxe Kirche für die homophobe Haltung und der Verwechslung von Homosexualität und Pedophilie verantwortlich und nicht der Präsident, glaube ich.
Rudolf_56 03.02.2014
4. RE: Lautstärke
Zitat von sysopDPADie Demonstranten in der Ukraine haben eine neue Protestmethode entwickelt: schiere Lautstärke. Sie lassen über Verstärker die Nachrichten laufen und drehen den Ton so weit auf, dass den Polizisten die Ohren schmerzen. Die kontern mit Militärmusik. Ukraine: Polizei und Opposition beschallen sich lautstark - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-polizei-und-opposition-beschallen-sich-lautstark-a-950712.html)
In einer Diktatur würde einfach der Strom abgestellt. Dann könnten die Freiheitskämpfer radeln und mit dem Dynamo Strom erzeugen. Geht auf Dauer etwas über die Kräfte. Sonst nichts Neues im Osten, lieber SpOn?
klaus64 03.02.2014
5. Verhandlungn auf der Straße ?
Wie soll denn eine Befriedung der Ukraine aussehen ? Soll die gewählte Regierung + Präsident mit Klitschkos Bürgerwehren, die von den USA und der EU unterstützt werden auf der Straße verhandeln ? Wenn der "demokratieversessene Westen" etwas Vernunft an den Tag gelegt hätte, wäre ein Aufruf zur Mäßigung an beide Seiten und das Angebot zur Unterstützung bei Verhandlungen an neutraler Stelle sinnvoll gewesen. Es gibt nun mal historisch gesehen, einen westlich und einen östlich geprägten Teil der Ukraine. Deshalb könnten EU und Russland als Vermittler auftreten. Die USA wohl nicht. Wenn Demokratie in der Zukunft von der Straße ausgehen soll, dann sollten sich alle Regierungen aber warm anziehen, dann stehen die Menschen eventuell auch bald vor dem Weißen Haus in Washington - mit Unterstützung Russlands natürlich !
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