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01. April 2019, 09:37 Uhr

Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine

Denkzettel für Poroschenko

Aus Kiew berichtet

Der Komiker Selensky düpiert bei der Präsidentschaftswahl die politische Elite in der Ukraine. Viele lieben den Quereinsteiger - doch Amtsinhaber Poroschenko wird in der zweiten Runde dagegenhalten.

Wolodymyr Selensky muss ein zweites Mal ran. So richtig überzeugt hat er nicht bei seinem ersten Auftritt.

Es sei "der erste Schritt hin zu einem großen Sieg", sagte der 41-Jährige. Seiner Ehefrau Jelena schickte er einen Kuss und dann dankte er noch allen, die "nicht aus Jux" für ihn gestimmt haben. Mehr sagte Selensky nicht. Dabei hat er den ersten Wahlgang bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine den Prognosen zufolge klar für sich entschieden.

Selensky ist damit gelungen, was vor wenigen Monaten kaum jemand für möglich hielt: Er hat mit dem Einzug in die Stichwahl große Chancen, der nächste Präsident der Ukraine zu werden - und das ohne jegliche politische Erfahrung. Denn bisher spielte er nur den Staatschef.

Doch Selensky wirkt irgendwie steif und unbeholfen, wie er da vor den Hunderten von Kameras und Journalisten steht. So, als ob er nicht so richtig wisse, wohin mit sich. Dabei haben sich seine Leute redlich Mühe gegeben, alles so lässig wie möglich aussehen zu lassen: In einer schicken Sportsbar in Kiew reichen sie Snacks und Drinks, bei Housemusik spielt Selensky eine Runde Tischtennis mit einem Journalisten. Das ist schön für die Bilder. Aber die Berichterstatter wollen mehr.

Also schicken die Berater Selensky - umringt von seinen Bodyguards - nochmal raus auf die Bühne. Dieses Mal wirkt er vorbereiteter, kämpferischer.

Nach nur fünf Minuten verlässt er die Bühne wieder, aber zumindest im zweiten Anlauf hat er den Ton für die Stichwahl gesetzt.

Politiker in Lehre

Selensky muss sich als Politiker noch finden. Bisher ist er dem Politikerdasein auch im Wahlkampf weitgehend aus dem Weg gegangen: Er machte einfach weiter wie bisher, tourte mit seinem Comedy-Team durchs Land und zog in Witzen über seine Konkurrenten her. Kundgebungen und Interviews gab er nicht, ließ sich regelrecht abschotten, Berater für sich sprechen. Dafür veröffentlichte er Selfie-Videos auf seinen Social-Media-Kanälen und die neue Staffel seiner beliebten Fernsehserie "Sluga Naroda" ("Diener des Volkes").

Dort spielt der Komiker den manchmal tollpatschigen, aber fleißigen und vor allem unbestechlichen Präsidenten. Viele glauben, dass genauso auch der Kandidat Selensky ist. Die Grenzen zwischen Show und Politik sind bei ihm fließend: Woran man bei Selensky ist, ob man dem Komiker oder dem Kandidaten gegenübersteht - man weiß es nicht. Und so kann jeder in ihm sehen, was er mag.

Viele Ukrainer sehnen sich nach einer neuen Politik im Land, nach einem neuen Gesicht. Das sieht man auch daran, dass Langzeitpolitikerin Julija Tymoschenko bei dieser Abstimmung die große Verliererin ist. Selensky bedient die Hoffnung auf einen Neuanfang, weil er so unverbraucht, so positiv wirkt, wenn er über die schöne Zukunft des Landes spricht. Wenn er seinen Zuschauern sagt, sie - die Menschen im Land -, seien das Wichtigste. Er verspricht ihnen ein "neues Leben - ohne Korruption, ohne Schmiergeld".

Dass er die Abstimmung in weiten Teilen des Landes mit so großem Abstand gewinnt, zeigt, wie groß der Wunsch nach Veränderung ist. Und den kann auch das Poroschenko-Lager nicht länger ignorieren.

Selenskys Erfolg = Poroschenkos Krise

Die Menschen sind enttäuscht vom aktuellen Präsidenten, dessen Krise Selenskys Chance ist. Poroschenko hatte nach dem blutigen Machtwechsel auf dem Maidan 2014 viel versprochen, aber wenig davon eingelöst. Den Kampf gegen die Korruption führt er nur halbherzig. Ihm gelang es nicht, den Krieg im Donbass, den von Moskau unterstützte Kämpfer kontrollieren, zu beenden. Wichtige Justizreformen zögerte er lange heraus.

Poroschenkos Image vom dynamischen Unternehmer und Macher hat sich in weiten Teilen des Landes - außer in der Westukraine und in Kiew, wo er noch große Unterstützung genießt - abgenutzt. Er ist inzwischen einer von vielen Vertretern der postsowjetischen Machtelite, dazu ein Oligarch, der mit Süßigkeiten und Rüstungsgütern sein Geld gemacht hat.

Dass die Ukraine ein geringes Wirtschaftswachstum trotz des Kriegs im Osten vermelden kann, Reformen im Bildungs- und Gesundheitssektor angegangen ist, spielt kaum eine Rolle in der Wahrnehmung der Menschen.

Aufgeben wird Poroschenko dennoch nicht. Dass der 53-Jährige es in die Stichwahl am 21. April geschafft hat, obwohl sein Zuspruch im Osten des Landes gering ist, ist bemerkenswert. Seine patriotische Kampagne hat Erfolge gezeigt. Poroschenko scheint sich inzwischen auf einer Mission zu wähnen, nach der er allein es vermag, die Ukraine zu beschützen, die ukrainische Sprache und den Glauben zu bewahren. Und so inszeniert seine Kampagne ihn auch. Allerdings gab es auch Hunderte Anzeigen wegen mutmaßlicher Manipulationen bei der Wahl, gerade gegen das Lager von Poroschenko.

Trotzdem wurden bereits in den vergangenen Tagen Stimmen laut, dass Poroschenko trotz aller Kritik doch die einzige richtige Wahl sei: eine Lösung der Vernunft, die wichtiger sei als die Wahl eines neuen Gesichts aus Protest. Die Ukraine brauche in diesen Zeiten einen Profipolitiker an der Spitze, so der Tenor. Schließlich befinde sich das Land in einer wirtschaftlichen Krise, hänge von internationalen Krediten ab. Im Osten sterben fast täglich ukrainische Soldaten, die Krim ist von Russland annektiert. Schwere Aufgaben also für den neuen Präsidenten.

Wie will Politik-Neuling Selensky diese lösen? Bisher hat der Kandidat dazu wenig Konkretes gesagt, nur ein thesenartiges Programm veröffentlicht. Vielleicht wird man mehr von ihm in einer direkten Debatte erfahren. Viel wird davon abhängen, wie sich der Kandidat Selensky dort schlagen wird. Es wird seine erste sein.

Mitarbeit: Katja Lutska

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