Stichwahl um Präsidentenamt in der Ukraine Denkzettel für Poroschenko

Der Komiker Selensky düpiert bei der Präsidentschaftswahl die politische Elite in der Ukraine. Viele lieben den Quereinsteiger - doch Amtsinhaber Poroschenko wird in der zweiten Runde dagegenhalten.

Valentyn Ogirenko / REUTERS

Aus Kiew berichtet


Wolodymyr Selensky muss ein zweites Mal ran. So richtig überzeugt hat er nicht bei seinem ersten Auftritt.

Es sei "der erste Schritt hin zu einem großen Sieg", sagte der 41-Jährige. Seiner Ehefrau Jelena schickte er einen Kuss und dann dankte er noch allen, die "nicht aus Jux" für ihn gestimmt haben. Mehr sagte Selensky nicht. Dabei hat er den ersten Wahlgang bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine den Prognosen zufolge klar für sich entschieden.

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Präsidentschaftswahl in der Ukraine: Ein Erfolg für den Komiker

Selensky ist damit gelungen, was vor wenigen Monaten kaum jemand für möglich hielt: Er hat mit dem Einzug in die Stichwahl große Chancen, der nächste Präsident der Ukraine zu werden - und das ohne jegliche politische Erfahrung. Denn bisher spielte er nur den Staatschef.

Insgesamt sind zur Wahl 39 Kandidaten angetreten. Kein Kandidat hat die absolute Mehrheit erreicht. Am 21. April kommt es demnach zu einer Stichwahl zwischen Selensky und Poroschenko.

Doch Selensky wirkt irgendwie steif und unbeholfen, wie er da vor den Hunderten von Kameras und Journalisten steht. So, als ob er nicht so richtig wisse, wohin mit sich. Dabei haben sich seine Leute redlich Mühe gegeben, alles so lässig wie möglich aussehen zu lassen: In einer schicken Sportsbar in Kiew reichen sie Snacks und Drinks, bei Housemusik spielt Selensky eine Runde Tischtennis mit einem Journalisten. Das ist schön für die Bilder. Aber die Berichterstatter wollen mehr.

Selensky beim Tischtennisspielen
GENYA SAVILOV/ AFP

Selensky beim Tischtennisspielen

Also schicken die Berater Selensky - umringt von seinen Bodyguards - nochmal raus auf die Bühne. Dieses Mal wirkt er vorbereiteter, kämpferischer.

  • Erstens: Er sei keine Marionette eines Oligarchen, wie zuvor von Amtsinhaber Petro Poroschenko behauptet. Gemeint ist mit dem Oligarchen Ihor Kolomojsky, mit dessen Sender 1+1 Selenskys Produktionsfirma Verträge hat.
  • Zweitens: Es sei doch eher die Frage, unter wessen Einfluss Poroschenko stehe. Vertraute des Präsidenten hatten mitten im Krieg gegen Russland billige Waffenteile bei Russen beschafft und überteuert an die ukrainische Armee verkauft.
  • Drittens: Ja, er sei bereit für eine Debatte mit Poroschenko.

Nach nur fünf Minuten verlässt er die Bühne wieder, aber zumindest im zweiten Anlauf hat er den Ton für die Stichwahl gesetzt.

Politiker in Lehre

Selensky muss sich als Politiker noch finden. Bisher ist er dem Politikerdasein auch im Wahlkampf weitgehend aus dem Weg gegangen: Er machte einfach weiter wie bisher, tourte mit seinem Comedy-Team durchs Land und zog in Witzen über seine Konkurrenten her. Kundgebungen und Interviews gab er nicht, ließ sich regelrecht abschotten, Berater für sich sprechen. Dafür veröffentlichte er Selfie-Videos auf seinen Social-Media-Kanälen und die neue Staffel seiner beliebten Fernsehserie "Sluga Naroda" ("Diener des Volkes").

Dort spielt der Komiker den manchmal tollpatschigen, aber fleißigen und vor allem unbestechlichen Präsidenten. Viele glauben, dass genauso auch der Kandidat Selensky ist. Die Grenzen zwischen Show und Politik sind bei ihm fließend: Woran man bei Selensky ist, ob man dem Komiker oder dem Kandidaten gegenübersteht - man weiß es nicht. Und so kann jeder in ihm sehen, was er mag.

Viele Ukrainer sehnen sich nach einer neuen Politik im Land, nach einem neuen Gesicht. Das sieht man auch daran, dass Langzeitpolitikerin Julija Tymoschenko bei dieser Abstimmung die große Verliererin ist. Selensky bedient die Hoffnung auf einen Neuanfang, weil er so unverbraucht, so positiv wirkt, wenn er über die schöne Zukunft des Landes spricht. Wenn er seinen Zuschauern sagt, sie - die Menschen im Land -, seien das Wichtigste. Er verspricht ihnen ein "neues Leben - ohne Korruption, ohne Schmiergeld".

Dass er die Abstimmung in weiten Teilen des Landes mit so großem Abstand gewinnt, zeigt, wie groß der Wunsch nach Veränderung ist. Und den kann auch das Poroschenko-Lager nicht länger ignorieren.

Selenskys Erfolg = Poroschenkos Krise

Die Menschen sind enttäuscht vom aktuellen Präsidenten, dessen Krise Selenskys Chance ist. Poroschenko hatte nach dem blutigen Machtwechsel auf dem Maidan 2014 viel versprochen, aber wenig davon eingelöst. Den Kampf gegen die Korruption führt er nur halbherzig. Ihm gelang es nicht, den Krieg im Donbass, den von Moskau unterstützte Kämpfer kontrollieren, zu beenden. Wichtige Justizreformen zögerte er lange heraus.

Poroschenkos Image vom dynamischen Unternehmer und Macher hat sich in weiten Teilen des Landes - außer in der Westukraine und in Kiew, wo er noch große Unterstützung genießt - abgenutzt. Er ist inzwischen einer von vielen Vertretern der postsowjetischen Machtelite, dazu ein Oligarch, der mit Süßigkeiten und Rüstungsgütern sein Geld gemacht hat.

Dass die Ukraine ein geringes Wirtschaftswachstum trotz des Kriegs im Osten vermelden kann, Reformen im Bildungs- und Gesundheitssektor angegangen ist, spielt kaum eine Rolle in der Wahrnehmung der Menschen.

Petro Poroschenko
Ukrinform/ imago

Petro Poroschenko

Aufgeben wird Poroschenko dennoch nicht. Dass der 53-Jährige es in die Stichwahl am 21. April geschafft hat, obwohl sein Zuspruch im Osten des Landes gering ist, ist bemerkenswert. Seine patriotische Kampagne hat Erfolge gezeigt. Poroschenko scheint sich inzwischen auf einer Mission zu wähnen, nach der er allein es vermag, die Ukraine zu beschützen, die ukrainische Sprache und den Glauben zu bewahren. Und so inszeniert seine Kampagne ihn auch. Allerdings gab es auch Hunderte Anzeigen wegen mutmaßlicher Manipulationen bei der Wahl, gerade gegen das Lager von Poroschenko.

Trotzdem wurden bereits in den vergangenen Tagen Stimmen laut, dass Poroschenko trotz aller Kritik doch die einzige richtige Wahl sei: eine Lösung der Vernunft, die wichtiger sei als die Wahl eines neuen Gesichts aus Protest. Die Ukraine brauche in diesen Zeiten einen Profipolitiker an der Spitze, so der Tenor. Schließlich befinde sich das Land in einer wirtschaftlichen Krise, hänge von internationalen Krediten ab. Im Osten sterben fast täglich ukrainische Soldaten, die Krim ist von Russland annektiert. Schwere Aufgaben also für den neuen Präsidenten.

Wie will Politik-Neuling Selensky diese lösen? Bisher hat der Kandidat dazu wenig Konkretes gesagt, nur ein thesenartiges Programm veröffentlicht. Vielleicht wird man mehr von ihm in einer direkten Debatte erfahren. Viel wird davon abhängen, wie sich der Kandidat Selensky dort schlagen wird. Es wird seine erste sein.

Mitarbeit: Katja Lutska

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Romulus 01.04.2019
1. Denkzettel nennen Sie das
Wenn nicht in der 2. Runde massiv gefälscht wird - wovon leider auszugehen ist - dann wird Poroschenko mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Immerhin hat er die Ukraine in die Spaltung und in den Bürgerkrieg geführt. Wirtschaftlich ist es schlimmer, als zu Janukovitsch Zeiten.
merlion666 01.04.2019
2. Interessante Details
Ein ungewöhnlich schmutziger Wahlkampf ist zu Ende. Unregelmäßigkeiten bei der Stimmauszählung sind vorbereitet und wahrscheinlich Die Ukraine ist in den vergangenen Jahren im Morast steckengeblieben. Vielleicht geben die Wahlen neuen Schwung, sich zu befreien (Die Kandidaten)? ......... Die zentrale Wahlkommission besteht in ihrer großen Mehrheit aus Gefolgsleuten Poroschenkos. Vertreter des "russlandfreundlichen" "Oppositionsblocks" gehören ihr gar nicht an, obwohl dieser rund ein Achtel der Wähler repräsentiert. Der mächtige Innenminister sowie die starke Partei Timoschenkos werden Verfälschungen des Wählerwillens entgegentreten, zumindest Unregelmäßigkeiten zugunsten Poroschenkos. Andererseits: Timoschenkos Partei konnte nicht einmal verhindern, dass "Juri" zur Wahl zugelassen wurde, um "Julija" Stimmen wegzunehmen. Das stärkste Indiz für anstehende Manipulationen ist: Die Zentrale Wahlkommission hat erklärt, die Zahl der Wahlberechtigten liege lediglich um 80.000 niedriger als 2010. Wie das? Die Bevölkerungszahl ist doch stark gefallen. Das legt den Verdacht nahe: Verstorbene oder Fortgezogene nutzen, um in deren Namen Wahlscheine mit dem Kreuz an der richtigen Stelle einzuwerfen? Da scheinen die "Toten Seelen" zu grüßen. Nikolai Gogol kam aus der Ukraine. Ukrainer, die im Ausland leben, können weltweit in den Botschaften und Konsulaten ihre Stimme abgeben. Außer in Russland. So fallen schon mal bis zu drei Millionen Stimmen weg. Die Kiewer Zentrale Wahlkommission lehnte auch die Forderung der OSZE-Wahlbeobachtungsmission ab, bei den Wahlen 24 Bürger Russlands als internationale Wahlbeobachter zuzulassen. Immerhin Österreich hat dies offiziell kritisiert. Zuvor hatte die Ukraine einem österreichischen Reporter des ORF die Einreise verweigert. Er hatte die Politik Kiews kritisiert. Poroschenko dürfte auf eine sehr niedrige Wahlbeteiligung hoffen. Zum einen erleichtert dies Manipulationen. Zum anderen erhöht es seinen Prozentsatz bei der Abstimmung, denn seine Anhänger könnten stärker motiviert zur Wahl zu gehen als die anderer Kandidaten: Das Vaterland ist in Gefahr! Poroschenko muss sich Sorgen um das Wetter machen: Bei Schneeregen blieben vielleicht Viele daheim, der Wetterbericht sagt für den Wahlsonntag aber Sonnenschein und Temperaturen bis zu 15 Grad vorher. Brenzlig wird es, falls Poroschenko bei dem von der Zentralen Wahlkommission abgesegneten Wahlergebnis knapp vor Timoschenko liegen sollte. In diesem Fall wird sie ihre Anhänger zu Demonstrationen aufrufen, insbesondere wenn sie auf den dritten Platz verwiesen wird, weil "Juri" ihr zu viele Stimmen weggenommen hat. (Christian Wipperfürth) mehr unter: https://www.heise.de/tp/features/Die-Ukraine-am-Tag-der-Praesidentschaftswahlen-4356462.html
butzibart13 01.04.2019
3. Komiker als Präsidenten
Die Ukraine möchte einen Neuanfang mit jungen Leuten. Der machtgierigen bissigen Timoschenko traut man nicht, Poroschenko gilt als korrupter Oligarch, der nicht viel erreicht hat, also warum nicht einen sich wenig festlegenden Komiker wählen. Schließlich gibt es in der Welt noch Komiker, die zum Präsidenten wurden, siehe Jimmy Morales von Guatemala. Der bekannteste Präsident der Welt sollte mal lieber im Fernsehen als Komiker einen Präsidenten spielen: Donald Trump.
kodu 01.04.2019
4. Selenskys Sieg ist ein Schlag gegen politische "Eliten"...
...und ihre Hintermänner, so, wie es schon die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten oder die Martin Sonneborns ins EU-Parlament war. Die Liste ließe sich fortsetzen. Den Ukrainern wird das letztliche Ergebnis nach der Stichwahl vermutlich wenig helfen, egal wie es ausgeht. Da der hilflose und mit massiven Galubwürdigkeitsproblemen belastete Poroschenko und dort der Quereinsteiger, dem man wünscht, daß er den Laden tatsächlich ausmistet, aber von dem man befürchten muss, daß ihn die Aufgabe bei weitem überfordern wird. Vor allem aber ist Selenskys Erfolg eine Absage an den vom Westen in Kiew wiederholt initiierten "Regime Change". Wenn es ein Signal an uns Europäer gibt, dann das, daß wir die Finger aus den Angelegenheiten der Ukraine lassen sollten, weil wir sonst alles nur noch schlimmer machen.
zweitakterle 01.04.2019
5. Seltsam....
dass immer vom "Komiker" gesprochen wird. Sollte damit suggeriert werden, wie wenig ernstzunehmend die Kandidatur Selenskys gegenüber dem Milliardär Poroschenko einzustufen ist? Wäre nach dem bisherigen Verlauf von dessen Regentschaft interessant zu erfahren, wie dieser seine Milliarden gemacht hat.
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