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Putins TV-Fragemarathon Auftritt eines Siegers

Es ging um die Ukraine, natürlich. Aber auch um den NSA-Skandal und das Verhältnis zum Westen: Gutgelaunt stellte sich Russlands Präsident Wladimir Putin in einem TV-Studio stundenlang Fragen - inszenierte Bürgernähe.

Einmal im Jahr stellt sich Wladimir Putin den Fragen von ausgewählten Bürgern und eines handverlesenen Publikums in einem TV-Studio. Dutzende Anrufer werden durchgestellt und berichten von ihren kleinen und großen Sorgen: Putin verspricht Hilfe für Behinderte und Einladungen für die große Siegesparade am 9. Mai auf dem Roten Platz.

Die Studiogäste saßen auch in diesem Jahr im Kreis um Putin. Der Kremlchef hat über die Jahre einen stramm hierarchisch geführten Staat geschaffen, in dem Bürger wenig Einfluss nehmen können. Der Studio-Kreis ist Putins Gegenmodell zur Pyramide der Macht, ein paar Stunden demonstrierte Bürgernähe.

Der Kreml hat das Format über die Jahre perfektioniert. Die Veranstaltung bringt dem Präsidenten Sympathien bei vielen Russen ein, Journalisten in Moskau aber regelmäßig an den Rand des Wahnsinns. Putins Fragestunde zusammenzufassen ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Die Mitschrift vermittelt ein Gefühl von der Länge, der Kreml stellt sie auf russisch ins Internet. Sie umfasst 27.000 Wörter und füllt 79 Seiten.

Als der Osten der Ukraine noch Neurussland hieß

Hätte Putins TV-Marathon 2014 das Inhaltsverzeichnis, das er so dringend bräuchte, dann müsste die Krim natürlich ein Kapitel füllen und eines die Krise in der Ukraine. Edward Snowden bekäme ein paar Seiten, ebenso ein Appell an die "einfachen Menschen in Deutschland". Es gäbe eine Abhandlung von Putins Zorn auf den Westen. Man würde sie durch die unbedarfte Frage eines Kindes auflockern, weil das Kapitel sonst arg langatmig geriete, angesichts der langen Liste von Russlands vermeintlich und tatsächlich erlittenen Kränkungen, die der Präsident bei jeder Gelegenheit wiederholt.

Natürlich ging es um die schwere Krise in der Ostukraine. Nicht Mächte aus dem Ausland sollten nach einem Kompromiss suchen, sondern "die unterschiedlichen politischen Kräfte in der Ukraine selbst", sagte Putin. Nur um im nächsten Atemzug die Übergangsregierung in Kiew daran zu erinnern, dass der Osten und Süden des Landes schon zu Zeiten der Zaren von Moskau regiert worden sei und bekannt war als "Noworossija - Neurussland".

Er ließ auch durchblicken, dass der alte Name neue Aktualität gewinnen könnte. Der Kreml behält sich die Entsendung von Truppen in das Nachbarland vor: Der Föderationsrat habe ihn dazu ermächtigt, sagte Putin.

Er hoffe aber,"dass ich nicht dazu gezwungen sein werde, das zu tun". Forderungen des Westens, die Separatisten im Gebiet Donbass sollten ihre Waffen niederlegen, erteilte der Kreml-Chef eine Abfuhr: "Das ist ein richtiger, wunderbarer Aufruf, aber dann müssen sie erst ihre Armee von der Zivilbevölkerung zurückziehen." Den nächtlichen Feuerüberfall bewaffneter Separatisten auf einen Stützpunkt des ukrainischen Militärs erwähnte er nicht.

"Der einfache Mensch in Deutschland spürt Falschheit sofort"

Im Falle der Krim gab der Kreml-Chef das Offensichtliche zu: Ja, die seltsam schweigsamen Kämpfer in grüner Kluft seien in Wahrheit russische Soldaten gewesen. Das brachte ihm demonstrativ Lob ein von Irina Chakamada, einem Studiogast. Chakamada hat 2004 bei Präsidentschaftswahlen gegen Putin kandidiert, nun findet sie nur freundliche Worte für den ehemaligen Konkurrenten: "Sie sind ein Sieger. Ich gratuliere Ihnen zu dieser glänzenden Operation ohne einen einzigen Schuss", sagte Chakamada.

Auch Putin hat offenbar die Umfragen gelesen, laut denen eine Mehrheit der Deutschen Sanktionen ablehnt. Putin wandte sich daher - wie schon bei seiner Krim-Rede - direkt an die Bürger der Bundesrepublik und anderer EU-Länder. Der "einfache Mensch in Deutschland, Frankreich und Italien spürt Falschheit sofort", sagte der Kreml-Chef. Der Bürger ist klüger als seine Regierung, war die Botschaft.

Russlands Position sei "vollkommen offen und ehrlich, transparent, und deshalb ist es für uns einfacher, sie den Bürgern direkt zu vermitteln als gewissen Anführern". Über die transatlantisch orientierten Regierungen Westeuropas sagte Putin, es sei "schwierig, mit Leuten zu verhandeln, die sogar zu Hause untereinander nur flüstern, weil sie Angst haben, dass die Amerikaner sie abhören".

Das war eine Anspielung auf den NSA-Abhörskandal. Dessen Schlüsselfigur kam zu einem kurzen Gastauftritt bei Putins TV-Marathon. Per Videoschalte reichte Whistleblower Edward Snowden seine Frage ein: Ob nicht auch Russland "die Kommunikationsdaten von Millionen Menschen abfängt"?

"Nur mit gerichtlicher Zustimmung. So etwas wie in den USA kann es bei uns nicht geben", antwortete Putin.

"Würde Obama Sie retten?"

Die Diskussion über das Verhältnis zu Washington gewann an Schwung, als eine Sechsjährige ihre Frage stellte. Wenn Putin und Barack Obama schwimmen gehen würden und der Russe drohe wider Erwarten zu ertrinken, "würde Barack Obama Sie dann retten?" Das wollte Albina wissen, ein Mädchen aus Russland, sie schaffte es mit ihrer Frage in die TV-Fragestunde.

Putin hatte da schon mehrere Stunden lang Zahlen heruntergerattert und mit dem Zeigefinger Löcher in die Luft gebohrt. Er warf dem Westen vor, von Russland das Einhalten internationaler Spielregeln zu fordern, die Amerika und Europa selbst seit oft genug verletzt hätten: im Kosovo, Jugoslawien, Afghanistan, Irak, lauter Schlachtfelder.

Albinas Frage aber brachte Putin zum Lachen. Er antwortete, er habe keinen Zweifel, dass Obama ihm helfen würde. Putin sagte aber auch, er hoffe inständig, nie in eine solche Situation zu geraten. Offen bleibt, ob er damit das Ertrinken meinte oder eine Lage, in der er angewiesen sein könnte auf die Hilfe seines Amtskollegen aus Washington.

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