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24. Februar 2014, 19:05 Uhr

Krise in der Ukraine

Putins schwerste Entscheidung

Eine Analyse von

Die Lage in der Ukraine bleibt hochgefährlich - auch für Wladimir Putin. Sollten die rechten Kräfte in der Opposition weiter erstarken, müsste er handeln: Kein Russe würde es ihm verzeihen, wenn etwa die Krim aus Russlands Einflussbereich verschwände. Der Präsident steht vor seiner größten Herausforderung.

Für einen Moment wirkte Wladimir Putin entspannt, zufrieden und stolz. Beim Treffen mit den Champions der russischen Olympiamannschaft in Sotschi lobte er deren "triumphale" Ergebnisse: 13 Goldmedaillen, 11 silberne und 9 bronzene Auszeichnungen. Die Sportler verkörperten "die Würde" Russlands, lobte der Kremlchef.

Die erfolgreichen Spiele bedeuten viel für das Selbstwertgefühl eines Landes, das sich noch vor anderthalb Jahrzehnten am Rande des Zerfalls befand. Damals hatten, nur wenige hundert Kilometer von Sotschi entfernt, in Tschetschenien bewaffnete Separatisten eine Gangsterrepublik geschaffen.

Die Nachfolger der Aufständischen machen noch immer den Nordkaukasus mit Anschlägen unsicher. In Sotschi aber gelang es mit einem gewaltigen Sicherheitsaufwand, Terroranschläge zu verhindern. Die Spiele verliefen friedlich. Ein überdimensionaler Bär pustete zur Abschlussfeier im Stadion von Sotschi die Olympische Flamme aus.

Die Fackel des drohenden Bürgerkrieges aber, die derzeit durch die benachbarte Ukraine getragen wird, kann kein russischer Bär löschen.

Ohne die Ukraine direkt zu erwähnen, sprach Putin am vergangenen Donnerstag im Kreml auf einer Festveranstaltung zum Tag der Vaterlandsverteidiger über die Lage in der Welt. Russland, so der Präsident, sollte "nicht nur wachsam sein, sondern bereit für jede Entwicklung der Ereignisse". Viele seiner Zuhörer werden dabei auch an die Ukraine gedacht haben.

Appell an die "Brüder" in der Ukraine: Assoziiert euch nicht mit der EU

Wie wichtig ihm das unmittelbare Nachbarland ist, hat Putin im vergangenen Jahr mehrmals deutlich gemacht. Bei einem Besuch in Kiew im Juli 2013 hielt Putin eine Rede auf einer Konferenz über "orthodox-slawische Werte". Dabei rühmte er "unsere gemeinsamen Vorfahren", die durch die Übernahme des orthodoxen Christentums eine "Wahl für die ganze heilige Rus" getroffen hätten. Er verwies auf die Vereinigung der Ukraine mit Russland im 17. Jahrhundert.

Und Putin sprach darüber, welchen kulturellen und wirtschaftlichen Aufschwung die Ukraine im Zarenreich und innerhalb der Sowjetunion genommen habe. Über die Opfer der brutalen sowjetischen Kollektivierung der Landwirtschaft sprach er nicht. Die Botschaft seines Geschichtsvortrags war in die Zukunft gerichtet: Die "gemeinsame Vergangenheit" solle "die Grundlage für den Aufbau neuer Integrationsverbindungen" sein. Der Appell an die "Partner, Freunde und Brüder" in der Ukraine war eindeutig: Sie sollten sich nicht mit der EU assoziieren, sondern der Zollunion Russland mit Kasachstan und Weißrussland anschließen.

"Wir sind ein Volk"

Auf einer Sitzung des internationalen Expertenclubs "Waldai" ging Putin im September 2013 noch weiter. Dort sagte er über Russen und Ukrainer: "Wir sind ein Volk." Begründung: Beide hätten neben gemeinsamer Geschichte auch eine gemeinsame Mentalität und Kultur sowie sehr verwandte Sprachen.

Doch der damalige ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch verhielt sich gegenüber Russland wie eine Braut, die sich schon auf der Verlobungsfeier nach wohlhabenderen Partnern umsieht. Putins strategisches Problem im Umgang mit Kiew bestand in einem Erbübel, das einst den Untergang das Sowjetimperiums beschleunigte: Moskau unterstützte in Partnerländern immer wieder Strolche, bis das Volk sie davonjagte.

Das Bild, das Kreml-nahe Ukraine-Experten derzeit zeichnen, ist düster. Zwar kennt man den amtierenden Präsidenten Alexander Turtschinow in Moskau als einen Pragmatiker, der sich um ein sachliches Verhältnis zu Russland bemüht. Doch die neue politische Führung in Kiew, so Experten an der Moskwa, habe kaum Chancen, die Lage zu stabilisieren. Denn das Land steht am Rande des Staatsbankrotts. Die russischsprachigen Provinzen im Osten fürchten die rechtsextremen russophoben Nationalisten des "Rechten Sektors", die rasant Zulauf bekommen. In Kiew kontrollieren sie bereits die Straßen.

Wunsch nach Schutz durch die "russischen Brüder"

Geschichtsbewusste Russen erinnert die Lage in Kiew an das revolutionäre Chaos der Jahre 1917/18, das der Schriftsteller Michail Bulgakow in seinem Roman "Die weiße Garde" meisterhaft beschrieben hat.

Je mehr der ukrainische Staat zerfällt und je mehr sich die östlichen und südlichen Regionen, vor allem die Krim von Kiew abkoppeln, desto stärker wächst das Bedürfnis von Millionen russischer Menschen nach Schutz durch die "russischen Brüder" im Osten.

Die Gefahr einer Konfrontation Russlands mit dem Westen, die in dieser Entwicklung liegt, ist Putin und seinen außenpolitischen Strategen präsent. Aber ihnen ist auch bewusst, dass die jetzige, noch vergleichsweise gemäßigte Führungsriege in Kiew wegen Unfähigkeit und Korruption leicht Opfer der nächsten "revolutionären" Welle werden kann.

Diese Welle würde aller Wahrscheinlichkeit nach die straff organisierten Ultranationalisten des "Rechten Sektors" in Kiew an die Macht spülen. Deren Führer Dmitri Jarosch erhielt am Sonnabend auf dem Maidan in Kiew mehr Beifall als Julija Timoschenko. All das wird in Moskau sorgsam registriert.

Auf der Krim, in der von Russen bewohnten Hafenstadt Sewastopol, befindet sich die Schwarzmeerflotte der russischen Streitkräfte. Kein Russe würde es Putin verzeihen, wenn er diese Stadt, die Flotte und die Familien der Marinemänner in die Hände ukrainischer Nationalisten fallen ließe. Er könnte schon bald vor der schwersten Entscheidung seines Lebens stehen.

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