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Clowns und der Krieg: Einsatz für ein Lächeln

Foto: Till Mayer

Traumatisierte Kinder in der Ukraine Kaspern gegen den Krieg

Krieg, Flucht, Vertreibung. Die Clowns von Red Noses setzen dem Elend Ukulele, ein Märchen und ein Lächeln entgegen. In der Ukraine helfen sie mit Workshops, die das Herz berühren.

Elena Komarova sammelt sich. Sie holt tief Luft, als würde sie abtauchen wollen. "Wir feiern gerade ein trauriges Jubiläum", sagt die 38-Jährige in ihrer kleinen Küche in Kiew. Dann erzählt sie von der Flucht aus Luhansk vor drei Jahren. Damals kreischten die Kampfflugzeuge über den Dächern, die Artillerie grollte. Das Beben der Einschläge konnten die Komarovas unter ihren Füßen spüren. Von Russland unterstützte Separatisten kämpften in der Ostukraine gegen die Staatsarmee um jeden Meter.

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Foto: Till Mayer

Der Foto-Journalist Till Mayer  setzt sich mit Langzeitfolgen von Kriegen auseinander. Im Erich-Weiß-Verlag erschienen dazu die Bildbände "Abseits der Schlachtfelder" und "Barriere:Zonen". Die Wanderausstellung "Barriere:Zonen"  kann von Schulen, Universitäten und Institutionen entliehen werden. Für sein humanitäres Engagement als Journalist wurde er mehrfach ausgezeichnet.

Die Flucht der Familie in die Hauptstadt gelingt, doch ihr erster Tag in Sicherheit wird zur Katastrophe. In einer nahe gelegenen Uni knallt ein Feuerwerk, um die Absolventen zu verabschieden. "Die Kinder sind vor Angst unter den Tisch gekrochen. Wir haben alles versucht, wir haben sie nicht mehr hervorbekommen", sagt Mutter Komarova. Für die studierte Psychologin ist der Tag eine traumatische Erfahrung. Der Krieg lässt sich nicht abschütteln, er bleibt nicht zurück. "Meine Kinder so zu sehen, zu wissen, was mit ihnen passiert ist. Es war furchtbar", sagt sie.

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Dann herrscht Stille in der Küche. Komarova schlägt die Hände vor das Gesicht. Vom Wohnzimmer klingen Kinderstimmen herüber. Zwischen einer völlig überladenen Schrankwand und zwei durchgesessenen Schlafsofas wuseln der sechsjährige Semen und die einjährige Lyubava über staubig-grünen Teppichboden. Kleine Autos sausen über den Boden, ein Plastikbagger gräbt sich durch einen Berg Spielzeugsoldaten. Die große Schwester Olga sitzt auf der Couch und beobachtet das Geschehen scheinbar beiläufig aus den Augenwinkeln. Ihr Smartphone spielt russische Schnulzen, und das Mädchen singt mit.

Elena Komarova und ihr Mann Vyacheslav sorgen sich um ihre Kinder. In der Klasse wird Olga gehänselt. Jetzt wechselt das Mädchen die Schule. "Sie mögen uns Kinder aus dem Osten nicht", sagt die Zehnjährige fast beiläufig. Aber dann senkt sie doch traurig den Kopf, blickt auf ihr Smartphone. Dort spielen weiter die Schlager.

Mehr als 150.000 Vertriebene sind in Kiew untergekommen. Für viele gelten sie als Eindringlinge in einer Stadt, die für ihre Einwohner schon ohne Menschen auf der Flucht nicht schnell genug wächst. Die Flüchtlinge mussten ihr komplettes Leben zurücklassen, viele müssen in der Hauptstadt unter harten Bedingungen zurechtkommen. Große Sprünge sind nicht drin, auch nicht in der Freizeitgestaltung. Gemacht wird, was nichts kostet. Das heißt meist: Spielplatz oder eben die enge Wohnung.

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Clowns und der Krieg: Einsatz für ein Lächeln

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Doch dieser Tag ist anders bei Familie Komarova, seit Wochen reden die Kinder kaum von etwas anderem. "Packt eure Sachen", sagt Mutter Elena. Vier Clowns von Red Noses International sind drei Wochen in der Ukraine im Einsatz. Zum dritten Mal sind sie Teil eines psychosozialen Programms des Internationalen und Ukrainischen Roten Kreuzes. In einem Kulturzentrum in der Mitte der Stadt arbeiten sie mit den vertriebenen Kindern. Ein großer Saal aus alten Zeiten, mit Holzfußboden, hohen Fenstern und großer Bühne. Plastikteller kreisen auf Stäben, bunte Tücher werden durch die Luft geblasen. Es sind kleine Kunststücke, die Erfolgserlebnisse versprechen. Wenn sich ein Kind ausreichend konzentrieren kann. Es schafft, die Aufmerksamkeit zu halten.

Olga kann bald die Teller kreisen lassen. Doch die Frusterlebnisse waren eine Herausforderung für das Kind. "Bravo", ruft Clownin Just Liaugaud. Die 29-Jährige stammt aus Litauen, die anderen Kollegen aus Tschechien, der Slowakei und Slowenien. Die kleine Lyubava wackelt zwischen den einzelnen Gruppen hin und her. Nur Semen schafft es nicht, sich lang genug für die Übungen zu konzentrieren. Als es auch beim dritten Mal nicht klappt mit dem Drehteller, rennt er zur Mutter. Der Junge heult vor Wut, stampft auf das Holzparkett.

Aus den Übungen soll ein kleines Theaterstück entstehen. Ein König sucht sein "Land des Glücks". Aber wo liegt das? "Das ist ein fundamentale Frage für ein Kind, das seine Heimat verloren hat", sagt die Clownin. Der König wird am Ende wissen, wo das "Land des Glücks" liegt. In ihm selber. "Das haben die Kinder selber so erfunden. Ist das nicht wunderschön?", fragt Liaugaud.

Was so spielerisch aussieht, ist die Frucht präziser Vorarbeit

In ihrer Heimat besucht sie immer wieder schwer kranke Kinder. Ihren ersten Einsatz hatte sie schon als Studentin. "Da stand ich vor an Krebs erkrankten Kindern und wünschte mir, weit, weit weg zu sein. Aber dann kam ein Mädchen auf mich zu und wollte mit mir spielen. Sie hat es mir leicht gemacht", sagt die junge Frau. Ausbildung spielt bei Red Noses eine wichtige Rolle. Die "Clowndoctors" besitzen medizinisches und psychologisches Basiswissen, sind pädagogisch geschult. Was so spielerisch aussieht, ist das Ergebnis präziser Vorarbeit. Bis in die Morgenstunden haben die vier in den Tagen zuvor geübt, diskutiert, geplant.

Die Kinder aus dem Donbas sind eine besondere Herausforderung für die Clowns. Kinder, die vor Gewalt geflohen sind, deren Familie ihre Heimat verloren hat. Das wirkt sich auch auf das Verhalten aus. Hilflosigkeit, Wut oder Traurigkeit, viele ihrer Workshop-Teilnehmer waren viel zu früh gezwungen, damit umzugehen. Die Clowns müssen auch klare Grenzen setzen können. "Auch deswegen üben wir nie verkleidet. Das würde uns Respekt bei Kindern kosten", sagt Liaugaud.

Gebannter Blick aus dem Versteck

Beim großen Finale ist dann alles bunt. Die Kinder zeigen stolz ihr Stück von der Suche nach dem "Land das Glücks". Mit selbst geschneiderten Kostümen und einem König mit mächtiger Krone. Olga trägt ein Tüllröckchen in schreiender Neonfarbe und blickt stolz wie eine Prinzessin von der Bühne. Die Teller drehen sich perfekt, aus Tüchern werden Wellen, Kinderrücken zu artistischen Brücken. Semen ist nicht bei der Aufführung dabei. Aber er versteckt sich in den Vorhängen und sieht gebannt zu. So aufmerksam war er schon lange nicht mehr.

Am nächsten Tag geht Elena Komarova wieder mit ihren Kindern zum Spielplatz des Wohnblocks. Triste Sowjet-Platte, so weit das Auge reicht, ein Block nach dem anderen. Selbst die Spielgeräte sind aus Beton. In den Händen der Mutter klappern Muscheln. Erinnerungen aus einem anderen Leben, an einen Urlaub am Schwarzen Meer. Der Sohn baut eine Sandburg, die Muscheln sind die Fenster. Das kleine "Land des Glücks" der Familie Komarova.

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