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Ukraine: Donezk angeblich von Regierungstruppen eingekesselt

Foto: ANATOLII STEPANOV/ AFP

Ukraine Regierungstruppen sollen Donezk eingekesselt haben

In der Ukraine sind Regierungstruppen in der Offensive: Die prorussischen Separatisten melden, dass ihre Hochburg Donezk eingekesselt sei. Auch in Luhansk stehen die Rebellen unter Druck. Nun wächst die Furcht vor einem russischen Einmarsch.

Donezk/Kiew - In der Ukraine gewinnen die Regierungstruppen offenbar langsam die Oberhand. Sie haben anscheinend die Großstadt Donezk eingeschlossen, eine der wichtigsten Hochburgen der prorussischen Separatisten. Nach Angaben von Igor Girkin, einem ranghohen Kommandeur der Rebellen, haben Soldaten der ukrainischen Regierung Krasnyj Lutsch eingenommen. Die Stadt liegt an einer der beiden Hauptstraßen zwischen Donezk und Luhansk, einer weiteren Hochburg der Rebellen.

Krasnyj Lutsch sei "vom Feind eingenommen" worden, erklärte Girkin - auch bekannt unter seinem Kampfnamen Strelkow - auf einer Internetseite der Separatisten. Deren Donezk-Horliwka-Gruppe sei "vollständig umzingelt". Horliwka liegt etwa 30 Kilometer nördlich von Donezk.

Die Eroberung von Krasnyj Lutsch würde den von Rebellen kontrollierten Ostteil der Ukraine mit Luhansk weitgehend vom Nachschub aus dem Westen abschneiden. Auch Alexander Sachartschenko, selbsternannter Premierminister der Donezker Volksrepublik, erklärte, Donezk sei umzingelt. Ein Sprecher des ukrainischen Militärs konnte die Einnahme von Krasnyj Lutsch am Samstag aber noch nicht bestätigen.

Rebellen auch in Luhansk in Bedrängnis

In Donezk kam nach Angaben eines Sprechers der Stadt durch Beschuss von Regierungstruppen mindestens eine Person ums Leben, mehrere weitere seien verletzt worden. Rund 30 Häuserblocks hätten unter Feuer gelegen. Die Stadt, in der vor den Kämpfen rund eine Millionen Menschen lebten, von denen aber Hunderttausende geflohen sind, geriet in den vergangenen Wochen immer öfter unter Beschuss. Das ukrainische Militär erklärte, man bekämpfe damit Rebellen, die Raketenwerfer in bewohnten Gebieten aufstellten.

Auch in Luhansk stehen die Separatisten anscheinend unter Druck. Auf einer Landkarte, die vom ukrainischen Militär veröffentlicht wurde, bewegen sich ukrainische Truppen von drei Seiten auf die Stadt zu. Nur in Richtung Süden gibt es demnach noch eine Verbindung zu Separatistengebieten.

Die ukrainischen Regierungseinheiten räumten am Samstag erneut Verluste ein. Innerhalb von 24 Stunden seien mindestens 13 Soldaten getötet worden, teilte der Sicherheitsrat in Kiew mit. "Die Gefechte sind unvermindert hart", sagte Sprecher Andrej Lyssenko. Bereits am Freitag waren bei Kämpfen 15 Armeeangehörige ums Leben gekommen.

Immer häufiger gibt es Berichte über eine drohende humanitäre Katastrophe in Luhansk. Russische Nachrichtenagenturen meldeten unter Berufung auf die Stadtverwaltung, dass Luhansk seit einer Woche kein Wasser und keinen Strom mehr habe und alle Geschäfte geschlossen seien.

Angst vor russischem Einmarsch

Die russische Regierung hat mehrfach humanitäre Hilfe für Luhansk angeboten. Die Ukraine und westliche Regierungen befürchten allerdings, dass Moskau unter dem Deckmantel einer solchen Mission in die Ukraine einmarschieren könnte, um den bedrängten Rebellen beizustehen. Russland soll bereits rund 20.000 Soldaten an der Grenze zur Ostukraine zusammengezogen haben.

Die USA haben Moskau am Freitag ausdrücklich vor einer solchen Intervention gewarnt. Humanitäre Hilfen als Vorwand für einen Einmarsch zu nutzen, wäre "vollkommen inakzeptabel", sagte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, am Freitag vor dem Uno-Sicherheitsrat in New York.

Nur Stunden später hat die ukrainische Regierung von genau einem solchen Versuch berichtet. Man habe den Einmarsch russischer Soldaten verhindert, die als Friedenstruppen getarnt waren, sagte ein Berater des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. Ein langer russischer Militärkonvoi sei am Freitag angeblich in Abstimmung mit dem Roten Kreuz auf die Grenze zugefahren. Nach einem Appell der Regierung in Kiew an die Führung in Moskau habe die Wagenkolonne angehalten.

Russlands Außenministerium wies das als Märchen zurück. Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten bereits mehrfach derartige Vorwürfe erhoben, die sich nicht von unabhängiger Seite bestätigen ließen. Vom Roten Kreuz war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Nach Telefonaten mit dem britischen Premierminister David Cameron und Bundeskanzlerin Merkel machte US-Präsident Barack Obama am Abend deutlich, dass "alle russischen Interventionen, auch unter dem Vorwand der humanitären Hilfe, ohne ausdrückliche und formale Zustimmung Kiews unannehmbar" seien. In Berlin teilte die stellvertretende Regierungssprecherin Christiane Wirtz mit, Merkel sei sich mit dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko und Obama einig, "dass ein solcher Konvoi nur unter der Ägide des IKRK und mit Zustimmung der ukrainischen Regierung stattfinden könnte".

mbe/AP/dpa/Reuters