Streit um Meerenge von Kertsch Matrose Andrej und sein verhängnisvoller erster Einsatz

Andrej Ejder wollte immer zur See fahren - nun sitzt er in russischer Haft. Nach der Krise in der Meerenge von Kertsch sperrte Russland den Matrosen ein. Sein Vater hofft nun auf ein Urteil aus dem fernen Hamburg.

Iliya Pitalev/ Sputnik/ DPA

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Es war sein erster Einsatz. Mit fünf anderen sollte der ukrainische Matrose Andrej Ejder das Artillerieboot "Berdjansk" ins Asowsche Meer in den Hafen von Mariupol bringen. Von Odessa aus, an der von Russland annektierten Halbinsel Krim vorbei, weiter durch die Meerenge von Kertsch, so lautete die vorgegebene Route.

Der junge Mann, der immer zur See fahren wollte, und seine Kameraden kamen nie in ihrem Zielhafen an. Wie auch zwei weitere ukrainische Militärschiffe mitsamt ihrer Besatzung.

Dmitrij Ejder zeigt das Foto seines Sohnes Andrej, der seit 25. November von Moskau gefangenen gehalten wird
Privat

Dmitrij Ejder zeigt das Foto seines Sohnes Andrej, der seit 25. November von Moskau gefangenen gehalten wird

Am 25. November vergangenen Jahres wurde eines der ukrainischen Boote vom russischen Grenzschutz, der dem Inlandsgeheimdienst FSB unterstellt ist, vor der Meerenge gerammt, die Schiffe dann festgesetzt. Schüsse fielen.

Andrej wird dabei schwer an Oberschenkel und Hand verletzt. Später wird er wie die anderen 23 Ukrainer, darunter zwei Agenten des Geheimdienstes SBU, nach Moskau gebracht, wo er seitdem in Untersuchungshaft sitzt. Er ist der jüngste der Gefangenen.

Seit sechs Monaten befinden sich die Männer nun in russischer Gewalt - trotz internationaler Proteste. Dmitrij Ejder kann nur über die Moskauer Anwältin der Familie mit seinem Sohn Kontakt halten, zweimal im Monat können sie Nachrichten austauschen.

Beschluss des Internationalen Seegerichtshofs

Am Samstag schauen die Ejders nach Hamburg. Dort entscheidet der Internationale Seegerichtshof am Mittag über einen Antrag der Ukraine, Matrosen und Schiffe freizulassen. Das Gericht wacht über die Einhaltung des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen, schlichtet Streitigkeiten auf den Meeren.

"Ich hoffe, der Beschluss erhöht den Druck auf Russland", sagt Vater Ejder. Seiner Meinung nach hat Moskau die Genfer Konvention gebrochen, welche den Schiffen, auch Militärbooten, freie Durchfahrt und Immunität garantiert. "Unsere Jungs wollten unsere Schiffe von einem zum anderen Hafen bringen, so wie bereits wenige Monate zuvor, damals gab es keine Zwischenfälle", sagt der 37-Jährige. "Die Männer sind nicht aggressiv geworden, gegen sie wurde Gewalt angewendet."

SPIEGEL ONLINE (Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL))

Russland benutze seinen Sohn und die anderen nur, sagt Ejder. "Moskau hat unsere Männer zu Kriegsgefangenen gemacht, zu Marionetten dieses Spiels."

Ejder meint den Konflikt, der sich zuspitzte, als Russland vor fünf Jahren die Krim besetzte und begann, im Donbass moskautreue Kämpfer zu unterstützen. Mit dem Bau der Krimbrücke vom russischen Festland auf die Halbinsel übernahm Moskau zudem die Kontrolle über das 45 Kilometer breite Nadelöhr, das das Schwarze mit dem Asowschen Meer verbindet. Seine Stärke demonstriert Russland seitdem auch zu Wasser: Handelsschiffe, welche die ukrainischen Häfen anlaufen wollen, müssen tagelang warten, bis sie die Meerenge passieren dürfen. Offiziell spricht Moskau von Sicherheitsgründen.

Moskau abwesend

In Hamburg erschien Russland erst gar nicht mit einem eigenen Vertreter vor dem Seegerichtshof. Es teilte in einem Schreiben mit, das Tribunal sei nicht zuständig für den Fall. Die russische Botschaft beruft sich auf eine Klausel in der Seerechtskonvention, die Streitigkeiten über militärische Handlungen ausnimmt - und spricht von "militärischen Provokationen".

Das erstaunt, weil Moskau immer betont hat, dass die ukrainischen Männer keine Kriegsgefangenen seien. Man befände sich mit der Ukraine ja auch gar nicht im Krieg. Offiziell beschuldigt Moskau die Matrosen, russische Grenzen verletzt zu haben.

Kiew bestreitet, dass die Boote in der Zwölf-Meilen-Zone unterwegs waren. Zudem hätten die Schiffe bereits abgedreht, um nach Odessa zurückzukehren, als sie durch den FSB gekapert wurden.

Im Video: Russisches Schiff rammt ukrainischen Schlepper

Twitter / Arsen Awakow

Hinter all den Streitigkeiten um die Schiffe der Ukraine steht die viel größere Frage der Zugehörigkeit der Krim: Für Kiew und die internationale Gemeinschaft verstößt die russische Annexion gegen das Völkerrecht - die Halbinsel und die umliegenden Gewässer sind damit nach wie vor Teil der Ukraine. Für Moskau gehört die Halbinsel zu Russland, Verhandlungen darüber vor dem Gerichtshof dürfe es nicht geben, sagt die Botschaft.

Vorbild Greenpeace-Schiff

Die genaue seerechtliche Überprüfung des Zwischenfalls vor der Meerenge von Kertsch dürfte noch sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Das weiß auch Kiew, das deshalb die Freilassung der Matrosen in Form von einstweiligen Maßnahmen beantragt hat. Vorbild ist der "Arctic Sunrise".

Der Geheimdienst FSB hatte das Greenpeace-Schiff 2013 im Nordpolarmeer geentert und die Besatzung festgenommen, die Niederlande klagten dagegen. Auch wenn Russland die Zuständigkeit des Seegerichtshofs offiziell nicht anerkennt, umgesetzt hat es Entscheidungen dennoch: "Im Fall der 'Arctic Sunrise' sogar viel schneller, als viele es erwartet hätten", sagt Sergej Golubok, Anwalt eines damals Festgehaltenen, der Kreml-kritischen Zeitung "Nowaja Gazeta".

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Eskalation vor der Krim: Das Schicksal von Matrose Andrej

Das lange Warten zermürbt

In Odessa mag Vater Ejder daran nicht so recht glauben. "Ich hoffe so sehr, dass mein Junge freikommt. Aber ich weiß, dass die Realität um einiges komplizierter ist", sagt der Vater. Damit meint er auch die innenpolitischen Diskussionen in der Ukraine. Es gibt Stimmen, die dem früheren Präsident Petro Poroschenko vorwerfen, den Zwischenfall vor Kertsch für Wahlkampfzwecke provoziert zu haben. Ejder sieht das anders.

Und selbst wenn die Entscheidung zu Gunsten der Ukraine ausfallen würde, "wer garantiert uns, dass Russland sie auch wirklich umsetzt, das kann alles dauern", sagt der Vater. Immer wieder würden Menschen versuchen ihm Hoffnung zu machen. Aber dieses Hoffen macht müde, sagt er. Die Anwältin in Moskau habe ihn bereits auf Jahre des Wartens vorbereitet.

Andrej Ejder in Matrosenuniform
Privat

Andrej Ejder in Matrosenuniform

Ejder spricht ruhig im Telefonat mit dem SPIEGEL: "Mein Vater war Offizier, über Gefühle hat man nicht gesprochen, viel mit sich ausgemacht." Der Großvater lebt inzwischen nicht mehr, "er hat die Gefangenschaft seines Enkels nicht verkraftet". Andrej weiß das noch nicht.

Ihm geht es körperlich wieder besser, sagt Dmitrij Ejder. Seelisch sei es natürlich schwer, wie Gedichte zeigen, die Andrej seiner Freundin und Familie aus dem Gefängnis ins 1300 Kilometer entfernte Odessa schickt. Darin schreibt er über das "Dagewesene als glücklicher Traum" und die "Bitterkeit der Trennung". Sein Vater dokumentiert jede dieser Zeilen auf Facebook. Er hat einen großen Wunsch: "Die Welt soll meinen Jungen und die anderen Matrosen nicht vergessen."

Mitarbeit: Katja Lutska, Kiew; Alexander Chernyshev, Moskau

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