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10. Dezember 2017, 12:09 Uhr

Kämpfer in der Ost-Ukraine

Die Geister des Donbass

Aus Avdiivka im Donbass berichtet

Noch immer hocken Männer in Schützengräben, noch immer knattern die Gewehre - der Konflikt im Donbass ist fast vergessen, aber längst nicht vorbei. Besuch bei Kämpfern an der Front.

Der Weg zu Sergiy beginnt im "Aquarium". Ein Wellblechhangar, den Kalaschnikow- und MG-Salven durchsiebt haben. Kein Quadratmeter blieb ohne Einschüsse. Jetzt fallen durch sie Lichtstrahlen in das Halbdunkel der Halle. Einige Soldaten sahen in den Lichtern kleine Fische. Daher der Name. Es könnten auch Sterne in einem Planetarium sein. Es ist eine unwirkliche, gespenstische Kulisse. Dazu passen die Salven, die aus der Entfernung herüberhallen.

Hinter dem Hangar beginnen die Schützengräben, durch Erdreich und Stein gehackt. Tote Bäume, die in den kalten Herbsthimmel ragen. Verbogener Stahl und geborstene Betonpfeiler, eingestürzte Bauten.

Das ist Promka, einstige Industriezone von Avdiivka. Im vergangenen Winter ging es in Promka hoch her. Prorussische Separatisten und ukrainische Soldaten versuchten, Gelände zu gewinnen. Das Industrieviertel schiebt sich in Richtung des nahen Donezk, eine Straße zur Großstadt führt vorbei. Zwei strategische Gründe, für die Soldaten sterben. Die Kampflinien scheinen eingefroren, in den Ruinen an der Front haben sich die Kämpfer verbarrikadiert und eingegraben. Geschossen wird noch immer, trotz vereinbarten Waffenstillstands. Scharfschützen fordern Verluste.

Auch heute bleibt es nicht ruhig. Als Maschinengewehre knattern, heißt es: rennen, zur nächsten sicheren Mauer. Dann hinein in den nächsten Graben, Kopf nach unten, wenn die Deckung nicht ausreicht. Links vorbei an einem Stahlgerippe mit schwarzen Fensterhöhlen. Ein kurzer Anlauf, und es folgt der Sprung hinein in die nächste Ruine.

In einer wartet Sergiy mit seinen Männern. Es ist der letzte Posten, bevor Feindesland beginnt. Die Männer haben Sandsäcke und Balken bis zur Decke aufgetürmt. Drei, vier Schießscharten sind ausgespart, davor liegen die Maschinengewehre griffbereit. Und die Schaufensterpuppe ohne Unterleib. Die Soldaten halten sie hoch, um zu testen, ob auf der anderen Seite Scharfschützen auf der Pirsch sind. Offensichtlich sind sie das häufig, zählt man die Einschüsse.

Die Puppe hat einiges abbekommen. Sergiy nimmt sie fast zärtlich kurz in den Arm. Er erzählt, wie sie Leben schützt, mit ihrer Silhouette den Feind überlistet.

Im Video: Szenen aus dem Kämpferalltag im Donbass

Sergiy ist erfahren: Jahrelang diente er in Spezialtruppen. Im Kosovo war er auch schon im Einsatz. 1999, nach Abzug der damaligen jugoslawischen Sicherheitskräfte, sicherte er einen wackeligen Frieden. Sergiy war danach längst im zivilen Leben angekommen. Er gründete eine Familie. Ein kleines Geschäft warf genug zum Leben ab. Dann, als im Jahr 2014 im Osten der Ukraine der Konflikt aufflammte, meldete er sich nach Jahren wieder freiwillig zur Armee. Seitdem kämpft er an vorderster Linie.

"Ich bin gut ausgebildet, da war es meine Pflicht", meint Sergiy knapp. An Soldaten wie ihm gab es 2014 einen Mangel in der ukrainischen Armee. Das ist immer noch so. Die Armee bräuchte mehr Freiwillige, das ist kein Geheimnis in der Ukraine. "Ich verlängere, bis die Aufgabe erledigt ist", sagt er deshalb.

Bereits fünf Mal hat er das getan. Dass es ihm immer schwerer fällt, kann er kaum verbergen. Der 41-Jährige hat müde blaue Augen. Seine Frau und zwei kleine Kinder warten zu Hause. Sergiy sucht nach Sätzen, um zu beschreiben, wie sehr er sie vermisst. Er bricht traurig ab.

Er ist kein Mann großer Worte, versucht, alles so rational und militärisch knapp zu erklären, wie irgendwie möglich. Keine Propagandahülsen, keine Hasstiraden auf die andere Seite. Fast könnte man vergessen, dass in der Promka der Wahnsinn herrscht. Nur fast.

Sergiy erzählt von einem Soldaten seines Trupps, den er vor Kurzem verloren hat. "Es war ein feiner Kamerad", sagt der 41-Jährige und schweigt für einen Moment. Dann sagt er plötzlich: "Meine Seele fühlt sich leer an." Frieden? Vielleicht hat Sergiy Angst davor, dass er den Frieden für sich selbst nicht mehr finden kann. Dass er den eigenen Kindern fremd wird, seiner Frau und sich selbst. In all den Jahren an der Front, in der Hoffnungslosigkeit der Promka.

Zehn Kilometer entfernt: Als die Salve kracht, blickt Stanislav kaum auf. Erst als die zweite und dritte folgt, greift sein Kamerad zum Fernglas. Stanislav läuft durch den Graben zum MG-Stand. Unter seinen Füßen knirschen Sand, Steine und Patronenhülsen. Ein viertes Mal hallen die Schüsse in den Schützengraben der ukrainischen Soldaten. Der 21-Jährige zielt in Richtung Wald. Dort vermutet er die Separatisten.

Dann bleibt es still, und der junge Leutnant atmet auf. Stanislav ist der Jüngste in seiner kleinen Einheit. Oft nicht halb so alt wie die Männer, für die er verantwortlich ist. Das sind erfahrene Kämpfer mit der Kippe im Mund. Und er? Kommt gerade von der Offiziersschule in Odessa. Immerhin, in den ersten Monaten konnte er sich schon einigen Respekt erarbeiten.

Gemeinsam haben sie Schützengräben ausgehoben. Er und seine Soldaten, zwei Monate lang. "Das war eine Plackerei. Handarbeit ohne jede Maschine", Stanislav lacht leise. Gut zehn Kilometer Luftlinie liegt zwischen seiner Stellung und Promka. "Mein größter Wunsch ist, dass alle meine Männer lebend und gesund von ihrem Dienst heimkehren", sagt er. Ein falscher Befehl, eine falsche Einschätzung kann das Leben seiner Leute bedeuten. Dessen ist sich Stanislav bewusst.

Es ist ein Druck, der schwer, manchmal unerträglich schwer, auf dem jungen Mann lastet. Stanislav spricht leise. Ein höflicher Mann, zurückhaltend, fast ein wenig schüchtern. In seiner Stimme schwingt immer ein wenig Sorge mit. Daheim spricht er mit seinen Kumpels über Fußball, hört sich die Rock-Klassiker von den Scorpions an. Zu Hause geht das Leben weiter, als würde es sie nicht geben, die endlos langen Schützengräben, den nächtlichen Beschuss. Die Toten und Verwundeten.

"Es schmerzt mich schon, wenn ich mitbekomme, wie wenig das viele unserer Menschen zu interessieren scheint", sagt der junge Offizier. Er will nicht, dass er zu Hause als Held gefeiert wird. Selbst den Mangel an Freiwilligen kritisiert er nicht. "Jeder muss die Entscheidung für sich selbst treffen", sagt er. Aber Respekt für die Frontsoldaten, für die Zivilisten, die unter den Folgen des Konflikts leiden, den fordert er ein.

Stanislav ging freiwillig zur Armee, er kommt aus einer Militärfamilie. Seine Mutter hat geweint, als er ging. Stanislav will Soldat bleiben. Auch wenn der Konflikt irgendwann beendet sein sollte. In zehn Jahren will er ein Bataillon kommandieren. "Hoffentlich hat meine Heimat dann Frieden gefunden", sagt der 21-Jährige.

Dann geht es zurück von der ersten Linie zum Lager. Durch verschlungene Gräben unter Mauern hindurch. Im Keller eines verlassenen Hauses haben sie sich eingerichtet, Stockbetten zusammengezimmert. In der Mitte bollert ein Kanonenofen, ein Kamerad hat einen Borschtsch aufgesetzt. Wie fast jeden Tag. Bald wird die Dunkelheit kommen und meist auch irgendwann in der Nacht der Beschuss. Dann werden sie wieder durch die Gräben zur ersten Linie laufen. Stanislav wird hoffen, dass es bis zum Morgen niemanden erwischt. "Ich habe so viel Glück gehabt bisher. Alle meine Männer sind unverletzt", sagt er. "Dafür bin ich dankbar."

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