Stimmen zum Krim-Referendum "Putin imponiert mir" - "Putin hat uns verraten"

Die Krim stimmt ab über den Anschluss an Russland: In Sewastopol bejubeln bewaffnete Russen die "Korrektur einer historischen Ungerechtigkeit", Tataren sinnen auf Rache, Studenten bangen um ihr Examen. Acht Stimmen von einer zerrissenen Halbinsel.

SPIEGEL ONLINE

Aus Simferopol berichtet


Am Sonntag verlässt Juri Reschetnik sein kleines Haus in Simferopol, der Gebietshauptstadt der Krim, und bricht auf zum Wahllokal. Er nimmt Abschied von der Ukraine. Reschetnik hat als Kampfsport-Trainer für das ukrainische Innenministerium gearbeitet, er hat Polizisten ausgebildet. "Meine Jungs standen auf dem Maidan", sagt er. Viele sind verbittert aus Kiew zurückgekehrt, manche voller Hass auf die Demonstranten und die neuen Machthaber.

Reschetnik aber spürt keinen Groll, höchstens Erleichterung. Er wolle nichts Schlechtes sagen über die Ukraine, er habe das Land geliebt. Aber unter den gegebenen Umständen könne die Krim nicht länger Teil der Ukraine bleiben.

Wie Reschetnik sind am Sonntag 1,8 Millionen Wahlberechtigte auf der Halbinsel zu den Wahlurnen aufgerufen. Erwartet wird eine überwältigende Mehrheit für den Anschluss an Russland. Im Krim-Fernsehen begrüßen die Moderatoren die Zuschauer mit dem Ruf "Herzlichen Glückwunsch zu unserem Festtag".

Doch das Wahlergebnis wird das wahre Stimmungsbild nur unzureichend wiedergeben: Ja, eine Mehrheit der Krim-Bevölkerung setzt große Hoffnungen in Russland und bejubelt die "Korrektur einer historischen Ungerechtigkeit". Doch die Zahl der Skeptiker ist in Wahrheit größer als die Zahl der Nein-Stimmen am Abend suggerieren wird. Die Gegner einer Vereinigung mit Russland boykottieren die Abstimmung. Die Halbinsel ist zerrissen. "Putin imponiert mir", sagte die Fabrikarbeiterin Irina Gratilo aus Sewastopol. "Putin hat uns verraten", meint Nikolai, 32, ein Baustoff-Händler aus Feodossija.

Lesen Sie hier die Meinung von acht Krim-Bewohnern zum Referendum

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